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Das Bild zum ambivalenten Helden im neuen Buch von Julian Barnes, „Der Mann im roten Rock“: John Singer Sargents Gemälde „Dr. Pozzi at Home“, 1881. Foto: Bridgeman Images
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Das Bild zum ambivalenten Helden im neuen Buch von Julian Barnes, „Der Mann im roten Rock“: John Singer Sargents Gemälde „Dr. Pozzi at Home“, 1881.

Biografie

Der Docteur, der die Frauen verstand

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Der Mann im roten Rock“, Julian Barnes’ faszinierendes Porträt eines Pariser Arztes und der Belle Époque.

Samuel Pozzi (1846-1918) war als Gynäkologe und Chirurg ein Arzt der Prominenten, Adeligen, Intellektuellen, der Reichen und Schönen, ein bekannter „Modearzt“ nicht nur in Paris. Doch der charmante, nach Meinung der Prinzessin von Monaco „ekelhaft gut“ aussehende Dr. Pozzi war bei weitem nicht nur das. Er schrieb ein 1100 Seiten starkes, erstaunlich fortschrittliches Standardwerk über Gynäkologie. Er arbeitete außerdem 35 Jahre lang im öffentlichen Pariser Krankenhaus Lourcine-Pascal (ab 1893 hieß es Broca), behandelte dort und zudem privat auch die keineswegs Wohlhabenden, vereinbarte mit ihnen Ratenzahlungen.

Dies auch 1915 bei einem gewissen Maurice Machu, Steuerbeamter, der sich wegen Krampfadern am Skrotum operieren lässt. Machu zeigt sich zunächst recht zufrieden mit dem Ergebnis, vieles ist besser geworden, schreibt er dem Doktor, er schickt ihm auch einen Teilbetrag des Honorars. Am 13. Juni 1918 arbeitet Pozzi zuerst im Militärkrankenhaus in der Rue Ulm. Abends warten zwei Patienten in seiner Praxis, einer davon ist Machu. Drei Kugeln treffen Pozzi, dann tötet sich Maurice Machu selbst. Der Arzt ist noch bei Bewusstsein und berät seinen Chirurgen Dr. Martel. Doch bei der Operation stirbt er. Paris verabschiedet Dr. Pozzi mit einem großen Trauerzug, auf einer Fotografie sieht man das Pferdegespann mit seinem Sarg und mit militärischer Begleitung vor dem Arc de Triomphe.

Diese Fotografie ist die vorletzte in einem so großartigen wie reichhaltigen Buch des Briten Julian Barnes – kein Sachbuch im engeren Sinn, kein Roman, am ehesten eine Biografie. Auch wenn Barnes am Ende wegen diverser Leerstellen, die Leerstellen bleiben müssen, ein wenig bedauernd zu bemerken scheint: „In einem Roman könnte das natürlich alles geklärt werden.“

Könnte es – und wäre in Barnes’ Meisterschaft sicher zu einem fabelhaften Roman geworden. Aber der Schriftsteller hat sich für diesmal anders entschieden. Wo die Faktenlage dünn ist, weist er entschieden darauf hin. Zitiert auch sich widersprechende Quellen. Er weist außerdem sowohl auf die Vorurteile der Pozzischen Zeitgenossen hin als auch auf die unserer, der Leserinnen und Leser Zeit.

Das Buch

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. A. d. Engl. v. Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 230 S., 24 Euro.

„Der Mann im roten Rock“ ist keineswegs nur eine Biografie Samuel Pozzis, es ist auch eine der sogenannten Belle Époque, ihrer Künstlerinnen und Künstler, ihres (zeitgenössischen) Klatsches und Tratsches, ihrer Freundschaften und Animositäten. Es ist die Biografie einer Zeit des Friedens und der Pracht. Zusammengetragen sind Klatsch, Tratsch, vor allem aber Fakten über Sarah Bernhardt, die mit Pozzi recht intim befreundet war. Über Oscar Wilde, für den Barnes strenge Worte findet (er sieht in ihm einen Wortspieler um der Wortspielerei willen, da ist was dran). Über den Maler John Singer Sargent (zu ihm kommen wir gleich), den jungen Marcel Proust und alten Flaubert, die Goncourts und ihr „Journal“.

