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Foxic Poison: Die Kunst der witzig, eleganten Erotik.

Buchmesse ? Erotische Kunst

Kaleidoskop aus Liebe, Schmerz und Lust

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    Simon Rayß
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Anlässlich der Buchmesse hat der Konkurs-Buchverlag nach Offenbach in den Fetischclub "Grande Opera? geladen. Auf dem Programm die erotische Revue "Love Bites? mit Lesungen, Musik und Burlesque-Tanz. Kirsten Wilmes und Simon Rayß haben den Abend besucht.

Unsere Autor*innen wählen zwei ganz unterschiedliche Textformen, um den sinnlichen Reigen am zweiten Messeabend zu beschreiben: Simon Rayß eine unbestechliche "Webcam", ein Format, das kommentarlos einen Ausschnitt des Abends wiedergibt; Kirsten Wilmes eine persönliche Reflexion, mit der sie das Gesehene emotional einzuordnen versucht.

Sehen und besehen werden

Das schwarz glänzende Paar sucht sich einen Platz in der dritten Reihe. Er trägt Hemd und Hose, sie einen Ganzkörperanzug mit tiefem Ausschnitt – alles Latex, alles hauteng. Links und rechts von ihnen sind die Stühle bereits besetzt. Manche Zuschauer*innen tragen Jackett und Schlips, andere bevorzugen Leder, Spitze, Korsage. Über ihren Köpfen hängen verschiedene Utensilien von der Decke, neben den Scheinwerfern auch eine Kette und ein Karabinerhaken. Wer im Publikum nicht gerade ins Gespräch vertieft ist, schaut in Richtung der noch leeren Bühne. Zu ihrer Rechten auf halber Höhe eine Liegewiese hinter Gittern, zu der eine schwarze Leiter führt.

Der Blick mancher Besucher*innen fällt links der Bühne auf den Eingangsbereich, wo nach und nach weitere Gäste hereinkommen. Im diffus rötlichen Licht erscheint eine Frau mit sehr kurzen Hosen und Netzstrumpfhose. Ihre blondierten Haare ebenso kurz. An ihrer Seite ein Mann mit weit aufgerissenen Augen. Er trägt ein blaues Hemd und unter dem offenen Kragen ein glitzerndes Halsband. Sie lässt sich links neben den Sitzreihen auf einem schmiedeeisernen Bett nieder, er hockt sich zu ihren Füßen auf den Boden. Beide schauen auf, als auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, zwischen anderen stehenden Gästen, eine Frau mit Akkordeon zu singen beginnt. Dunkle lange Haare. Ein eng anliegendes Samtkleid, starker Lippenstift, beides tiefrot.

Glitzernde Unterwäsche, Riemen und Bänder auf blasser Haut

Singend wandert sie Richtung Bühne, die Blicke der Besucher und das Scheinwerferlicht auf sie gerichtet. Ihre Stimme kippt immer wieder in ein Brummen, das zwischen ihren kaum geöffneten Lippen hervordringt. Das Publikum applaudiert. Wenig später tritt ein kompakter Mann mit kurzgeschorenem Haar und Brille auf die Bühne. Er trägt Schwarz, enges Hemd und Hose, Hosenträger, hohe Stiefel und ein Lächeln auf den Lippen. In den Händen ein Buch, „Über Bücher“ steht auf dem Cover. Er liest, das Publikum lacht, sein Lächeln verstärkt sich.

Wieder Applaus. Er tritt ab, Musik setzt ein, eine Frau im durchscheinenden Morgenrock tritt auf. Ihr Kopf von einem Tuch umschlungen, ein Lockenwickler über der Stirn im pechschwarzen Haar. Sie setzt sich auf einen Stuhl, lehnt sich zurück. Ein Läuten, das vom rechten Bühnenrand zu kommen scheint, lässt sie in die Höhe fahren. Die Musik wechselt, und die Frau fängt an, ihre Hüften kreisen zu lassen. Das Tuch fällt, sie dreht den Lockenwickler aus dem Haar. Der Morgenrock gleitet zu Boden. Darunter: glitzernde Unterwäsche, Riemen und Bänder auf der blassen Haut. Sie löst sie nach und nach, wiegt sich hin und her, streift die Strümpfe von ihren Beinen. Ein Blick ins Publikum, als sie mit den Händen über ihren Oberkörper streicht, nach oben in den Nacken, um die Träger ihres BHs zu lösen. Dann zieht sie ihn sanft nach unten. simonrayß

