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Die Autorin Simone Lappert auf der Frankfurter Buchmesse

Buchmesse Newcomer

Im Gespräch mit … Simone Lappert

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Simone Lappert stellt auf der Frankfurter Buchmesse ihr Buch „Der Sprung“ vor. Der Roman, der für den Schweizer Buchpreis nominiert ist, ist beim Diogenes Verlag erschienen. Wie kam die erst 34-jährige zum Schreiben? Wie geht es ihr in der Branche? Und was möchte sie in ihrem Roman vermitteln?

Wie und wann kamen Sie zum Schreiben?

Ich habe angefangen zu schreiben, als ich lesen konnte. Und ich habe das Glück gehabt, in einer Familie aufzuwachsen, in der Literatur und das Erzählen eine große Rolle gespielt haben. Wir sind drei Geschwister und mein Vater hat uns oft aus dem Stegreif erfundene Geschichten erzählt. Ich führte diese Tradition für meine Geschwister weiter, später schrieb ich kleinere Geschichten, Kurzprosa, als Jugendliche längere Erzählungen. Nach einer Schreibreise durch Europa dann das Studium: Literarisches Schreiben. Das Schreiben hat für mich also tatsächlich schon immer dazugehört.

Wie lange arbeiten Sie an einem Buch, wie viel Zeit nehmen Sie sich?

So viel, wie der Text braucht. Oder so viel, wie die Figuren brauchen. Beim ersten Buch waren das so sieben Jahre. Und jetzt, bei dem zweiten, sind es fünfeinhalb. Da ist natürlich alles mit dabei: Die Anfangsidee, das Recherchieren, das Spazierengehen, das Liegenlassen, das Nichtweiterwissen, das Wiederreinkommen, das Umschreiben. Also auch alle Umwege.

Das heißt, bevor das erste Buch „Wurfschatten“ 2014 herauskam, ging schon die Arbeit an dem zweiten Buch los.

Ja, das basiert auch auf einer Kurzgeschichte, die ich 2012 geschrieben habe und die ich dann erstmal hab liegen lassen. Mir war aber klar, ich will etwas damit machen. Ich will den Text noch mal aufbrechen und mir mehr Perspektiven erschreiben. So richtig angefangen habe ich, nachdem „Wurfschatten“ veröffentlicht wurde.

In “Der Sprung” ist die Protagonistin eine junge Frau namens Manu. Sie steht auf einem Haus, weigert sich herunterzukommen und spielt mit dem Gedanken herunterzuspringen. Doch im Anschluss an den Prolog wird aus dem Leben vieler anderer Figuren erzählt – es scheint in erster Linie gar nicht mehr nur um sie zu gehen?

Genau, für mich gibt es mehrere Hauptfiguren. Klar ist Manu das Zentrum. Sie ist die Frau, die auf dem Dach steht und Dreh- und Angelpunkt ist. Aber die anderen Figuren sind auch enorm wichtig. Dadurch, dass Manu ihren Selbstmord als Möglichkeit in den Raum stellt, zwingt sie die anderen unten, übers Leben nachzudenken, stößt allerhand los. Sie setzt Fragen in Bewegung, Abwehrreaktionen, Spekulationen. Und natürlich auch Sorgen bei den Menschen, die ihr nah stehen. Aber letztlich setzt sich das Bild von Manu eigentlich durch die Blicke der Menschen, die unten stehen, zusammen. Wie sie sie sehen und mit ihr in Beziehung treten.

Die Autorin Simone Lappert im Gespräch auf der Buchmesse Frankfurt

Ist das Buch auch eine Gesellschaftskritik?

Das Buch greift fiktionalisierend ein Ereignis auf, das sich vor ein paar Jahren so ähnlich ereignet hat, in ähnlicher Konstellation. Mir wurde davon von Leuten aus dem Umfeld erzählt. Da stand eine Person sehr lange auf einem Hausdach und wollte nicht mehr heruntergekommen. Es gab eine riesigen Auflauf – Polizei, Presse, Feuerwehr – und eben leider auch sehr viele Schaulustige. Es gab einige, die gerufen haben: „Spring doch!“ Es gab wohl eine alte Frau, die meinte, so jemanden sollte man erschießen. Es gab, so wurde mir erzählt, auch einen Eckladen, der sehr viel Umsatz gemacht hat, weil die Schaulustigen lange geblieben sind und sich vor Ort verpflegt haben. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Da steckt so viel Ohnmacht drin, so viel Brutalität, Vielschichtigkeit. Ich habe mich gefragt, was solch ein Ereignis über unsere Gesellschaft aussagt, über unsere Empathiefähigkeit, darüber, wie wir mit Menschen umgehen, die aus der Reihe tanzen. Menschen, die sich vielleicht außerhalb einer Norm verhalten, die wir für gefestigt halten. Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, was die Figuren angeht, sondern Fragen an sie. Vor allem die Frage: Wer könnten diese Menschen sein und was könnte sie dazu gebracht haben, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten?

Und wie haben Sie gearbeitet?

