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Unter Münchner Dächern entdeckt Friedrich Ani immer neue Tragödien.

Friedrich Ani

Er kann nicht aufhören zu reden

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Und Friedrich Anis neuer pensionierter Kommissar hört zu und fragt nach in dem neuen Kriminalroman „Der namenlose Tag“.

Wie nur bei wenigen Autoren des Genres „Spannungsroman“ meint man bei Friedrich Ani Buch um Buch – und es sind mittlerweile viele – wahrzunehmen, dass er genau das schreibt, was er schreiben will. Ohne Rücksicht auf einen vermuteten Publikumsgeschmack. Ohne ein Schielen auf Bestseller-Listen. Die Adler-Olsens, Maden-Becketts, Klüpfel-Kobr-Scherzkekse, Browns und Mankells dieser Welt sind darum mühelos an ihm vorbeigezogen, wenn man nur die Auflagenzahlen betrachtet. Aber wenn man etwas über die Menschen erfahren will und wie sie durchs Leben schlingern, weil’s halt besser nicht geht, dann muss man den 1959 geborenen Friedrich Ani lesen.

Im Jahr 1996 erschien sein erster Roman um Tabor Süden – kein Mordermittler, sondern ein Vermissten- und Sich-selbst-Sucher. Dann kam Polonius Fischer, der Ex-Mönch bei der Kripo, ein Denker eher als ein Handler. Dann der durch einen Unfall erblindete Jonas Vogel, der seinem bloß sehenden Polizisten-Sohn zur Seite steht. Und nun Jakob Franck, Kommissarspensionär, dem die Toten seines langen Berufslebens nicht aus dem Kopf gehen. Der eigentlich nicht so recht weiß, was er nun mit seiner Zeit anfangen soll. Und der darum mit dem weitermacht, was er am besten kann: zuhören.

So zögernd wie im nächsten Moment wild entschlossen kommt in „Der namenlose Tag“ ein Mann zu ihm, Ludwig Winther, der vor einundzwanzig Jahren seine Tochter durch Selbstmord verlor – oder verloren haben soll, denn er glaubt nicht daran, er glaubt an Mord (oder will es glauben). „Ich hör auch gleich auf zu reden“, sagt er, und kann doch nicht aufhören zu reden. „Wo war ich, als ich da sein hätt müssen? In Salzburg. Salzburg, wo ist das? Im Niemandsland.“ Und als er zurückkam vom Fortbildungskurs Verkaufsstrategien in Salzburg, den die Firma spendiert hatte, da hing die 17-Jährige schon vom Baum. Und natürlich war die Frau schuld, vor allem. Bis sich auch die Frau das Leben nahm.

Einen Kaffee, einen Schnaps

Franck und Winther trinken einen Kaffee und einen Schnaps zusammen, Winther redet. Und Franck verspricht schließlich, ein wenig nachzuforschen. Denn zwar war er nicht mit dem Fall der 17-jährigen Esther befasst, hat aber, wie in vielen anderen Mord- und Unfall-Fällen, die schlimme Nachricht überbracht – einfach, weil er es besser konnte als die Kollegen. Und er hat, wie er sich nur zu gut erinnert, Esthers untröstliche Mutter völlig unprofessionell und über Stunden in den Armen gehalten.

Wie gut, dass Friedrich Anis Ermittler immer wieder die Menschlichkeit über die Professionalität stellen. Mit ihrem Autor altern sie, stellen aber das Suchen nach der Wahrheit – nicht nach einer großen W., das wäre vermessen, sondern nach vielen kleinen Wahrheiten – nie ein. Nun also ahnt, nein, weiß Ex-Kommissar Jakob Franck, dass er dem Vater 21 Jahre später nicht wird berichten können, was dieser gern hören würde: hier ist der Mörder, Herr Winther! Aber er schickt sich in die Rolle eines aufmerksam nachfragenden Therapeuten und Seelsorgers.

Alles ist Sprechen und Zuhören in den Romanen Friedrich Anis. „Möchten Sie mir etwas erzählen?“, fragt Jakob Franck zum Beispiel. „Warum? Haben Sie nichts Besseres vor?“, lautet die Antwort zum Beispiel. Nein, er hat nichts Besseres vor. Franck spricht mit der einst besten Freundin Esthers. Mit einem jüngeren Freund. Mit dem Zahnarzt, den der Vater verdächtigt, weil er es mit Teenagern hatte. Er fährt sogar zu Esthers Tante nach Berlin. Auf eigene Kosten, versteht sich, denn er ist ja nicht mehr im Dienst.

Was er herausfindet, weiß Ludwig Winther im Grunde – und will es eigentlich nicht wissen. „Der namenlose Tag“ ist eine Geschichte von Vergeblichkeit. Und die einer kleinen Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig gar nicht guttaten. Eine sich in weniger dramatischer Form vieltausendfach ereignende Geschichte also, wunderbar erzählt.

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