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Der US-amerikanische Schriftsteller Jerome D. Salinger.

Literatur

Es kann einen umhauen

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„Der Fänger im Roggen“, wiedergelesen zum 100. Geburtstag des exklusiven Erfolgsautors J.D. Salinger.

Einige Jahrzehnte später ist eine Enttäuschung zu erwarten, aber sie stellt sich nicht ein. Natürlich haben sich die Akzente verschoben. Nach so vielen Staffeln „The Wire“ kann der fluchende Holden Caulfield nicht mehr imponieren. Ein 16-jähriger Internatsschüler aus dem Manhattan der Fünfziger bleibt in dieser Frage ohnehin harmloser, als es deutschen Mittelstufenschülern Anfang der Achtziger vorkam.

Aber auch in einer mündlichen Sprache und jugendlichem Kummer und Abscheu aller Art gegenüber weit geöffneten Literatur ist J. D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ von 1951 keineswegs bloß das Original und die Folie für eine Reihe Geschichten über gefährdete Jugendliche in Büchern von Heinrich Böll über Ulrich Plenzdorf bis Helene Hegemann.

Es macht ferner, auch das ist überraschend, wenig aus, eine ältere Übersetzung des Buches zu lesen, zum Beispiel jene, die Böll Ende der fünfziger Jahre überarbeitet hat. Es ist eine entsetzliche Übersetzung, jedenfalls ein weiterer Beleg dafür, dass Übertragungen anders als die Quellen fatal altern. Das geht vom „Antelefonieren“ bis zum hilflosen Umgang mit dem englischen „sexy“. Aus dem „Fuck you“-Gekritzel wurde ein verlegenes „... dich“. Das allerdings soll einem Eingriff in der ersten britischen Ausgabe entsprochen haben; ein „Fuck you“ an einer Schultoilette oder auf einem Grabstein: das ist übrigens selbst Holden Caulfield zu viel. Aber nein, die Übersetzung stört dennoch kaum, denn so sorgfältig Salinger seinen Text gestaltet hat, so sehr ist es das unaufhaltsame Weiterfließen des Lebens und Erlebens, das eine unerhörte Wirkung entfaltet.

Zweieinhalb Tage, kurz vor Weihnachten. Holden Caulfield ist 16, während er erzählt, ist er ein Jahr älter und offenbar in einer psychiatrischen Einrichtung. Das ist eine Erleichterung. Er hat zumindest die nächsten Monate überlebt. Eben noch hat er sich einen Samstagabend mit faden Internatsschülern um die Ohren geschlagen (Jungen unter sich, auch nicht lustig), jetzt hält er es nicht mehr aus und besteigt einen Zug Richtung Heimat, New York. Er ist erneut der Schule verwiesen, auf die paar Tage bis zu den Ferien kommt es ihm nicht mehr an.

Holden Caulfield ist schwer deprimiert, und zwei kurze Gespräche mit Lehrern am Anfang und am Ende des Buches machen klar, dass halbwegs vernünftige Erwachsene – einer ist alt und krank, einer intellektuell und homophil, helfen kann keiner – sich ernsthaft Sorgen machen. Interessant, wie er selbst es dann herunterspielt, erwachsen von einer „Phase“ spricht (gibt es Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen, ist das ein gängiger Umgang mit dem Schrecken darüber).

Holden Caulfield geht zunächst in ein schäbiges Hotel, unternimmt überhaupt einiges, versucht Verabredungen zu treffen, trifft auch welche, trifft völlig verschiedene Leute. Einige gehen ihm auf die Nerven, die meisten tun ihm unheimlich leid. Es ist das aufmerksame, intelligente Mitleid der Depressiven, mit Erziehung oder Konventionen hat es nichts, hat es wenig zu tun.

Holden Caulfield ist nicht der (verfrühte) Vertreter einer (kommenden) Generation, die die Lüge, die Heuchelei und das Unechte satt hat (das alles aber auch). Er ist vor allen Dingen kein Vertreter von irgendwem und irgendwas. Das haut einen um, würde Holden Caulfield bei Böll sagen. Für „Fänger im Roggen“-Interpreten, und sie sind Legion, war das hingegen immer schwer auszuhalten. Ein Buch, in dem jede Szene nach Auslegung zu rufen scheint, sich dieser aber ebenso in jeder Szene entzieht. Sogar der Nacherzählung entzieht, wie die Schulklasse schmerzlich erlebte, indem es darin schlaff und hohl erscheint.

Dazu passt, dass der Autor selbst, am 1. Januar vor hundert Jahren geboren, sich allfälligen Fragen rigoros entzog. J. D., Jerome David, Salinger gehörte zu den exklusivsten berühmten Schriftstellern der Welt. Fast keine Interviews, fast keine Veröffentlichungen. Dem „Fänger im Roggen“ folgten ein paar Erzählungen. Es sei ihm eine Freude, für die Schublade zu schreiben, erklärte er und nährte dadurch bisher enttäuschte Erwartungen weit über seinen Tod 2010 hinaus. Eine geplante Roman-Fortsetzung ließ er verbieten, Verfilmungspläne unterlief er gleichfalls. Dafür ist er nicht genug zu loben.

Dass Salinger als Soldat im Zweiten Weltkrieg war, prägt den Roman untergründig mit. Holdens älterer Bruder, ein erfolgreicher Schriftsteller (!), war ebenfalls im Krieg und lernte ihn zu hassen. Holdens jüngerer Bruder ist an Krebs gestorben. Dass „Der Fänger im Roggen“ nicht bloß am Rande ein Buch über Trauer ist, wird selten beachtet. Holdens kleine Schwester wird ihn vorerst retten. Seine Eltern kommen praktisch nicht vor.

Holden Caulfield ist selbst ein Vielleser mit eigenwilligen Ansprüchen. „Am meisten halte ich davon, wenn man nach einem Buch ganz erledigt ist“, heißt es bei Böll, „und sich wünscht, dass man mit dem Autor, der es geschrieben hat, nah befreundet ist und dass man ihn antelefonieren könnte, wenn man dazu Lust hätte.“ Ironisch mit Blick auf einen Autor, der sich keineswegs antelefonieren ließ.

Hier noch einmal der Hinweis, dass heutige deutschsprachige Leser zur aktuellen Übersetzung von Eike Schönfeld greifen, 2003 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Und dass in Teheran Interessierte sich am 1. Januar zum Salinger-Tag treffen.

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