Der in England lebende US-Amerikaner Singer Sargent ist gleichsam verantwortlich für den Buchtitel „Der Mann im roten Rock“, denn 1881 malte er „Dr. Pozzi at Home“ – den Arzt nicht nur Zuhause, sondern leger – oder nur scheinbar leger? – im leuchtend roten Morgenrock. Ausführlich beschreibt Barnes dieses Bild, die so ausdrucksvollen Hände, bei denen jeder Finger anders gestaltet ist, die Durchtriebenheit des Malers, der sich Andeutungen geleistet haben mag, zum Beispiel mit den Gürtelquasten „unterhalb der Lenden“. Barnes gestattet sich Mutmaßungen, aber er betont stets, wenn es eben nicht mehr sind als Mutmaßungen, als womöglich die Hintergedanken eines Heutigen.

Denn „es fällt uns schwer, nicht mit modernen Augen zu sehen und moderne Gefühle in die hineinzulesen, die zu uns herausschauen“. Nüchtern – es schimmert aber eine gewisse Grundsympathie durch – bietet der Brite Informationen über einen Bürgerlichen (aus dem „Provinzbürgertum“ noch dazu), der es weit nach oben schaffte, der 1885 mit einem Prinzen und einem Grafen nach London reiste, wo Henry James den dreien „ein aufmerksamer Gastgeber“ war und Pozzi unter anderem Stoffe kaufte. Ein bisschen Dandy war er schon auch, der schöne, stilbewusste Doktor. Das kam an. Pozzi war Mitte 20 und noch Student, als er bei der Schauspielerin Sarah Bernhardt dinieren durfte. Sie nannte ihn „Docteur Dieu“, andere gaben ihm nach dem Titel eines Molière-Stückes den Spitznamen „Doktor Liebe“.

Aber in dieser Sache wirft sich Barnes für den Arzt dann doch in die Bresche: „In zeitgenössischen Dokumenten taucht Pozzi nie als der skrupellose – ja ,sexsüchtige‘ – Wüstling auf, zu dem ihn die Vergröberung von Sprache und Gedächtnis des 21. Jahrhunderts machen will.“ In seinem Fach ist Pozzi sowieso eine Koryphäe. Als einer der ersten Chirurgen weltweit erkennt er den lebensrettenden Vorteil von strikter Hygiene bei Untersuchung und OP. Seine Schüler versucht er Rücksichtnahme zu lehren den Patientinnen gegenüber. Aufgeklärt ist auch seine politische Haltung, er ist nicht nur der Arzt schöner Frauen, sondern kümmert sich zum Beispiel auch um die Gesundheit von Alfred Dreyfus.

Gäbe es in dem Band ein Verzeichnis der erwähnten Personen, es wäre lang. Denn Julian Barnes spannt um Dr. Pozzi herum Panoramen diverser gesellschaftlicher Kreise anhand ihrer markanten Vertreter und Vertreterinnen auf. Und während man den Eindruck hat, dass er eigentlich nur ziellos schlendert, mal an dieser, mal an jeder Blüte schnuppert – das Buch hat keine Kapitel -, zieht er einen mit einem „unterdessen“ oder einem „einige Jahre später“ von Geschichte zu Geschichte, Detail zu Detail, Conan Doyle zu Maupassant zu Degas.

Manchmal lässt Julian Barnes eine gewisse Voreingenommenheit erkennen, neben Pozzi gilt sie meist den Frauen, über die so schnell der Stab gebrochen wurde, wenn sie auch nur ein wenig zu „freizügig“ erschienen. Manchmal spürt man, dass er wenig übrig hat für das Dandytum der Zeit, den Snobismus derer, die ihn sich leisten konnten. Aber er behauptet auch nicht, dass er sich jedes Urteils enthält, formuliert vielmehr mit der für ihn typischen, eleganten Ironie: „Die Vergangenheit ist der Spielball der Gegenwart und kann erfreulicherweise keine Widerworte geben.“ Allemal ist sehr erfreulich, dass und wie Julian Barnes sich hier mit ihr beschäftigt hat.

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