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So musste es enden, ahnt der Kolonialist bei James Gordon Farrell: Indische Soldaten feiern die Unabhängigkeit des Landes, hier 2007.
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So musste es enden, ahnt der Kolonialist bei James Gordon Farrell: Indische Soldaten feiern die Unabhängigkeit des Landes, hier 2007.

„Die Belagerung von Krishnapur“

Das kann jetzt ungemütlich werden

James Gordon Farrells prächtiger Roman „Die Belagerung von Krishnapur“ von 1973 führt ins koloniale Indien. Selten wurde kolonialer Hochmut und kultureller Dünkel derart bittersüß zerlegt.

Von Martin Oehlen

Dieses Reich wird eines Tages fallen – daran kann kein Leser zweifeln, der den aufwühlend-komischen Roman „Die Belagerung von Krishnapur“ nach vielen schönen Lektürestunden ein letztes Mal zugeklappt hat. Natürlich weiß er das auch, weil der weitere Gang der Geschichte verbürgt ist: Großbritanniens Kolonial-Herrschaft über Britisch-Indien, die im 19. Jahrhundert unumstößlich schien, wurde 1947 von der Unabhängigkeitsbewegung unter Mahatma Gandhi beendet.

Die Briten hatten dort buchstäblich nichts verloren. Das wird aus der fiktiven Geschichte deutlich, die gleichwohl nah an der Historie entlanggeschrieben ist. Die Meuterei von Lucknow im Jahre 1857 ist das historische Vorbild für die „Belagerung von Krishnapur“, mit der James Gordon Farrell (1935–1979) den Booker-Preis gewann. Dieser Roman bildet das 1973 veröffentlichte Mittelstück der Empire-Trilogie, zu der noch „Troubles“ und „The Singapore Grip“ gehören. Allen gemeinsam ist die Kritik am Kolonialismus.

Der große Zusammenprall

George Fleury, der britischen Oberschicht angehörend und mit seinen Gedanken gerne nicht bei der Sache, erreicht im Jahre 1857 den britischen Außenposten im indischen Krishnapur. An seiner Seite beobachten wir den „Clash of Civilizations“, den Zusammenprall von viktorianischem Standesdünkel und indischem Kastensystem.

Dass es ungemütlich werden könnte, ahnt Mr. Hopkins, der Leiter der Zivilverwaltung. Ihn erreichen mehr und mehr Nachrichten über Unruhen im Lande. Doch seine Sorge mag zunächst niemand in der britischen Gemeinde ernst nehmen. Denn – man sei doch Brite, stehe als solcher auf einer zivilisatorisch höheren Stufe als die lieben Inder, von denen man im übrigen erwarte, dass sie sich nichts als glücklich schätzten, von einer solch ehrenwerten Kolonialmacht beherrscht zu werden. So denkt im Grunde auch Mr. Hopkins. Aber – ein gewisser Zweifel bleibt, ob alles ruhig bleiben werde.

Tatsächlich ist es ein scheinbar marginales Detail, das die Unruhen auslöst, die als „Sepoy-Aufstand“ in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Die Patronen für die neuen Enfield-Gewehre sind nämlich mit Rinder- und Schweinefett eingefettet, was bei den glaubensfesten Hindus und Muslimen, die in der britischen Armee Dienst tun, die Befürchtung auslöst, sich durch den Kontakt mit diesen Fetten zu verunreinigen. Ja, sie halten die Einführung des neuen Waffenmaterials für „einen besonders infamen Versuch der Briten“, so wird es im historischen Anhang des Romans ausgeführt, „sie zu christianisieren“.

Der Aufstand zwingt Hopkins und seine Getreuen aus der Britischen Ostindien-Kompanie, sich in Krishnapur zu verbarrikadieren. Zwar ist die Verbund zahlenmäßig unterlegen. Doch gelingt es immer wieder, die Angriffe der Aufständischen abzuwehren. Allerdings unter großen Verlusten.

Farrell schildert diese Belagerung als schieren Irrsinn. Die Beschreibung erinnert an den Kampf um Canudos, geführt in Brasilien zum Ende des 19. Jahrhunderts, den zunächst Euclides da Cunha und dann Mario Vargas Llosa in faszinierenden Epen beschrieben haben. Nur – wo die Südamerikaner den Menschen in seiner existenziellen Verzweiflung präsentieren, lässt ihr britischer Kollege dessen Lächerlichkeit aufblitzen.

Der Padre im Pulverqualm

So irrlichtert ein Padre durch den Pulverqualm und missioniert unter den eigenen Glaubensbrüdern. Selbst als die Kanonen aus Munitionsmangel mit Silberbesteck, Kerzenständern und Blitzableitern gestopft werden, wettert er noch gegen die menschliche Hybris. Ein Monologisieren über Glaube und Fortschritt, Gottes Plan und die „Great Exhibition“ in Londons „Crystal Palace“. Warum freilich die Bibel nicht in englischer Sprache verfasst worden ist, kann er sich auch nicht erklären.

Ein kurioses Völkchen hockt da zusammen, umzingelt von den Aufständischen und beobachtet von Schaulustigen auf einem nahen Hügel. Zwei Ärzte streiten um die rechte Behandlung der Cholera, Fleury formuliert steile Thesen, Lucy muss sich infolge einer Hornkäfer-Attacke komplett entkleiden und überhaupt wird die viktorianische Etikette mehr und mehr ignoriert. Höchste Zeit, dass Hilfe von außen naht.

Auch dieses Finale nutzt Farrell, um seinem bissigen Witz freien Lauf zu lassen. Selten zuvor wurde kolonialer Hochmut und kultureller Dünkel derart bittersüß zerlegt. Ein großartiger Roman – unterhaltsam, lehrreich und mit Haltung.

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