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Kae Tempest.
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Kae Tempest.

Kae Tempest

Kae Tempest „Verbundensein“: Leg dein Handy weg und lausche den Vögeln

  • vonStefan Michalzik
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Kae, vormals Kate Tempest und ihr erweckungsliterarischer Essay „Verbundensein“.

Gier und Boshaftigkeit ... Stolz und Heimtücke“: So lautet der Befund von Kae Tempest – vormals Kate Tempest, seit Neuerem zum Zeichen einer nonbinären Geschlechtsidentität mit einem Buchstaben weniger im Vornamen – auf unsere Zeit. Diese grausigen Eigenschaften, schreibt die als rappende Songpoetin berühmt gewordene Autorin, werden jeden Abend im Fernsehen zur Schau gestellt und wir schütteln den Kopf darüber. Aber, fragt Tempest, erkennen wir sie auch an uns selbst?

Der Essay „Verbundensein“ liest sich in weiten Teilen wie Erweckungsliteratur. Er handle davon, schreibt Kae Tempest, wie uns die Kreativität helfe, uns gegenseitig näherzukommen und unser Selbstbewusstsein zu stärken. Kreativität als Heilmittel, um die Verwerfungen des Kapitalismus in ökologischen und sozialen Belangen und im gesellschaftlichen Miteinander zu überwinden. Warum so etwas lesen? Faszinierend sind Kae Tempests Konzerte und Alben in ihrer Wahrhaftigkeit und Dringlichkeit. Und davon hat dann doch auch dieses Buch etwas.

Es ist sehr persönlich in der Ansprache. Wie ein Brief beinahe. Und, leider, über Strecken auch wie eine Predigt. In den besten Momenten aber kommt es einer eindrücklichen Poetikvorlesung nahe. Die Sprache – vorzüglich wiedergegeben in der Übersetzung von Conny Lösch – ist rhythmisiert und zeigt Nähe zur Lyrik. Hier geht es nicht primär um „Empört Euch!“, sondern um „Hört in Euch hinein!“. „Leg dein Handy weg./Lausche den Vögeln.“ Die politische Dimension allerdings verliert Kae Tempest darüber nicht aus dem Blick. C. G. Jung ist Tempests Prophet, Zitate vom verehrten Dichter William Blake sind jedem Kapitel vorangestellt. Deutlich sind Parallelen zu Joseph Beuys – auf den Tempest bemerkenswerterweise nicht abhebt – und seinem Konstrukt der „sozialen Plastik“, demzufolge jeder Mensch ein Künstler, eine Künstlerin ist, sofern es ihm gelingt, seine Kreativität freizusetzen, im Sinne einer gesellschaftsverändernden Wirkkraft.

Das Buch:

Kae Tempest: Verbundensein. A. d. Engl. v. Conny Lösch. Suhrkamp nova, Berlin 2021. 139 Seiten, 12 Euro.

Wir haben, heißt es bei Kae Tempest, einander verloren in „diesem Selfie-System der Hyper-Konkurrenz“ und der Abstumpfung. Der Mensch als Jäger, der Mensch als Krieger, der Mensch als Kolonisator – der Mensch als demokratischer Konsument. Und das Internet ist „der ultimative Ausdruck des Geistes der Zeit“. Was die reine Plattitüde ist.

Wenn Tempest hingegen von der „tiefgründigen Kunst“ des Auftretens spricht oder von dem verzehrend quälenden Prozess des Schreibens, bei dem es keinen Erfolg gebe, sondern immer nur „ein geringeres Ausmaß des Scheiterns“ – dann gehört das in der unprätentiösen Offenheit zu den stärksten Momenten. Desgleichen, wenn von Depressionen die Rede ist. Tempest berichtet von psychischen Problemen als Teenagerin unter anderem durch eine „gestörte Geschlechtsidentität“. Von der Suche nach Abstumpfung, von Drogen und Alkohol, vom Ausstieg aus der Realität. Und der Kreativität als Retterin.

Mit ihren Figuren, beschreibt Kae Tempest, versuche sie immer, die Spannung zu beschreiben zwischen Innen- und Außenleben. Dem, was sie täglich tun müssten, um über die Runden zu kommen. Tempest plädiert für eine Opposition wider die prägenden Narrative in unserer Welt und demaskiert die zum Mythos deklarierte Aufklärung als das „geheiligte Zeitalter der europäischen Blutgier“.

Falsch ist das alles nicht, allerdings auch sehr stark, zu stark auf das Innere fixiert. Wenn gesellschaftliche Missstände individualisiert werden, ist das fragwürdig. Natürlich ist der Einzelne verantwortlich für sein Denken und Handeln. Aber letztlich braucht es politische Lösungen. Kae Tempest verficht, am Ende des Buches wird das auch benannt, das Konzept der Gegenkultur. Das ist schon einmal gescheitert in Gestalt der Post-68er „Alternativkultur“, die gewiss manches verändert hat – doch dann kamen Helmut Kohl und Margaret Thatcher, und der Kapitalismus sitzt ungeachtet aller Krisen nach wie vor einigermaßen fest im Sattel. Kae Tempest setzt auf das Gute im Menschen. In Songtexten würde das einfach durchflutschen. Von einem Essay wünscht man sich mehr intellektuelle Schärfe.

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