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Lana Lux, 1986 in der Ukraine geboren, kam als Zehnjährige mit ihren Eltern nach Deutschland.

Lana Lux

Junge Heldin mit Barbie

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In ihrem mitreißenden Debütroman "Kukolka" erzählt Lana Lux die Überlebensgeschichte eines Mädchens, das als Bettlerin und Prostituierte aufwächst.

Kukolka“ heißt Püppchen. So wird das Mädchen Samira genannt, denn sie ist sehr hübsch. Langfristig wird ihr das Gefahr und Verderben bringen. Doch das weiß Samira nicht, und ändern könnte sie es ohnehin nicht. Um zu überleben, schließt das Kind sich jedem Menschen an, der sich ihm zuwendet. Noch im Tonfall der inzwischen vermutlich erwachsenen Ich-Erzählerin, die rückblickend ihre Geschichte berichtet, ist die vertrauensselige Naivität des elternlosen Mädchens lebendig. Die in Berlin lebende Künstlerin Lana Lux trifft mit ihrem ersten Roman direkt ins Herz. Oder auch ins Herz der Finsternis. Ihr gelingt das sehr schwierige Kunststück, mit ganz leichter Hand einen wahren Horrortrip von Elendsgeschichte zu erzählen, den Lesern dabei nichts zu ersparen und doch niemals die Identifikation mit der Figur durch unnötige Elendspornographie aufs Spiel zu setzen oder – was das Schlimmste wäre – die Hoffnung sterben zu lassen. Die Hoffnung ist es, von der die Heldin lebt; und wir mit ihr.

Im ostukrainischen Dnepropetrowsk, Geburtsstadt auch der Autorin, spielt der größte Teil des Romans. Hier verbringt Samira ihre ersten Lebensjahre in einem Kinderheim unter der Fuchtel einer sadistischen Erzieherin. Weil das kleine Mädchen schwarzhaarig ist, wird sie vom Personal und den anderen Kindern als „Zigeunerin“ beschimpft und schlecht behandelt. Nachdem Samiras einzige Freundin nach Deutschland adoptiert worden ist, flüchtet die Siebenjährige aus dem Heim und wird auf der Straße von einem Mann aufgelesen, der sich „Rocky“ nennt und eine Gruppe von Straßenkindern für sich betteln lässt.

In Rockys Bruchbude wächst Samira mit ein paar anderen Ausgestoßenen und Vergessenen auf, schließt prekäre Freundschaft erst mit einem, dann einem anderen älteren Mädchen. Beide Beziehungen nehmen ein traumatisches Ende, und Samiras Zeit bei Rocky ist ohnehin nicht mehr so unbeschwert, seit sie ihm ab und zu helfen muss, sich zu „entspannen“. Daher zögert sie nicht lange, mit einem attraktiven jungen Mann mitzugehen, der sie zum Essen einlädt und ihr verspricht, sie mit nach Deutschland zu nehmen ...

Naiv und genau beobachtend

Ab hier kann man sich den weiteren Fortgang der Geschichte ungefähr denken. Aber wie gesagt: Der scheinbar naive Realismus der Lana Lux setzt nicht auf Erschütterung durch detaillierte Darstellung des Unerträglichen, sondern lässt seine Protagonistin dort im Drogennebel versinken, wo es sonst zu schwer für uns auszuhalten wäre. Und immer wieder öffnet sie Türchen der Menschlichkeit, durch die irgendwann, bestimmt, die finale Rettung kommen wird. Oder etwa nicht? Die Geschichte von Samira ist auch deshalb so ergreifend, weil man an jeder Biegung, die sie nimmt, aufs Neue so sehr die Wende zum Guten erhofft. Und das oft wider besseres Wissen, denn man weiß ja – in der Theorie jedenfalls – einfach viel mehr über die Welt als die Protagonistin. Zu Beginn des Romans ist sie sieben, am Ende fünfzehn Jahre alt und damit trotz aller Erfahrungen ein Kind, mit den Bedürfnissen und Träumen eines Kindes.

Ein Symbol für all das, für die grotesken, perversen, absurd grausamen Situationen, in die Samira mit ihrer Schönheit und Unschuld gerät, ist der kostbarste Besitz, über den sie verfügt: eine Barbiepuppe aus dem einzigen Paket, das von der adoptierten Freundin aus Deutschland ins Kinderheim geschickt wurde. Im Gegensatz zu Samira selbst bleibt diese „Kukolka“ immer heil, rein und weiblich perfekt. Auch im Gegensatz zu der imitierten Barbie, die Samira einmal geschenkt bekommt. Sie liebt auch diese zweite Barbie, obwohl die nicht einmal ihre Beine knicken kann und außerdem ein trauriges Ende nimmt. Ihr kleiner Puppenkopf endet als Mahnmal auf einem Mädchengrab. Und, nein: Das ist als Symbolik keineswegs zu dick aufgetragen.

Nichts in diesem Roman kommt übertrieben daher, auch wenn Lana Lux mit kräftigem Pinselstrich malt. Die Erzählsprache ist denkbar einfach, umgangssprachlich, der Tonfall geradeaus, Samiras Blick auf die Welt gleichzeitig naiv und genau beobachtend. Und weil die Erzählperspektive immer ganz bei der Protagonistin bleibt, ist Samiras Schicksal überhaupt nur auszuhalten. „Kukolka“ handelt von der menschlichen Fähigkeit, im innersten Kern noch den widerwärtigsten Umständen zu widerstehen. Und daher ist „Kukolka“ nicht die Opfergeschichte eines wehrlosen Püppchens. Es ist die furchtbar verdrehte, atemberaubende Coming-of-age-Story einer jungen Heldin.

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