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Hier bloß Putzarbeiten vor der Sonntagsmesse in einem Kirchlein bei Lviv (Lemberg). epd

Ukrainischer Roman

Juri Andruchowytsch „Die Lieblinge der Justiz“: Vorbereitung auf das Schreckliche

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Falsche Freaks und echte Mörder: Juri Andruchowytsch erzählt in „Die Lieblinge der Justiz“ vorerst possierlich von der Gewalt in seiner westukrainischen Heimat.

Das Böse bereitet uns seit jeher Vergnügen. Das gilt besonders, wenn a) es lange her ist, wenn es sich b) weit weg von uns ereignet, wenn man es c) klar als böse erkennen kann und wenn wir es d) hübsch sarkastisch dargeboten bekommen. Die letzte Bedingung erfüllen die „achteinhalb“ Episoden dieses „parahistorischen Romans“ in vollem Umfang, die vorletzte meistens. Mit den ersten beiden Bedingungen ist es allerdings so eine Sache.

Verbrechen und Verbrecher sind ein saftiges Sujet für einen Autor von der Fabulierlust eines Juri Andruchowytsch. Historische Figuren, unter ihnen Helden und Antihelden der ukrainischen Nationalgeschichte, mischen sich in den nur lose verbundenen Erzählungen mit fiktionalen. Wer herausfinden wollte, was in dem literarischen Kriminalmuseum auf Wirklichkeit beruht und was nur erfunden ist, müsste selbst kriminalistischen Spürsinn entwickeln. Die unglaubliche Geschichte vom sowjetischen Meisterspion Bogdan Staschinski zum Beispiel, der aus Liebe zu einer deutschen Friseuse zu den Amerikanern überläuft, ist schon lange gut dokumentiert. Aber noch nie wurde sie so lustig erzählt.

Dann wieder fliegt dem Autor die Phantasie davon – wie in der Geschichte von Ewa: Die über sechzigjährige Ehefrau der Titelfigur wird jünger statt älter, nachdem Mario, ihr Mann, ihr ewige Jugend gewünscht hat. Am Ende ist sie wieder zehn und spielt mit Puppen. Der Gatte wird wegen Pädophilie verhaftet.

Ereignet – oder auch nicht ereignet – haben sich die spektakulären Geschehnisse, von denen Andruchowytsch erzählt, zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert. Geht es etwa um den Lemberger Albert Wiroziemski, lässt man sich gern auch von grausamen Hinrichtungsarten erzählen. Schließlich ereilte den Übeltäter sein Geschick im 18. Jahrhundert. Wie sich herausstellt, hatte der falsche Priester die Zahl seiner wechselnden Geliebten immer bei exakt zwölf gehalten – moralische Lockerheit mit quasi liturgischer Strenge verbindend.

Das Buch

Juri Andruchowytsch: Die Lieblinge der Justiz. Parahistorischer Roman . A. d. Ukrain. v. Sabine Stöhr. Suhrkamp. 296 S., 23 Euro.

Immer wieder spickt Andruchowytsch seine Erzählungen mit kleinen, listigen Anachronismen. Die freakigen Einfälle machen die Lektüre ebenso zum Vergnügen wie das putzige, barocke Deutsch, in das Sabine Stöhr die Geschichten übersetzt hat. Näher an unsere moderne Welt heran treten dann Felius, das Idol der Lemberger Halbstarken in den 30er Jahren, oder der bis heute populäre Attentäter Myroslaw Sitschynskyi, der anno 1908 den habsburgischen Statthalter erschoss.

Und dann ist auf einmal Schluss mit lustig. Die achte Geschichte handelt von den Massakern der Wehrmacht und der Gestapo und den Methoden, mit denen die deutschen Besatzer in Juri Andruchowytschs Heimatstadt Iwano-Frankiwsk – und, wie man hinzufügen darf, auch anderswo in der Westukraine – die Volksgruppen gegeneinander ausspielten. Die Mörder und ihre Chefs tauchen mit Klarnamen auf. Folterszenen, wie wir sie wenige Seiten vorher, im 17. Jahrhundert, noch entspannt gelesen haben, sind jetzt unerträglich. Der Mord, eben noch Gegenstand unterhaltsamer Plauderei, hat sich vertausendfacht.

Im Mittelpunkt der achten Erzählung steht die „Erschießung der Siebenundzwanzig“ durch die deutsche Schutzpolizei, eigentlich nur eine Episode in einer Zeit, in der hier bis zu zwölftausend Menschen an nur einem Tag umgebracht werden. Aber Andruchowytsch hält sich, noch ganz im sarkastischen Stil der vorigen Erzählungen, mit der Frage auf, wie die Opfer auf zehn bereitgestellte Hinrichtungspfähle aufgeteilt werden: zehn-zehn-sieben? Oder zehn-sieben-zehn? Die dokumentarische Präzision, die die Lektüre der Gruselgeschichten so gefällig und spannend gemacht hat, wird mit einem Mal makaber. Schaurig-schön, so zeigt sich nun, wurden die ersten Geschichten durch die Kunst des Erzählers. Ohne den Charme der Wiedergabe wären sie nur schrecklich. Folgern muss man daraus, dass man, wenn man wollte, sogar noch den Holocaust als Schelmenroman erzählen könnte; eine wirklich gruselige Pointe.

Einige der Geschichten sind, jede für sich, schon früher an anderem Ort erschienen. Aber „Die Lieblinge der Justiz“ ist auch nicht einfach ein Panoptikum; die Geschichten runden sich, wenn nicht zu einem Roman, so doch zu einer sorgfältig komponierten Sammlung. Wie ein frecher Kobold lugt in jeder einzelnen Episode ein ominöser „Wanderzirkus Vagabundo“ in die Handlung herein. Erst in der achten, der schrecklichen Geschichte, erfahren wir mehr über ihn. Das „achteinhalbte“ Kapitel schließlich verbindet die acht vorigen mit dem Autor – wie er in seiner arglosen Kinderwelt erste schlimme Erzählungen verarbeitet, wie schließlich in der Umgebung eine Leiche auftaucht.

Das Schreckliche ist immer schon da, von klein auf hören wir davon. Es liegt an uns, wie wir es uns aneignen.

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