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Als Erzählerin riskiert sie immer wieder alles: Herta Müller.

Herta Müller

Ich kann nicht sprechen, wie ich schreibe

Das Vaterland als Apfelkern: Die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 im Gespräch. Herta Müller findet immer wieder zu ihren Ursprüngen zurück.

Von Jürgen Verdofsky

Auch im Gespräch ist Herta Müllers habituelles Gedächtnis von einer Art, die zur Dichtung gehört. Die spiralförmige Bahn ihres Lebens bringt sie immer wieder zu ihren Ursprüngen zurück. Alles aufgereiht auf einem nicht endenden Faden. Dabei behauptet sich eine Notwendigkeit, die dem Erlebten übergeordnet bleibt: An welcher Grenze kommt das Menschliche abhanden? Und wie ist von all dem zu erzählen?

Der Gesprächsfluss in „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ scheint sich eingangs in enger Beziehung zum Vorwissen der Leser aus Leben und Werk der Nobelpreisträgerin zu halten, nicht zuletzt weil sich Angelika Klammer als Stichwortgeberin bescheidet. Aber Herta Müllers Gesprächs-Temperament weitet alles durch genuines Ausschweifen. „Ich kann nicht so sprechen, wie ich schreibe.“ Und die neuen Überschüsse sind bilateral, biografisch und ästhetisch. Ein Akt der Anschauung, der bereits in der Kindheit wirkt, die äußere Welt schafft Beschränkungen, gegen die sich eine innere Façon mit Phantasie wehrt. Die Frage, ob es Dinge gibt, die ganz für sich und unabänderlich sind, steht von Anbeginn.

Das Kind aus dem „fingerhutkleinen Dorf am Rand der Welt“ findet, auf sich allein geworfen, in der Pflanzenwelt die affektive Gegenwelt, die die Sprachlosigkeit der Erwachsenen durchbricht. Das Kind spürt eine „Angst vor der Angst“. Alles ist bedrohlich, die Eltern, die Nachbarn, die Arbeit. Die prügelnde Mutter ist nach fünf Jahren im sowjetischen Arbeitslager verhärtet. Der Vater schweigt über seine Zeit in der Waffen-SS, wie alle anderen Kriegsteilnehmer des Dorfes auch. Eine Lähmung hat alle befallen, zu Zeugen werden nur die Dinge. Die Erfahrung dieser Leere verschlägt die Sprache. Das Kind muss seine eigene finden, den eigenen Takt und Klang der Wörter. Und wie die phantasie-aufgeladenen Wörter im Werk nachhallen, welche langen Deutungslinien sie mit der Kindheit verbinden, lässt sich hier bis zum Apfelkern entdecken.

Mit dem Gymnasium in der Stadt beginnt der Wechsel vom deutschen Banatdialekt in die rumänische Sprachwelt. Zweigeteilt auch diese. Auf der Straße das sinnliche, frivole Alltagsrumänisch, in der Schule, auf den Behörden, in den Zeitungen die farblose, sinnentleerte Sprache der Macht. Sprachverwahrlosung bis zur totalen Verkehrung von Bedeutungen. Noch anders die Geheimdienst-Vulgata, der Herta Müller ausgesetzt wird, als sie einen Anwerbungsversuch der Securitate entschieden ablehnt. Die jahrelangen Schikanen und Bedrohungen haben eine eigene Sprache. Die falschen Anschuldigungen sind inverse Fiktionen, die Drohungen real, auch wenn sie blumig sind: „Wer sich sauber anzieht, kann nicht dreckig in den Himmel kommen.“ Das sind keine gestaltlosen Umrisse der Angst, solche Sätze bleiben fürs Leben.

„Über das Schreiben lässt sich nur schwer reden"

Verlorenheit und Verletzungen, zwangsläufige Lebensversäumnisse, ein Dauerdröhnen der Hoffnungslosigkeit im rumänischen Realsozialismus. Existenzielle Verzweiflung. Vor diesen Zumutungen ist das Gesetz der Vergänglichkeit machtlos. Herta Müller spricht aus dem Detail, ihr Befund ist kein anekdotischer, es ist ein grundsätzlicher. Das Schlimmste: Die Securitate regiert und treibt manches Leben vor sich her, nicht selten bis an den Abgrund. Bespitzelt und bedroht wird nicht nur Herta Müller, sondern auch ihr gesamter Freundeskreis, Schriftsteller wie sie. Eine starke Fallgeschichte, die sich im Gespräch noch eindringlicher zeigt als in ihren Romanen. Dazu gehören auch der ungeklärte Tod von Roland Kirsch und der Suizid von Rolf Bossert. Die Anerkennung dieser Ordnung bei gleichzeitiger Resignation konnte Herta Müllers Weg nicht sein, 1987 ertrotzt sie sich den Weg in den Westen.

Heißt es anfangs noch, „über das Schreiben lässt sich nur schwer reden…, es hilft dem Schreiben absolut nichts, wenn man darüber spricht“, werden die Passagen über die gemeinsame Arbeit mit Oskar Pastior zu einem feinsinnigen Stück über das allmähliche Herrichten der Erinnerungen für den Text. Wenn alles da ist, aber noch nichts am Platz. „Das Geschehene geschieht auch noch einmal beim Schreiben. Darum ist nichts Erlebtes fertig. Es hängt ganz von der Sprache ab, ob es gutgeht.“

Pastior hat das „Nichtsein“ erlebt. Die Ganzheit seines Lebens ist von diesem Wissen umschlossen. Schwerstarbeit, Kälte und Hunger, Einsamkeit und Krankheit, Abstumpfung und Verrohung. Er konnte erst darüber sprechen, als Herta Müller über die Lagerzeit ihrer Mutter recherchierte.

Wie qualvoll, aber auch empathisch dieses detailreiche Bewahren der Erinnerungen an das Arbeitslager wurde, offenbart das Kapitel über den Roman „Atemschaukel“, das bereits aus der Literaturzeitschrift „Volltext“ bekannt ist. Mitten in der gemeinsamen Arbeit starb Oskar Pastior vor acht Jahren. Herta Müller wird ihm mit der Figur Leo Auberg in dem Roman „Atemschaukel“ literarisch gerecht. Ihr Erzählwerk ist von autobiographischen Einschlüssen getragen, „Atemschaukel“ ist die Ausnahme. Wie viel sie als Erzählerin hier riskiert hat, ist mit „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ zu erkennen. Ein offenes Buch, das sich zu seiner affektiven Färbung bekennt. Das unbeschwerte, fast heitere Stück über die Kunst der Collage beschließt das ernste Buch. Als Collage entstand das Gedicht: „Mein Vaterland war / ein Apfelkern man / irrte umher zwischen /  Sichel und Stern.“ Als Bild gehört dazu eine zusammengesetzte Person.

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Hrsg. von Angelika Klammer. Hanser Verlag. 240 Seiten, 19,90 Euro.

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