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Roman

„Der junge Doktorand“ von Jan Peter Bremer: Kann man einander denn verstehen?

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Jan Peter Bremers raffinierter Künstlerroman „Der junge Doktorand“.

Mit diesem Buch durchläuft man beim Lesen verschiedene Phasen. Das liegt nicht allein daran, dass das wenige Geschehen darin (das Wort „Handlung“ scheint übertrieben) einige Wendungen bereithält. Der eigentliche Grund lässt sich in der Schreibweise des Autors finden. Jan Peter Bremer stiftet mit „Der junge Doktorand“ zur Selbstbefragung an. Überaus geschickt inszeniert er ein Kammerspiel, bei dem Selbst- und Fremdbilder aufeinandertreffen. Im Verlauf steht die Leserin als unsichtbare vierte Person dazwischen. Das macht die große Wirkung des schmalen Romans aus.

Folgende Anordnung hat Jan Peter Bremer errichtet: Bei dem abseits von einem Städtchen wohnenden Maler Günter Greilach und seiner Frau Natascha taucht eines Abends lang erwarteter Besuch auf. Es handelt sich um den titelgebenden jungen Doktoranden. Der Maler erhofft von ihm die umfassende Würdigung seines Werks („Schon immer war ihm bewusst gewesen, dass er keine Ausnahme darstellte, dass er einer von diesen schicksalhaft erwählten Künstlern war, die ihre Grenzen sprengende Bedeutung erst lange nach ihrem Tod entfalteten“). Dessen Frau spekuliert auf die Aufwertung ihrer selbst, wenigstens in ihrem Wohnort („Tief in sich hatte sie das junge Mädchen wieder aufgespürt, das sie einst gewesen war, und jetzt winkte dieses junge Mädchen immerzu strahlend zu ihr hin“).

Während am nächsten Tag aus ihren ineinander übergehenden Perspektiven Herr und Frau Greilach über die Bedeutung des Doktoranden streiten, stellt sich heraus, dass er selbst auch nur von anderen in seine Rolle gedrängt wurde. Er tritt sie mit dem Besuch zwar an, ist aber nicht bereit, sie auszufüllen.

Zeit und Ort bleiben lange im Vagen, das Kammerspiel um Sehen und Gesehenwerden könnte zunächst in jedem Land und zu vielen Zeiten stattfinden. Mit der Aufgabe aber, worin der junge Mann seine eigentliche Bestimmung gefunden hat, bricht unsere unmittelbare Gegenwart in den Roman ein. Nicht die Kunst macht ihn glücklich, sondern eine soziale Arbeit, aus der sogar Freundschaft erwachsen ist. Und die ist politisch brisant.

Jan-Peter Bremer: Der junge Doktorand. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2019. 176 S., 20 Euro.

In seinem letzten Roman, „Der amerikanische Investor“, wählte Jan Peter Bremer eine realistische Ausgangsbasis, nämlich die Tatsache, dass in Berlin Wohnungen aufgekauft, saniert und teurer neu vermietet werden, um dann mit seiner Figur des Investors ins Fantastische abzudrehen. Diesmal baut er zunächst eine parabelhafte Geschichte über das Aushalten eines Miteinanders, um sie mit einem konkreten Problem aus der Gegenwart, nämlich dem Umgang mit Geflüchteten, aufzubrechen.

Hervorzuheben ist vor allem Jan Peter Bremers Sprache, die sehr genau die Unterschiede und Ähnlichkeiten seiner drei Figuren zeigt. Gerade die beiden, die sich schon so lange kennen, Natascha und Günter Greilach, finden keine Ebene, um ohne Missverständnisse miteinander zu kommunizieren. So rumpelstilzchenkomisch sich das liest, so traurig ist es auch. „,Vielleicht geht es gar nicht darum, dass er auf Sie hört‘, sagte der junge Doktorand“, fasst Bremer diese Tragik. Und während sich der Maler durch eine Projektion aufrecht hält, wird der Besucher von dem Anspruch seiner Mutter, „dass er sich seine Träume erfülle und Künstler werde“ bis zur Depression niedergedrückt.

Jan Peter Bremer hat seinem Roman als Motto ein Zitat von Reinhard Lettau vorangestellt: „Ein Schriftsteller ist eine Person, die sich der Illusion hingibt, es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet.“ Das passt perfekt, man braucht nur das Wort Schriftsteller durch Maler zu ersetzen und Buch durch Gemälde. „Der junge Doktorand“ ist ja auf besondere Weise ein Künstlerroman. Er beschäftigt sich mit der Abhängigkeit des Künstlers von Aufmerksamkeit. Anders als in Daniel Kehlmanns Roman „Ich und Kaminski“, in dem ein ehrgeiziger Kunstkritiker durch den Künstler Bedeutung erlangen will, hofft hier der Maler auf den Kritiker.

Reinhard Lettau passt als Zitatgeber auch deshalb, weil man Jan Peter Bremer gut als Nachfahre Lettaus (1929-1996) lesen kann. Gemeinsam ist ihnen die stilistische Sorgfalt, unter der die Erzählungen und Romane kurz bleiben, ausschweifende Beschreibungen sind ihnen fremd. Und auch Lettau spitzte gern missglückte Begegnungen ins Absurde. Obwohl hier nicht zu viel verglichen werden soll. Jan Peter Bremer lässt seinen Maler sagen: „Ein regelrechter Fluch unserer Zeit ist es, dass man meint, immer alles miteinander vergleichen zu müssen.“ Sein gedankenanregender Roman kann gut für sich allein stehen. Die Nominierung auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis trägt hoffentlich dazu bei, dass er sein Publikum findet.

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