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Thriller

Cai Jun: „Rachegeist“ – Der Junge mit dem Geist auf der Schulter

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Cai Juns fantastischer Thriller „Rachegeist“ über einen Ermordeten, der als Wiedergeborener Rache nimmt.

Eine Thriller-Komödie mit Patrick Swayze und Demi Moore brachte im Kino einst erfolgreich einen Ermordeten ins Spiel, der sich auf der Seite der Lebenden einzumischen vermag: „Ghost – Nachrichten von Sam“. Er musste dafür noch nicht einmal wiedergeboren werden. Der Lehrer für Literatur Shen Ming aber, der zuerst unter Mordverdacht gerät, dann selbst erstochen wird, muss geduldig sein: Ein halbes Jahr nach Shen Mings Tod erst wird Si Wang geboren, ein Junge, dem irgendwann klar ist, dass ein Geist auf seinen Schultern sitzt, und dass dieser Geist Rache sucht. Bis es aber dazu kommt, vergehen viele Jahre, wird der hochbegabte und hübsche Si Wang als seltsam erwachsen auffallen und von Shen Mings einstiger Verlobter adoptiert werden.

Der chinesische Autor Cai Jun, geboren 1978 in Shanghai, wurde auf einer Kunstakademie nicht angenommen – angeblich wollte er das Kartenzeichnen lernen – und begann stattdessen mit 22 Jahren mit dem Schreiben. Inzwischen ist er in China ein Bestseller-Autor, einige seiner Krimis und Horror-Romane wurden auch verfilmt. „Rachegeist“ ist die erste Übersetzung ins Deutsche – und zwar nicht aus dem Englischen, sondern direkt aus dem Chinesischen von Eva Schestag.

„Rachegeist“ hat fünf Teile, zwei Epiloge, springt zwischen 1983 und 2014 vor und zurück und ist, Vorsicht, hochkomplex. Ein Personenverzeichnis hilft immerhin bei der Orientierung. Dieses enthält zwar auch schon Dinge, die die Leserin erst im Verlauf der Lektüre erfährt – den Hinweis „leiblicher Vater Shen Mings“ zum Beispiel -, aber das spielt keine große Rolle.

Sorgfältige Intrigen

„Rachegeist“ erzählt einerseits von einer faszinierend fremden, auch reglementierten Kultur, in der etwa die Aufnahme in einer bestimmten Schule über das weitere Leben entscheidet. Der Roman baut andererseits die Intrigen sorgsam auf, die diejenigen zu Fall bringen und in den Tod schicken werden, die Shen Ming Unrecht getan haben. Und das ist keineswegs nur sein Mörder.

Das ist unter anderen auch Gu Qiusha, Tochter des Universitätspräsidenten von Nanming und Verlobte Shen Mings. Wie eine heiße Kartoffel werden sie und ihr Vater den jungen, beliebten Lehrer fallen lassen, als er in Mordverdacht gerät. Die gemeinsame Wohnung ist noch nicht fertig, da hat Gu Quisha schon das Schloss austauschen lassen; gleich wird Shen Ming auch aus seinem Zimmer in der Schule geworfen und steht nun auf der Straße. Und dann verabredet sich jemand mit ihm im Quartier der Teuflin, das man sich als Industriebrache vorstellen kann, und sticht ihm ein Messer in den Rücken. Er stirbt und sieht sich zu einer Brücke über den Nanming kommen, an der eine alte Frau ihm eine Schale Suppe reicht. Es ekelt ihn, er erbricht die Suppe wieder. Doch nur, „wer eine Schale von der Mengposuppe trinkt, vermag jede Erinnerung an ein früheres Leben zu vergessen.“

Buchinfo

Cai Jun: Rachegeist. Thriller. Aus dem Chinesischen von Eva Schestag. Piper, München 2020. 510 S., 16 Euro.

Weil Shen Ming nicht vergisst, nicht vergessen mag, wird viel gestorben gegen Ende von „Rachegeist“. Alte und neue Rechnungen sind offen. Mütter und vor allem Väter mischen mit, letztere sind abwesend, kümmern sich nicht, bis sie das schlechte Gewissen packt. Das scheint in China nicht anders zu sein als in anderen Gesellschaften. Ehen gehen zu Bruch, Kinder müssen vorzeitig erwachsen werden. Sie erregen Aufmerksamkeit, wenn sie melancholische Gedichte aus dem Stand zu rezitieren vermögen wie Si Wang.

Cai Jun beschreibt keine brüderliche (schon gar keine schwesterliche), vielmehr eine hierarchische, streng geregelte Gesellschaft. Wer aufgestiegen ist im Kader, zieht die Strippen und tritt nach unten, wenn er sich an seiner Position gefährdet sieht. Am aufrechtesten sind noch die Ermittler, der Beamte Ye Xiao, der nach Shen Mings Tod ermittelt, der Polizist Huang Hai, der Jahre später sein Leben einsetzt, um das Rätsel um den Mord zu lösen. Allerdings tut sich Shen Mings Geist auf Si Wangs Schulter damit leichter, auch wenn es lange dauert.

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