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Juri Andruchowytsch „Radio Nacht“: Eine Wirklichkeit, die nur noch ein Witz ist

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Von: Christian Thomas

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In den weiten Gefilden der literarischen Referenzen: Edgar heißt der treue Rabe an Josip Rotskys Seite.
In den weiten Gefilden der literarischen Referenzen: Edgar heißt der treue Rabe an Josip Rotskys Seite. © afp

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (8): Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“.

Da haben sich zwei so richtig gefunden, Rotsky, Josip Rotsky und das Radio, ein Moderator und seine lange Nacht vor dem Mikrophon. Ein Paar auch Rotsky und sein Rabe, Edgar, unzertrennlich Mensch und Tier, auch weil der Vogel wie ein Mensch handelt und denkt. Viele Paare in diesem Roman, zwischen Menschen aus Fleisch und Blut und eher künstlichen Kreaturen – wobei das allererste Wort, Rotskys Stimme zum Auftakt seiner Radio Nacht lautet: „Wenn Gott unser Vater ist, dann ist der Teufel unser Busenfreund.“ Wahrhaftig ein großes Wort – oder bloß ein flottes, ein Radiosprecherwort, ein aufgekratztes, damit die Hörerinnen und Hörer nicht einschlafen während der nächsten Stunden?

Heute geht Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“ auf Sendung: ein Zeitroman ebenso wie ein Zerrbild, von bestürzender Hoffnungslosigkeit, dabei zugleich ein Ausbund an Lachkultur. Denn das Wort wird zum Witz, er hat das letzte Wort, immer wieder, womit der Autor, geboren 1960 im westukrainischen Iwano-Frankiwsk, an all das anknüpft, was er als ein Protagonist der Postmoderne beherrscht. Nicht anders als sein Radiomann Rotsky dreht Andruchowytsch voll auf, nicht anders als bereits in seinem Debüt, 1992, in seinem Roman „Karpatenkarneval“, der auf Deutsch erst vor drei Jahren herauskam. Ein verrücktes Buch auch jetzt wieder, angefangen mit der Figur des Rotsky, erklärtermaßen einem „prätentiösen Hybrid“ aus den Namen des russischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky (1940-1996) und des unermesslich begabten Joseph Roth (1894-1939). Und spielt nicht auch derjenige des rücksichtlosen Revolutionärs Leo Trotzki herein? Unabweisbar – aber warum?

Wohl wegen der aufrührerischen Umtriebe dieses Rotsky, dem das Attentat auf den „Vorletzten Diktator“ zur Last gelegt wird. Auf Umwegen, denn dazu ist der Roman nun mal da, erfahren wir, dass dieser Rotsky während der Tage des Umbruchs in seiner Hauptstadt auf der Barrikade saß, um Klavier zu spielen. Ein Revolutionär? Solchen Gedanken vollkommen fern, versessen allein auf seine Musik, denn sie allein verbürgt die Essenz der Revolte, findet er sich in einem Gefängnis wieder, lernt den Mithäftling Jeffrey Subbotnik kennen, in dessen Name sich die drei Buchstaben „bot“ verbergen. So offensichtlich – so ironisch.

Sollte diese Kreatur etwas Künstliches haben, auch wenn Rotsky mit dem gigantischen Finanzbetrüger Subbotnik bald schon ein Paar am Klavier bildet, vierhändig, und mit diesem über dessen sagenhaftes Vermögen ins Gespräch kommt, lagernd auf einem Depot, gesichert durch einen irrwitzig vielstelligen Code. Den gilt es im Kopf abzuspeichern, im nach wie vor sichersten Speichermedium innerhalb einer durchdigitalisierten Welt, die ihren Usern zu einem einzigen Verhängnis geworden ist. Nicht mehr unterscheiden lässt zwischen Fiktion und Realem, Wirklichkeit oder Wahn: eine ungemein aufreibende Pärchenbildung. Wie ja auch das Kontrastpaar schlechthin: Gott, der Richter all seiner Geschöpfe, der Teufel als deren Anwalt.

Im Mittelpunkt Rotsky und seine dauerhafteste Geliebte, Anima, das beseelende Wesen später Anime genannt, ein animiertes? Offenbar ein Kind aus den „Favelas“ der Karpaten, befreit aus den Fängen einer Kupplerin, die an Lady Gaga gemahnt, regt sie ihren Retter Rotsky ungemein an, auch wegen ihres dritten Auges, einem Tattoo zwischen ihren Brüsten. Mit ihr lebt Rotsky eine sexuell äußerst engagierte Beziehung. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass sie nicht nur nachtaktiv sind, sondern sexuell ständig auf dem Quivive, erst recht auf ihrer Flucht durch ganz Europa, betrachtet doch Rotsky die als eine „Abart des Sex“.

