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Der Schriftsteller Ulrich Peltzer

Poetikvorlesung Frankfurt

Bis der 16. Juni 1904 da ist

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Zwei Bücher, James Joyces "Ulysses" und "Finnegans Wake", waren die Haupthelden von Ulrich Peltzers erster Poetikvorlesung in Frankfurt. Der in Berlin lebende Autor ist den Frankfurtern unter anderem als Stadtschreiber von Bergen 2009/10 bekannt.

Dass die Frankfurter Poetikvorlesungen von Ulrich Peltzer schon fast als Buch erhältlich sind (bei Fischer, 176 S., 17,95 Euro), brachte den Autor gestern Abend zum Auftakt in eine Situation, in der sich viele Journalisten jede fünfte Nacht befinden. Was sie eben noch frohen Mutes hinschrieben, kommt ihnen gegen 4 Uhr gar nicht mehr richtig vor, gegen 4.15 Uhr haben sie den Fehler entdeckt, allein zu spät. In der dritten Vorlesung, so nun Peltzer, habe er ein Zitat des „Linkskatholiken“ Jean Baptiste Henri Lacordaire mit einem Zitat Rousseaus verwechselt. Ein Übertragungsfehler offenbar von einem Notizbuch in das nächste. Wer aber würde da etwas anderes ausrufen wollen als: Ach, er verwendet Notizbücher und überträgt Halt- bares in das jeweils nächste!

Peltzer, 1956 geboren, in Berlin lebend und Frankfurtern unter anderem als Stadtschreiber von Bergen 2009/10 vertraut, ist ein stupend belesener Autor. Unter dem einleuchtenden Gesamttitel „angefangen wird mittendrin“ fing er mittendrin an – wobei das Rousseau-Erratum der richtig mittendrin liegende Anfang war –, bezeichnete Schriftsteller als jene, die „Symptome einer Welt lesen“, und las dann also selbst die Symptome einer Welt, die birst vor Informationen und Ereignissen. Bis der 16. Juni 1904 da ist und den Zerstreutheiten ein Ende setzt und das normale Leben jenseits der „Trinität der Sensationen“ Unfall, Verbrechen und Heldentat in einem einzigen Tag und aus der Sicht von drei Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts vor uns liegt. James Joyces „Ulysses“ und „Finnegans Wake“, zwei Bücher, waren die Haupthelden der ersten Vorlesung, die letztlich darauf angelegt war, dass jedermann hätte nach Hause rennen müssen, um mit dem Lesen zu beginnen.

Dafür war aber andererseits wieder zu viel los, zeigte Peltzer nicht nur seine Vertrautheit mit dem zyklischen Geschichtsbild des neapolitanischen Philosophen Giovanni Battista Vico, sondern auch mit einem Volkslied, in dem es ungefähr heißt: „Wer nur den lieben langen Tag / ohne Plag’, ohne Arbeit / vertändelt, wer das mag, / der gehört nicht zu uns!“ Da überkam Ulrich Peltzer großer Zorn angesichts dieses „Exklusionsmechanismus“, weil er an seinen Volksschullehrer denken musste und daran, was in den sechziger Jahren noch gelehrt worden sei. Das sage er denen, die Probleme mit ’68 haben.

Nächste Woche geht es mit „Robinson Crusoe“ weiter.

Frankfurter Poetikvorlesungen: bis 8. Februar, dienstags, 18 Uhr, Hörsaalzentrum Campus Westend. 9. Februar Lesung im Literaturhaus.

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