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Die jungen Amateure

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Von: Christina Lenz

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Dass auch heute junge fromme Rucksacktouristen Sandalen tragen, macht „Das Reich Gottes“ nicht zu einem Sandalenroman.
Dass auch heute junge fromme Rucksacktouristen Sandalen tragen, macht „Das Reich Gottes“ nicht zu einem Sandalenroman. © epd

So ideologiefrei kann man über Religion schreiben: „Das Reich Gottes“, Emmanuel Carrères erstaunlich funktionstüchtiger Roman über das Frühchristentum.

Es ist buchstäblich kaum zu glauben: Ein Roman über das Frühchristentum schoss 2014 im laizistischen Frankreich auf die obersten Bestsellerplätze. In einem Land, in dem nur noch ein Drittel der Menschen überhaupt etwas mit Religion zu tun haben will. Die Rede ist von Emmanuel Carrères inzwischen auch auf Deutsch erschienenem Roman „Das Reich Gottes“.

Eigentlich trieb sich der nach Houellebecq vielleicht schillerndste französische Autor bisher in ganz anderen Genres herum, schrieb tragisch-verruchte Geschichten unter anderem über den Hochstapler und Familienmörder Jean-Claude Romand („Amok“), über Tsunami-Opfer, Krebskranke („Alles ist wahr“) und einen sowjetischen Exil-Künstler („Limonow“). Rasante, rührende, mit Fiktionen angereicherte Reportagen aus den Abgründen menschlicher Existenz.

Umso mehr überrascht der jüngste Stoff: Die Lebensgeschichten zweier von jahrhundertelanger Kirchentradition ganz blass gewordener Bibelfiguren – Paulus und Lukas. Paulus, der Apostel, einstige jüdische Fischer und spätere glühende Missionar, der mitreißende Briefe schrieb und in den römischen Provinzen die ersten christlichen Gemeinden stiftete. Und Lukas, der Evangelist, ein gebildeter griechischer Arzt, der sich dem Sog von Paulus’ schillernden Reden nicht entziehen konnte, der mitreiste, beobachtete und am Ende seines Lebens überzeugt war, dass er das alles aufschreiben muss. Soweit der bekannte und für einen zeitgenössischen Roman eigentlich abwegige Stoff.

Wer trotzdem Hunderte Seiten vom Frühchristentum zwischen den Jahren 50 und 90 n. Chr. berichtet, muss schon tief in die erzählerische Trickkiste greifen. Und das kann der Drehbuchautor Carrère. Er ist ein glänzender, ja ein gewiefter Erzähler, der schon in früheren Romanen bewiesen hat, wie er aus gigantischen Stoffen und einer Überfülle an Material federleichte, und doch tiefgehende Prosa stricken kann. Und auch sein jüngstes Buch hat eine intimen Bezug zur Person des Autors. Bald erfährt der Leser, dass der schon damals als Romanautor anerkannte Ich-Erzähler nach Umwegen über mehrere erfolglose Psychoanalysen einst selbst zum Erzkatholiken wurde. Anfang der 90er Jahren kommentierte er unermüdlich die Evangelien, lief täglich in die Messe, ließ seine Söhne taufen und fristete den halben Tag in christlicher Meditation über einer Schale Vollkornreis in seinem Arbeitszimmer.

Diese ihm inzwischen etwas peinlich gewordene eigene Glaubensphase wird in „Das Reich Gottes“ zum erzählerischen Joker. Sie erlaubt es Carrère, sich immer wieder in die Geschichte hineinzuprojizieren, persönliche Anekdoten einzuflechten und seinen großen christlichen Lektüreschatz auszuspielen. Mit diesem Ich-Filter, der sich über den historischen Stoff legt, wird die Erzählung im Wortsinn naheliegend. Sie weht uns aus dem Staub der Jahrtausende an und geht doch runter wie Öl. So immens der Zeitsprung auch ist, der Autor wechselt mühelos zwischen dem Alltag im römischen Reich und dem des depressiven Pariser Ich-Erzählers hin und her. Als ginge es letztlich um dieselbe Welt, um dieselbe Clique an Leuten, um dieselben Probleme.

Bei Carrère atmen, essen, gestikulieren Paulus und Lukas und reisen rastlos wie moderne Rucksacktouristen durch das römische Reich. Der Autor hat sich nicht an einem Sandalenroman versucht, er erzählt aus heutiger Perspektive vom liberalen Alltag im römischen Reich, den Schrullen durchgeknallter römischer Kaiser und den Gewohnheiten der freakigen Frühchristen. Mit dem römischen Reich damals sei es eigentlich schon wie mit unserer Welt gewesen, „wie mit McDonald’s, Coca-Cola, Kaufhausketten und Apple-Stores heute: Wohin man auch kommt, findet man das Gleiche“. Die ersten Christen stellt sich der Autor vor wie „Yoga- oder Tai Chi-Amateure in einer kleinen Stadt“.

Sein Lukas ist ein „bisschen snobistisch und neigt zum Namedropping“, und Paulus sei ab und zu „ein komischer Kauz“ gewesen, der „plapperte, sich immer mehr echauffierte und sein Umfeld belästigte“. In „einem Lucky Luke-Heft“ würde man ihn auf seinen Missionsreisen die „Stadt jedes Mal geteert und gefedert verlassen sehen“.

Solche Sätze fegen das Gesichtslose und Staubige der Szenerie mit einem Mal weg. Was Carrère herausfiltert, ist das Sinnliche im Historischen, das Alltägliche am abstrakten Mythos. Das gipfelt darin, dass er sich die Gestalt der Jungfrau Maria als die seiner Lieblings-Pornodarstellerin vorstellt und die soziale Stufe von Jesus am Kreuz mit einem „Horst oder Dieter“ vergleicht, der „wegen Pädophilie verurteilt“ ist.

Diese Technik beschreibt Carrère selbst als anti-realistisch. Seine Sichtweise passe zur modernen Wahrnehmung, „dieser Freundin des Zweifels, der Rückseite der Kulissen und des Making-of“. Nur durch diesen gebrochenen und selbstreflexiven Blick, durch die permanenten metafiktiven Einwürfe, die essayistischen Ausschweifungen und ironischen Off-Kommentare des Autors schafft es der Roman, mehrere Realitätsebenen zu kompilieren und damit trotz der historischen Thematik absolut zeitgemäß zu sein.

Hinzu kommt, dass Carrère aktuelle Fragen aufwirft. So nach Sinn und Nutzen von Religion inmitten einer agnostischen Gegenwart. Carrère entzaubert und ironisiert teilweise das Christentum, ohne sich aber je zum atheistischen Snobisten aufzuschwingen. Was er anbietet, ist eine äußerst attraktive und zeitgemäße Art, sich Religion zu nähern. Frei von Naivität, Fundamentalismus oder unreflektiertem Traditionalismus. Carrère blickt auf das Christentum aus einer radikalen Ich-Perspektive, mit großem Interesse, vollkommen anti-institutionell. Und mit einer überbordenden ästhetischen Neugier, mit der er versucht, „das Rätsel eines literarischen Texts auseinanderzunehmen“.

Auch hierzulande kennen wir eine solche Haltung von einem Autor, der sich des Themas Religion zeitgemäß annimmt: Navid Kermani. Was beide Autoren verbindet, ist das „ungläubige Staunen“, das Religion von Ideologie befreit. Das sie aber gleichzeitig als kultur-geschichtliches und ästhetisches Phänomen zu einem profanen Leuchten bringt.

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