Der Roman, in vielerlei Hinsicht ein Karneval der Tabulosigkeit, zugleich ein Mummenschanz an Talmi, ist eine gewaltige Persiflage: „Unsere Flucht gefällt mir, verstieg sich Rotsky zu einem freien Monolog.“ Zahllos die Parodien auf verstiegene Sprechweisen, auf verblasen abstrakte Ausdrucksweisen, pseudointellektuellen Tiefsinn: „Die einzig deutlich artikulierten Sprachelemente waren Mutterflüche, und weil die Kommunikationsregeln ihres Heimatmilieus festlegten, dass jedes zweite Wort ein Schimpfwort war, verflachte der Ausdruck des Gesprochenen.“

Zur Reihe:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Juri Andruchowytsch: Radio Nacht. Roman. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Suhrkamp Verlag 2022. 480 S., 26 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied (23. Juli), Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ (30. Juli) und Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (6. August), Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“ (13. August), Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ (20. August), Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“ (27. August) und Oksana Sabuschkos „Schwestern“ (3. September).

Das neunte Buch wird Andreas Kappelers „Die Kosaken“ sein.

Zum Karnevalistischen in der Literatur gehört, so hat es Michail Bachtin (1895-1975) beschrieben, die Verzerrung der Welt zur Kenntlichkeit, indem sie lächerlich gemacht wird. Leser und Leserinnen werden mitgenommen durch einen Kosmos des Bizarren und Absurden. Von der Romanhandlung animiert oder engagiert folgen sie nicht nur der erratischen Existenzweise Rotskys durch ein Labyrinth an Episoden, sondern auch durch eines an Fingerzeigen. Bis zu seinem schlimmen Ende ständiger Begleiter ist in „Radio Nacht“ Edgar, der Rabe – unter den vielen Referenzen, darunter ein einziges Mal, also umso auffälliger der Name Jorge Luis Borges, ist er die offensichtlichste, verweisend auf Edgar Allen Poe, dessen gleichnamiges Gedicht „Der Rabe“.

Drei, vier Mal, ganz beiläufig wird ausgesprochen, dass Russisch nurmehr eine „ehemalige Sprache“ sei. Nicht ein einziges Mal das Wort Ukraine in dem Roman, aber sie ist allgegenwärtig. Das Zentrum der Demonstrationen in der Hauptstadt, als „Poschtowa-Platz“ identifiziert, wird unter den Attacken der „Schwadroner“ und „Bandokratie der Polizei“ zum Schauplatz „blutiger Maische“, das nicht genannte Land bezeichnet als eine „Maid“ der Demokratie – nicht der einzige Volltreffer in der Übersetzung Sabine Stöhrs.

Der Roman entführt an den – fiktiven – Ort Nashorn, irgendwo in den Karpaten, nimmt mit in zwielichtige Häuser, lässt in Kellergewölbe blicken, die im Laufe ihrer vielhundertjährigen Geschichte äußerst divers genutzt wurden, als Folterkeller oder Weinkeller, als Bordell oder Disko. Metamorphosen bestimmen den Gang der Geschichte, ebenso wie den Gang des Romangeschehens, mit Spiegelungen, brachialen Schwenks, verrückten Volten. Aufgenommen in die Romanhandlung ein ungemein plattes, auch noch umständlich evaluiertes Theaterstück, nicht anders als die vollkommen läppischen Poeme der Poeten im hochkomischen „Karpatenkarneval“.

Indizien sprechen dafür, dass Rotsky an der „geheimnisvollen Liquidation des Vorletzten Diktators“ beteiligt war. Beteiligt durch einen Eierwurf mit Todesfolge durch Erschrecken. Je rasanter die Flucht, desto intensiver ist es ein Switchen durch Szenen, die sich als eine Generalabrechnung mit der Allgegenwart des Trashs lesen. Ein Showdown in der Art des Actionkinos, ein Abschied im Stil einer Telenovela. Die Flucht führt durch eine Welt nicht der Erderwärmung, sondern ihrer „Verhöllung“. Sie führt durch eine Dystopie, in der das „Regime“ und die Organisation „Mob“ zwei lebensgefährliche Terrorstrukturen sind. Da haben sich zwei gefunden, eine staatliche und eine private, die Rotsky umzubringen versuchen.

Zum Karneval dieses Romans gehört, dass Ereignisse und Erlebnisse gegen eine Grenze getrieben werden, an der alles, aber auch alles, sich ins Gegenteil verkehrt. Sowie in ein Stadium des Übergangs, das kein Ende finden wird bis in alle Ewigkeit. Wenn der „Karpatenkarneval“, Andruchowytschs Debüt 1992, zu Recht als Bildersturm bezeichnet worden ist, so ist „Radio Nacht“ das Ketzergericht über eine lächerliche Welt, einer aus Verschwörungsgeschichten, in der die Wirklichkeit nur noch ein Witz ist. Von A bis Z die Wörter selbst.

Lesen Sie hier Teil 7 der Serie: Oksana Sabuschko - „Schwestern“

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