Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Kakao, Herrschaft, Abenteuer

Die Fantasie der Deutschen beschäftigte sich mit ihren Kolonien weitaus länger, als sie in ihrem Besitz gewesen sind

Von Brigitte Reinwald

Im Frühsommer 2002 geriet in die Diskussion, was ein Stadtteil-Verein von "Hobbyhistorikern" schon seit Längerem geplant hatte: auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne in Hamburg einen "Tansania-Park" einzurichten. Der Völkerverständigung verpflichtet sehen sich die Initiatoren in ihrem beharrlichen Bestreben, hier insbesondere dem - 1939 unter der Obhut der Nationalsozialisten gefertigten - "Askari-Relief" zum Gedenken an die getreuen afrikanischen Kolonialtruppen nebst dem ausrangierten Hannoveraner Expo-Pavillon Tansanias eine würdige Heimstatt zu bieten. Ein Schuft, der Schlechtes dabei denkt?

Zumindest steht zu befürchten, dass hier eine Pilgerstätte für Ewiggestrige verschiedenster Couleur entsteht, so die Warnung von AfrikawissenschaftlerInnen, die bislang erfolglos um einen historisch-kritischen Umgang mit diesen (post)kolonialen Überresten der Hafenmetropole ringen. Von ihrer provinziell anmutenden Peinlichkeit einmal abgesehen, lässt sich die Hamburger Episode als illustratives Beispiel für die Ex-post-Verfertigung eines Gedächtnisortes deutscher Kolonialgeschichte anführen und bestätigt somit einmal mehr die Relevanz von Studien, die sich seit einiger Zeit aus sozial- und kulturhistorischer Perspektive des lange vernachlässigten "sekundären Kolonialismus" Deutschlands (Russell Berman) annehmen.

Diese Zielsetzung, Einlagerungen des kolonialen Projekts im politischen und sozialen Alltag und in mentalen Vorstellungswelten der deutschen Gesellschaft zwischen 1884 und 1945 aufzuspüren, verfolgen auch - aus sehr unterschiedlichen Blickrichtungen - die 14 Beiträge des aus einer internationalen Konferenz an der Universität Oldenburg im November 2001 hervorgegangenen Sammelbandes Phantasiereiche. Gut gewählt, unterstreicht der Titel doch zum einen, so die Herausgeberin Birthe Kundrus, die Bedeutung "von Phantasien als wichtiges und lange Zeit unterschätztes Antriebsmoment in der kolonialen Bemächtigungsgeschichte"; zum anderen verweist er auch auf die Periode nach dem "Verlust" der überseeischen Besitztümer, die vom mitunter durchaus heftig empfundenen "kolonialen Phantomschmerz" und einem propagandistisch mehr oder weniger erfolgreich vorgetragenen Wunsch nach Wiedereinsetzung in den Herrenstand gekennzeichnet war.

Die methodologische Klammer für die einzelnen Beiträge bildet das von den Colonial / Postcolonial Studies entwickelte weit gefasste Konzept von Kultur, das sowohl nach dem Geflecht von Bedeutungen, Codes, Strategien und Praktiken fragt, mit denen "Eigenes" und "Fremdes" differenziert, das heißt auch in ihrer "rassischen" und geschlechtlichen "Andersartigkeit" markiert werden, das darüber hinaus jedoch auch die strukturellen und sozialen Voraussetzungen berücksichtigt, auf denen die jeweiligen Deutungsmuster aufruhen.

So verstanden, können Verspätung, kurze realgeschichtliche Dauer oder behauptete Oberflächlichkeit des deutschen Kolonialismus als Argumente nicht mehr herhalten, handelt es sich doch vielmehr darum, dem Selbstverständnis einer Gesellschaft auf die Spur zu kommen, deren Vorstellungen von Raum, Rasse, Kultur, Nation und Geschlecht - auch und gerade in der langen Zeit danach - vom kolonialen Projekt durchwoben sind, wie Russell Berman im einleitenden Beitrag hervorhebt. Dies erfordert allerdings, verschiedene Wirkungsbereiche zu differenzieren, um einerseits Vorstellungen von einer linearen, durch monokausale Verknüpfungen und politisch-kulturell-imaginären Gleichklang gekennzeichneten Verlaufsgeschichte zu entkräften, und andererseits die unterschiedliche Dichte und Wirkungsmacht der mentalen Repräsentationen zu erkennen, die in diesem Prozess hervorgebracht worden sind.

