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Man kann aber doch damit leben

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Die Schriftstellerin Judith Hermann.
Die Schriftstellerin Judith Hermann. © Gaby Gerster

Mittvierziger, ungemein mit sich selbst befasst: „Lettipark“, der neue Erzählungsband von Judith Hermann, führt in unbehagliche Untiefen.

Manchmal ist wenig nicht mehr als wenig, aber Judith Hermann riskiert es. Die 17 Erzählungen ihres heute erscheinenden Bandes „Lettipark“ sind schmale Kost in ebenerdiger Sprache (nicht einmal radikal reduziert, einfach reduziert, dünn, nicht kantig), geben karge Auskunft, schweigen sich selbst dann aus, wenn es eine Art Pointe gibt.

Schweigsame Antipointen können delikat sein, in „Lettipark“ sind sie bisweilen dermaßen lakonisch, dass sie schon wieder bedeutungshubernd auftreten. „Es ging um all das, und darunter ging es sicher noch um etwas ganz anderes“, kann es dann am Ende einer Erzählung heißen, oder: „Sie denkt, Liebe könnte eine Selbstentflammung sein, aber auch dieser Gedanke hat keine Beständigkeit, und sie verwirft ihn wieder.“

Man sollte sich also wieder daran gewöhnen, dass Schlusssätze nicht die stärkste Seite der Kunst von Judith Hermann sind – vielleicht weil ein Schlusssatz gemeinhin „etwas bieten“ darf, soll, und das will die seit „Sommerhaus, gestern“ ihre ganz eigene, ein wenig unmöblierte Geschichtenwelt mit Menschen von heute bestückende Schriftstellerin gewiss nicht. Überhaupt müssen Sätze manchmal missraten, wenn jeder so unverziert und ungeschützt da steht und Erwartungen weckt, und dann liest man bloß: „Der Sekt ist eiskalt, und er macht den Nachmittag zu etwas, das Ada hinter den Ohren weh tut, an Stellen ihres Körpers weht tut, an denen sich, wie sie vermutet, das Glück versteckt.“ Wer das kennt, wird es freilich zufrieden sein. Judith Hermanns Sätze werben seit jeher nicht um Verständnis, aber sie machen Angebote, Vertrautes in ihnen zu entdecken. Unangenehm Vertrautes.

Über den Winter kommen

Denn hat man sich wieder an all das gewöhnt, eröffnet „Lettipark“, Hermanns vierter Erzählungsband und ihr zweites Buch nach ihrem ersten Roman („Aller Liebe Anfang“, 2014), einen nicht nur unbehaglichen, sondern brutalen Blick auf die Dinge des derzeitigen und bisherigen Lebens. Mögen Sätze zuweilen misslingen, die Komposition des Bandes sitzt. Es fängt an mit zwei Erzählungen aus einem vage bleibenden Prekariat. Eindrucksvoll erklärungslos schaffen einige Leute in Sorge vor einem kalten Winter Brennstoff herbei. „Mit sieben Tonnen Kohlen im Stall waren wir in Sicherheit.“

Merkwürdig improvisiert auch die Situation von Ella, die mit Carl in einem Zirkuswagen wohnt. Jetzt ist er weg. „Ellas Koffer neben der Tür. Carls Rucksack ist nicht da, aber das hat nichts zu bedeuten, er nimmt den Rucksack immer mit, er lässt ihn nie aus den Augen.“ Ella gibt sich Mühe, Brennholz zu sparen. „Wenn sie alles richtig macht, wird er wiederkommen.“

Ella sieht eine „klapperdürre Gestalt“ von einem Mädchen, das ziellos vor einem anderen Wagen sitzt, und es entgeht ihr nicht, dass sie selbst bald so aussehen könnte. Abstürze drohen oder werden beobachtet in etlichen der Erzählungen, die jetzt ins bürgerliche Milieu wechseln.

Hier ist man ungemein mit sich selbst befasst, hat ein Bewerbungsgespräch vor sich, trinkt etwas mit Freunden oder sieht an der Kasse eine Bekannte von einst und kann nicht mehr schnell genug abdrehen. Sie ist in der Titelerzählung ganz heruntergekommen und in unerwarteter Begleitung, „sie scheint da in etwas hineingeraten zu sein“. Rose erkennt Elena nicht gleich wieder, so fertig sieht sie aus. Sie unternimmt nichts weiter.

Der Mond hat ihn kaputtgemacht

Entfremdungen treten hier in verschiedenen Variationen auf. Vom „vorsichtigen Abstand“ zu Martha, die eine Erzählerin noch immer auf Ausstellungseröffnungen trifft; über Effi und Teresa, die nacheinander zum selben Psychoanalytiker gehen, sich aber so weit voneinander entfernen, dass es „den Tag gibt, von dem an sie sich nicht mehr grüßen“; bis zur Frau von Ivo, die sich vorstellt, wie sie Jahre später ihren Ex-Mann nicht mehr wiedererkennen wird. Jetzt sitzt sie mit Ivo und einem anderen Paar, Samanta und Henry, zusammen. Henry erzählt von einer nächtlichen Begegnung mit Neil Armstrong, dem Astronauten. „Er sagte, der Mond hat mich kaputtgemacht.“

Es ist die Kargheit dieser Geschichten, die dazu zwingt (dazu Gelegenheit gibt), markante Ein- und Vorfälle überscharf wahrzunehmen. Der Vater, den die Erzählerin ein- bis zweimal im Jahr besucht, hat Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verbracht. Unter anderem hat er versucht, sich an Gedichte zu gewöhnen. „Und es gab Tage, an denen ihm schon eine einzige Zeile zu viel war, an denen er schon die Zeile ,die Möwen sehen alle aus, als wenn sie Emma hießen‘ nicht ertragen konnte, eine Zeile wie ,wir saßen unterm Hagedorn, bis uns die Nacht entrückt‘ hätte ihn umgebracht. Schließlich gab er es auf.“

Im Unausgeführten, bisweilen auch ganz Unwahrscheinlichen liegt schon naturgemäß ein Sog. Hermann lässt ihre Leser und Figuren völlig alleine darin. Sie sorgt weitgehend dafür, dass das professionelle Kalkül dahinter nicht sichtbar wird. Und dafür, dass ein Unbehagen sich in plaudernde Runden im Buch oder gemütliche Leseabende außerhalb des Buches drängt. Maude, die mit der Greisin Greta in einer geradezu idealen Mehrgenerationen-WG lebt, kündigt eine kleine Reise an den Lago d’Iseo an. Greta erzählt ihr von einem Badeunfall, den sie einst dort beobachtete, dessen Anbahnung sie sogar sah, ohne etwas zu unternehmen.

Schuld ist neben der Entfremdung ein Thema in „Lettipark“, fabelhaft eskaliert das im hinteren Teil des Buches: In „Kreuzungen“ wollen Patricia und Vito (diese furchtbar realistischen, ausgesuchten Hermann-Namen) partout die „asozialen Nachbarn“ loswerden. Als sich eine Gelegenheit auftut, zögert Patricia – „Ich muss mich konzentrieren, ich möchte das moralisch verantworten können“ –, aber nur kurz.

In „Osten“ hat Jessica Ari überredet, mit ihr nach Odessa zu reisen. Jetzt findet sie es zwischen Armut und Prostitution nur abscheulich. „Sie versucht, sich vorzustellen, wie sie sich abends mit Ari in dieses Bett legen soll. Wie sie in diesem Bett in ihrem Buch lesen soll.“ Sie „sieht nicht ein, wofür sie bestraft werden soll“. Hermanns Figuren, so zartfühlend, so mitleidlos, werden unruhig, wenn das missglückende Leben zu nahe an sie herantritt.

Die umwerfende letzte Geschichte, „Mutter“, bringt das noch einmal auf den Punkt, vielleicht die einzige, in der jemand Verantwortung übernimmt. Das ist nicht nur eine Frage des Lebensgefühls der hier überwiegenden Mittvierziger – so dass in der Tat knapp zwanzig Jahre seit „Sommerhaus, gestern“ vergangen sind –, das ist die Bestandsaufnahme für eine Generation, die uns nicht gut dastehen lässt.

Die Figuren sind ständig damit beschäftigt, aber das hat keine Folgen. „Die Anzahl der Erkenntnisse ist schmal“, heißt es über die Stunden beim Psychoanalytiker, „und Teresa denkt, dass sie bei dieser Geschwindigkeit auf keinen klaren Gedanken und etwas Wesentlichem wohl nicht mehr auf den Grund kommen wird. Sie könnte mit Doktor Gupta darüber sprechen, er würde zunächst lange schweigen, dann vermutlich sagen, dass das hinnehmbar sei. Dass man damit doch aber leben kann.“

Judith Hermann: Lettipark. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 189 Seiten, 18,99 Euro.

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