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Was jedes Schulkind weiß

Kabeljau vor allem

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Tony Horwitz korrigiert die Legenden über Amerikas Besiedlung: "Es war nicht Kolumbus". Von Sylvia Staude

Der Schlüsselsatz des Buches ist unscheinbar, er steht auf Seite 350 und lautet: "Das wusste jedes Schulkind". Es geht an dieser Stelle um die so genannten Pilgrim Fathers und wie sie am 21. Dezember 1620 in Plymouth, Massachusetts, die Mayflower verließen, ihre Füße auf einen rauen, meerumtosten Felsen setzten und unerschrocken den Grundstein legten für die europäische Besiedlung Amerikas. Jedes US-amerikanische Schulkind (und so manches deutsche) kennt die Geschichte. Und noch besser jene: Wie Kolumbus, Standarte in der Hand, Hut auf dem Kopf, Blick furchtlos, sich an einen weiten weißen Strand rudern lässt, während die Musik gewaltig anschwillt ...

Aber halt! Dass an diesem Bild etwas nicht stimmt, ist klar. Dass aber das meiste andere, das wir über die Besiedlung Amerikas durch europäische Kolonisten lernen, ebenso falsch ist, das hat Tony Horwitz, Journalist unter anderem für den "New Yorker" und Pulitzerpreisträger, jetzt aufs Beste zusammengefasst.

In einem ausführlichen Anhang würdigt er seine Quellen, und in der Tat ist es keine Neuigkeit mehr, dass lange vor Kolumbus etwa die Wikinger Amerika "entdeckten" - sie fischten dort, Kabeljau vor allem. Doch Horwitz führt nicht nur Informationen zusammen. In der spezifisch angelsächsischen, zupackenden Art, die so viel Lesefreude bereitet, bringt er die historischen Quellen zusammen mit einem, seinem persönlichen Reisebericht.

Er fliegt nach Santo Domingo und ringt mit der dortigen Bürokratie, bis er meint, endlich einen Blick werfen zu können auf Kolumbus' angeblichen Leichnam. Er lässt sich darauf ein, den Konquistador zu spielen, bis er unter der Last der Rüstung fast verröchelt. Er ist so zäh und penetrant, wie man sich einen Journalisten nur wünschen kann.

Horwitz erzählt aber auch, wunderbar plastisch, vom elenden Leben auf dem neuen Kontinent. Von einer Sterblichkeit unter den Siedlern, die schwindelerregend erscheint, zum Beispiel: 50 Prozent in einem einzigen Winter. Von unglaublicher Naivität: So brachten viele, abenteuerlustige Adlige vor allem, fast kein landwirtschaftliches Gerät mit - als würde sich der Boden in Amerika von selbst bestellen. Horwitz beschreibt als "Berufsrisiko" der frühen Emigranten: "Im Stich gelassen zu werden". Hunderte, tausende sind anfangs einfach verloren gegangen auf dem riesigen Kontinent.

Und zuvor schlachteten sie Ureinwohner ab und wurden ihrerseits abgeschlachtet. Franzosen töteten Spanier, Spanier Briten. Überhaupt trägt Amerika den Namen eines Diebes und Lügners, Amerigo Vespucci. Während Kolumbus bis zu seinem Tod glaubte, den Ganges quasi nur um Haaresbreite verfehlt zu haben.

Es ist wenig bis sehr wenig, was über die diversen Eroberer bekannt ist, doch Horwitz scheint aus jeder Quelle das Maximum heraus zu holen (nicht ohne darauf hinzuweisen, wann er spekuliert).

Dabei hat er freilich nicht viel Gutes zu berichten. Hernando de Soto (ca. 1496 - 1542) zum Beispiel metzelte Indianer offenbar mit Freuden nieder und lohnte Gastfreundschaft mit Verrat. Pedro Ménendez (1519 - 1574) setzte sich durch besonders grausame Effizienz durch, er war es auch, der die ersten schwarzen Sklaven nach Nordamerika brachte. John Smith (1580 - 1631), der Legende nach ein "hübscher Fremder", dessen Leben von der Häuptlingstochter Pocahontas gerettet wurde, war ein kleiner hässlicher Angeber. Aber es gibt auch Bekehrte wie Alvar Núñez Cabeza de Vaca (ca. 1490 - 1557), der im Laufe eines schier übermenschlichen Gewaltmarsches durch das heutige Texas und Mexiko vom Konquistador "zum Menschenfreund und Heiler" wurde, wie Horwitz schreibt.

Tony Horwitz rückt einiges zurecht - Gerechtigkeit scheint ihm dabei nicht das geringste Anliegen zu sein. Dazu erzählt er in diesem beeindruckenden Buch auch eine um die andere Familiengeschichte. Die Geschichten vieler Toter ebenso wie die von Menschen, die er auf seiner langen Reise trifft: Amerikaner, die mal mit Stolz, mal mit Verbitterung an ihre Ahnen denken, sich mal etwas zugute halten auf ihren Stammbaum, mal erheblich darunter leiden, dass sie noch vor kurzem als minderwertig galten.

Wir sitzen zwar in einem riesigen Boot, scheint Horwitz sagen zu wollen, aber wir sitzen alle in einem. Und sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir allesamt Mischprodukte sind. Auch insofern ist dies das richtige Buch über Amerika zum richtigen Zeitpunkt - jetzt, da jedes Schulkind weiß, dass bald ein "Mischling" das Land regieren wird.

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