Der Eindruck, dass die historische Dynamik von Ambivalenz, Ungleichzeitigkeit und Gegenläufigkeit bestimmt wird, bestätigt sich beim Durchgang durch die Beiträge des Bandes. Besonders deutlich tritt dies im Vergleich politischer und kultureller Dimensionen des Kolonialen zu Tage: Auf der Basis von politischen Verwerfungen und kolonialen Enttäuschungen kündigte sich bereits ab 1905 ein "expansionistischer Perspektivwechsel hin zu Osteuropa" an (Helmut Bley) beziehungsweise zeichnete sich Mitte der 1920er Jahre ein in der Bevölkerung weit verbreiteter manifester Bedeutungsverlust der Kolonien ab (Dirk van Laak), den auch massive kolonialpropagandistische Inszenierungen nicht zu revidieren vermochten, wie Christian Rogowski am Beispiel der "Hamburger Kolonialwoche" von 1926 überzeugend darstellt.

Dem steht die Wirkungsmächtigkeit der Repräsentationen des kolonialen "Anderen" in den Medien der Moderne - Bildwerbung, Film und Kolonialliteratur - gegenüber. David Ciarlo untersucht die Projektionen des "Afrikaners" in der Konsumwerbung, der seit 1890 zunehmend als Abbild von Unterwerfung und Trägerfigur "rassischer" Primärmerkmale erschien. Haben diese Stereotypen einerseits - man denke nur an den während des Ersten Weltkriegs entwickelten Sarotti-Mohr - den "deutschen mentalen Bilderhaushalt" nachhaltig überformt (Ciarlo), so finden sich andererseits auch Belege für die historische Veränderlichkeit jener Bilderwelten. Wolfgang Strucks Analyse der in der Weimarer Republik populären Abenteuerfilme demonstriert, wie diese als Fortschreibung und Transformation einer "Erzählung der Kolonie" gelesen werden können.

Als symptomatisch für die ambivalente Spannung zwischen Real- und Fantasiegeschichte kann schließlich die in den 1920er Jahren vorangetriebene Technologie- und Tropenmedizinforschung gelten, die von der praktischen Anwendung zunächst abgeschnitten war. Als deren Movens macht Dirk van Laak geopolitische Denkmuster aus, in denen sich bereits rationale Technik- und völkische Ordnungskonzepte mischten, die später in der "Osterweiterung" wirksam wurden. Hier finden sich auch Anknüpfungspunkte für den zweiten Themenstrang des Bandes: die Artikulationen kolonialer Kultur zwischen Begehren und Verachtung des "Anderen" (Sibylle Benninghoff-Lühl), in Geschlechterkonstruktionen (Lora Wildenthal, John Noyes), politischen und juristischen Konzepten von Rasse, Volk und Nation (Christian Geulen, Pascal Grosse, Birthe Kundrus).

Hervorzuheben ist hier Eve Rosenhafts Analyse der politischen Aktivitäten von Afrodeutschen in der Weimarer Republik. Indem sie die Auseinandersetzungen real existierender Akteure mit ihnen zugewiesenen ethnischen und sozialen Identitätsschablonen und begrenzten Handlungsräumen untersucht, setzt sie einen wichtigen erfahrungsgesättigten Kontrapunkt zu der Schattenexistenz, die die Kolonisierten in diesem deutschen Reich der um sich kreisenden Fantasien führten. Ihr Beitrag sowie Alexander Honolds Durchstöbern des Berliner Afrikanischen Viertels weisen eine mögliche Richtung, in der deutsche Kolonialismen fürderhin produktiv weitergedacht werden könnten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare