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Julian Barnes: „Elizabeth Finch“ – einer Dozentin eine Freude bereiten

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Von: Sylvia Staude

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Der verwundete und sterbende Julian, von den Christen Apostata genannt.
Der verwundete und sterbende Julian, von den Christen Apostata genannt. © imago/Leemage

„Elizabeth Finch“: Julian Barnes’ Roman über eine charismatische Dozentin und einen römischen Kaiser.

Wahrscheinlich haben die meisten Menschen im Laufe ihrer Ausbildung mindestens einen Lehrer, eine Lehrerin, von dem oder der sie sich bezirzen lassen – es mag am Charisma liegen oder an der Art der Wissensvermittlung oder vielleicht beidem. Neil, ehemals Schauspieler, zweimal verheiratet, drei Kinder, passiert das mit Elizabeth Finch; er ist sofort von ihr gefesselt aus ihrem ein großes, kluges Allerlei präsentierenden Seminar „Kultur und Zivilisation“.

Es handelt sich um Erwachsenenbildung, und weil Neil so fasziniert ist von EF (so nennen sie die meisten im Kurs, wenn sie unter sich sind), lädt er sie am Ende zu einem Essen ein. Daraus wird ein Ritual, zwei Jahrzehnte lang, dann stirbt Elizabeth Finch an Krebs. Ihre Bücher und Papiere hinterlässt sie zu seiner Überraschung ihrem Fan Neil, einem Menschen, „der für seine unvollendeten Projekte berüchtigt war“ (so formuliert er es selbst). Hat sie das getan, um das mögliche Scheitern ins Spiel zu bringen?

„Elizabeth Finch“ heißt der neue Roman von Julian Barnes, einem feinsinnig ironischen, hinterlistig kunstvollen Schreiber. Aber fast kommt es einem vor, als sei dies ein von ihm nicht ganz vollendetes Projekt. Beziehungsweise eines, bei dem er seiner Hauptfigur, einer „Privatgelehrten“, nicht mehr näher kommen wollte – oder konnte. Stattdessen baut er einen keineswegs uninteressanten, aber als Zentrum des Romans doch gleichsam verirrt wirkenden, rund 50-seitigen Mittelteil ein: einen Essay über den römischen Kaiser Julian Apostata, Julian den „Abtrünnigen“. Das, um Elizabeth Finch posthum eine Freude zu bereiten, die über diesen „milden“ Herrscher forschte, der sich gegen das Christentum entschied und versuchte, es zurückzudrängen.

Die Figur Finch soll inspiriert sein von Barnes’ guter Freundin Anita Brookner, Schriftstellerin und Kunsthistorikerin, die 2016 starb. Es ist aber für die Lektüre unerheblich, ob sie einem ein Begriff ist. Denn EF, ganz der No-Nonsense- und Flache-Schuhe-Typus, ist wiedererkennbar als „Verkörperung einer früheren Generation“: konservativ, diskret, stoisch, ganz ohne Selbstmitleid, dazu mit klarem Blick. „Sie rauchte, als ließe das Rauchen sie gleichgültig.“ Nichts Privates gibt sie preis. Und als nach ihrem Tod ihr Bruder Christopher erzählt, wie er sie beobachtete, als sie sich von einem Mann verabschiedete, beschäftigt das Neil über Gebühr. Bis er sich wieder darein findet, nicht wirklich etwas zu wissen über Elizabeth Finch, seinen „Rat spendende(n) Blitz“. (Als Blitz nimmt die Leserin die Wohlüberlegte allerdings eher nicht wahr.)

Es ist erstaunlich, wie wenig Julian Barnes seine Würdigung einer außergewöhnlichen Frau unterfüttert, auch dann noch, als er seinem Erzähler ihre Notizbücher in die Hand gibt – die so wie sie zurückhaltend, ja verschwiegen sind. So dass Neil überlegt, zögert, nochmal überlegt, ob er eine Biografie der Elizabeth Finch schreiben soll. Ob er sie schreiben könnte, wenn er wollte – wo er doch im Grunde so wenig, ja fast nichts über sie weiß.

Das Buch

Julian Barnes: Elizabeth Finch. Roman. A. d. Engl. v. Getraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 240 S., 24 Euro.

Aber immerhin ringt er sich einen Essay ab über Julian Apostata, um die verehrte Lehrerin eben wenigstens so zu würdigen. Kaiser Julian soll sich bei seinem frühen Tod im Jahr 363 n. Chr. „theologisch wie moralisch geschlagen“ gegeben haben, indem er (so hat es sich der englische Dichter Swinburne ausgedacht) als letzte Worte gesagt hat: „Du hast gesiegt, o bleicher Galiläer“ – der bleiche Galiläer ist natürlich Jesus Christus.

Fast könnte man meinen, Julian Barnes hat diesen Mittelteil seines Romans zusammengetragen und geschrieben, um seine eigenen Gedanken über das Christentum und den Monotheismus, über einen alternativen – heidnischen und friedlicheren? – Geschichtsverlauf zu ordnen und ihnen eine Plattform zu geben. Was, überlegt Neil aber auch, wenn der ziemlich tolerante Julian alt und grausam geworden wäre, wenn er die Christen mit Macht bekämpft hätte, so dass sie zu einer „zunehmend marginalisierten Sekte“ geworden wären? So dass der „herrische“ Monotheismus zur Randerscheinung geworden wäre?

Bestimmt nicht handelt dieser Roman in seinem Mittelteil nur von der Vergangenheit. Barnes dürfte auf unsere erschreckend intolerant werdende Gegenwart zielen. Er lässt Neil erfahren von einem Vortrag, den Elizabeth Finch gehalten hat (Titel: „Wo kommen unsere moralischen Vorstellungen her?“), für den sie einen Shitstorm erntete, als sie vom „tyrannische(n) Wesen des Katholizismus wie des Protestantismus“ sprach.

Blut- und glutvoller macht das „Elizabeth Finch“ nicht. Und wenn Julian Barnes mit diesem Roman ein Anliegen verfolgt hat, so hätte er dieses vielleicht besser ausschließlich und direkt in einen Essay gefasst.

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