Süß und schwer zugleich

Mir schwirrt der Kopf, als ich nach Hause schleiche. Müde und mit ausgelaugten Sinnen vom Messetrubel des Tages, befinde ich mich mitten im Nachbeben meines Abendprogramms: „Love Bites – die erotische Revue zur Frankfurter Buchmesse“ lässt mich mit Gedankenblitzen aus goldenem Glitzer, rektal eingeführten Unterarmen, schweren Liebesliedern, uneingelösten Versprechen, dem Geschmack von Wacholdergin, neckischen Blicken, zuckenden Lachmuskeln, glänzendem Latex, schweren Soldatenstiefeln und schamloser Offenheit zurück.

Dass der Abend in einem Offenbacher Fetischclub stattfand, machte alles noch spannender. Der Kern der Gäste folgte optisch einer unabgesprochenen Ästhetik. Spitzbrüste lugten unter schwarzer Spitze hervor, schwere Halsbänder schmückten Hälse,  Männer in Korsetts, viele ganz in Schwarz gekleidet, große Ausschnitte, nackte Füße, viel Haut. Es wurde überteuerter Gin in üppigen Gefäßen gereicht. Dazu ruhige Musik. Die Atmosphäre, um Eleganz bemüht, zeigte ganz kurz eine andere Seite, als ich ein kleines Spielzimmer mit verkalktem Duschkopf entdeckte.

Scham fallen lassen, um für den Klassenkampf gerüstet zu sein

Als die Show endlich startete, tat mir der Rücken weh dank der harten Kirchenbank, auf denen ein Teil des Publikums sitzen musste. Vielleicht war das der erste der angekündigten Love Bites. Danach wirbelten wir Zuschauenden durch ein Kaleidoskop aus Lust, Schmerz und Liebe.

Burlesque-Tänzerinnen in phantasievollen Kostümen zeigten, wie witzig und elegant zugleich das Zelebrieren des eigenen Körpers und das Bestaunen anderer Körper sein darf. Ich hörte die Geschichten eines homosexuellen Mannes, der für seine Sehnsüchte mit dem Gürtel bestraft wurde und nun in anderer Form Gefallen an Schmerz und sexuellen Machtspielen findet. Ich hörte Geschichten aus einer Land-WG in den Siebzigern, wo man in körperlichen Praxistests lernte, jegliche Scham fallen zu lassen, um für den Klassenkampf gerüstet zu sein. Es ging um weibliche Sexualität, so zum Beispiel das Zerissensein zwischen verschiedenen Männern. Dazwischen Musik: schwer, süß und anstrengend.

Erotik wird unterschwellig zum Politikum erhoben

Fest entschlossen, mich von der mir fremden Welt einnehmen zu lassen, hat der Abend  mich tatsächlich berührt. Bei all dem Witz, dem koketten Spiel der Protagonist*innen und dem taffen Selbstbewusstsein, das die vorgetragenen Texte ausstrahlten, wurde aber auch klar, dass hier in der „Grande Opera“ eine Familie zusammengekommen ist, deren Mitglieder „wie die meisten von uns keine schöne Schulzeit hatten“. Erotik wurde unterschwellig zum Politikum erhoben.

Die Bücher des Konkursbuch-Verlages sind provozierend ehrlich. Ungeschönte Körper frönen in Fotografien, Illustrationen, Lyrik und Prosa der sexuellen Lust. In Gruppen, als Paar oder allein. Es geht viel um den Mut, eigene sexuelle Bedürfnisse anzuerkennen. Es geht um Räume, in denen Lust erforscht und ausgelebt wird.  Der Raum dieses Abends war einer davon. kirstenwilmes

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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