Es gibt Dinge, die habe ich mir ausgedacht, manches habe ich mir angelesen, wieder anderes wurde mir erzählt oder hat auf anderem Weg in den Text gefunden. Um die Figur des Polizisten zu formen, der Manu vom Dach holen soll, habe ich mich dann wirklich mit einem Polizisten aus einer Sondereinheit getroffen, die bei Suizidversuchen und Geiselnahmen herbei gezogen wird. Mir wurde klar, was das für eine zerrissene Position ist, die ein Polizeibeamter inne hat: Hilfe auf der einen Seite, Feindbild auf der anderen Seite. Oder ich habe einen Fahrradkurier getroffen, wie es der Freund von Manu ist. Der hat mir dann ganz neue Sachen erzählt, zum Beispiel, dass ein Fahrradkurier auch Schweineaugen transportieren muss.

Haben Sie denn eine Figur, die ihnen besonders viel bedeutet?

Ich nicht, für mich sind die erstmal alle gleich wichtig, ich kann das nicht so abstrahieren. Ich habe versucht allen Figuren mit gleich viel Respekt, Neugier und Offenheit zu begegnen. Aber die Leserinnen und Leser, denen ich begegne, habe alle eine Lieblingsperson, und interessanterweise ist es immer eine andere, was mich sehr freut. Offenbar kann jeder oder jede sich für eine Person besonders erwärmen.

Von der ersten Seite an fällt auf, dass Sie mit Sprache sehr gut umgehen können. Was bedeutet Sprache für Sie?

Erst mal: Es ist eine riesengroße Liebe zur Sprache. Und dazu, was man alles aus ihr herausschälen oder herausschreiben kann. Und ich schreibe tatsächlich sehr stark mit den Ohren. Das ist für mich wahnsinnig wichtig. Für mich ist der Klang eines Wortes oder der Rhythmus eines Satzes ein Inhaltsträger. Das heißt, ich kann damit Inhalte vermitteln und es geht über die reine Wortbedeutung hinaus. Ich versuche immer, aktiv mitzudenken und lese mir den Text auch laut vor, um ihn so zu überprüfen.

Der Prolog ist ein einziger, durch Kommas getrennter Satz. Beim ersten Lesen habe ich das nicht wirklich bemerkt, es fühlte und hörte sich vielmehr richtig an.

Genau, denn der Text ist für mich immer auch ein Klangkörper. Damit kann man arbeiten. Das heißt, in dem Prolog ist das der freie Fall. Für mich war irgendwann klar: da kann es kein Satzzeichen geben. Das geht durch. Das braucht dieses Tempo. Und dieses Gewicht.

Sie waren Freitag noch auf einer Lesung in Frankfurt, um am Samstag zu einer Veranstaltung nach München zu fahren, einen Tag später sind Sie wieder hier mit mir auf der Buchmesse. Wie fühlt sich diese Alltagsveränderung an – macht Ihnen das Spaß, ist es überwältigend, anstrengend?

Das Schöne sind die Begegnungen. Weil man so lange an einem Text gearbeitet hat, so im eigenen Saft irgendwie vor sich hin gekocht hat. Da ist es total schön, in die Begegnung zu gehen und die Menschen kennen zu lernen, die das Buch auch tatsächlich lesen. Sehr lange Zugfahrten und bei Verspätungen an Bahnhöfen rumstehen ist weniger schön. (lacht) Die Reiserei ist anstrengend, aber es gibt ja immer auch den Grund, warum man es macht.

In den zwei Regalen links und rechts von dem, in dem Ihr Buch ausgestellt wird, stehen 18 Bücher von elf Autor*innen. Nur zwei Bücher davon sind von Frauen. Wie steht es um die Gleichberechtigung, die Sichtbarkeit, auch im Kontakt mit Verleger*innen?

Leider ist es so, dass Frauen sehr oft weniger sichtbar sind. Sei es auf Listen für Preise, wenn man sich da mal die Quoten anschaut, oder wie Sie sagen, in Buchhandlungen, auf Veranstaltungen. Da gibt es auf jeden Fall noch sehr, sehr viel zu tun. Ich mache das aber auch aktiv selber. Zum Beispiel in Basel, beim Internationalen Lyrikfestival. Da achten wir stark darauf, Frauen sichtbar zu machen und ihnen einen Bühne zu geben. Eigentlich gilt das für alle Projekte, in die ich involviert bin. Das ist mir ein großes Anliegen. Weil es nicht darum geht, dass die Arbeit schlechter ist, sondern eben einfach weniger sichtbar.

Sprechen Sie auch aus eigener Erfahrung?

Ja. Es ist oft so, dass man sich beweisen muss. Oder dass man Kommentare bekommt von einem älteren Herrn aus der Branche, der sagt: „Und ist das so ein Frauenbuch? Oder kann ich das auch lesen?“ Oder man sagte mir: „Ja aber, weißt du, dir ist schon klar, dass die einfach deine Schönheit verkaufen, ne?“ Also, als hätte es gar nichts mit dem Text zu tun, dass man bei einem bestimmten Verlag ist oder zu gewissen Lesungen eingeladen ist. Oder dann hier, dieses Interview macht. Und das ist mühsam, aber ich finde es wichtig, da dagegen zu halten. Und auch Stellung zu beziehen. Punkt.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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