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Julia Kissina: „Frühling auf dem Mond“ – Im Labyrinth der Zeiten

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Von: Christian Thomas

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Mondsüchtig in Kiew.
Mondsüchtig in Kiew. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (16): Julia Kissina und ihr Roman „Frühling auf dem Mond“

Ein Kiew-Roman, der unter verrückten Umständen beginnt, denkbar weit entfernt von der Stadt, im Himmel selbst. So geräumig die Verhältnisse dort, so irdisch die Bedingungen, wie auf Erden. Man muss Zeit mitbringen: „Wir alle sitzen im Empfangsaal des Herrn und warten auf unsere Stunde.“ Bereits mit dem ersten Satz ist ein Ton vorgegeben, ein Realismus, der in Julia Kissinas Roman „Frühling auf dem Mond“ ein entrückter Realismus ist, phantastisch zu lesen, auch das in seiner ganzen Ambivalenz.

Kiew als ein chaotischer Kosmos, in dem es wahrhaftig drunter und drüber geht und düster. Aberwitzig der Abrisswahn in der Stadt, sie ist „räuberischen Baggern“ preisgegeben. Irrwitzig sind die Verhältnisse im Krankenhaus, untergebracht auf einem unheimlichen Gelände, „als würden wir eine unsichtbare Grenze überschreiten, die uns von der Welt trennt.“ Kiew ist eine Stadt der Grenzerfahrungen. Witzig liest sich, was der Erzählerin in einem der Heiligtümer der Stadt widerfährt, der Wladimirkathedrale, unter ihren Ikonen. Zunehmend surrealer entwickelt sich der anfangs in eine „goldene Dunkelheit“ getauchte Raum in eine grelle Markttheke, so dass sich in der unwirklichen Überlagerung eine denkbar schlimme Fratze abzeichnet, keine andere Schreckensgestalt als der Wij, der alles verzehrende Gnom in einer Erzählung Nikolai Gogols. Das ist dann nicht mehr witzig.

Was den versammelten Witz in seinen geballten Widersprüchen angeht, gründet Julia Kissinas so wunderbarer wie wunderlicher Roman in einer Lachkultur, die ihre literaturkritische Durchdringung bei Michail Bachtin (1895-1975) fand. Lachen, auch wenn es gefriert, etwa bei den Besuchen mit der Mutter in einer „Irrenanstalt“. Lachen verschafft Distanz, geschieht aus der Distanz, so auf Pferdeställe, in denen Lungenkranke die Ausdünstungen der Tiere inhalieren. Die Realität auf Abstand nimmt eine „sehr freche“ Zwölfjährige wahr, die noch Zöpfchen trägt, und da es sich auch um einen Entwicklungsroman handelt, führt nicht nur ein altkluges Mädchen das Wort, sondern zunehmend eine Alleswisserin, die, so sehr sie auch das „Zwischenstadium des Verzaubertseins“, das „Elysium der Jugend“ erlebt, eine „phlegmatische Zeit“ durchlebt.

Die Menschen in Kiew tragen schwer an der bleiernen Zeit der Breschnew-Jahre, zusammengestaucht in „winzig-kleine Chruschtschowka-Zweizimmerwohnungen“, die verwanzt vom KGB sind. Das Sowjetsystem produziert „Anti-Sowjetler“. Auf Lastwagen werden die Menschen aus ihren alten Behausungen in Betonsilos mit getönten Scheiben verfrachtet. Auch wegen dieser Zwangsumsiedlungen sind die Deportationen der Stalin-Zeit präsent, der Terror, der millionenfache Mord durch Hunger, der Holodomor, 1931/32. Nicht anders als die Okkupation durch die Wehrmacht, von 1941 an. Auf einem Flussdampfer, einem Schiff der Verdammten, einem „Floß der Medusa“, zwang ein Offizier die Mütter, ihre Säuglinge über Bord zu werfen.

Der durch die Propaganda ausgerufenen „Lichten Zukunft“ des Sozialismus begegnet der Roman durch eine irrlichternde Poesie. „Im Unterwasserlicht der Abende war die Stadt reglos.“ Der Staub, der vom Himmel fällt ist der, der von der Erde aufsteigt, aus einem Kiew, das nicht nur aufgewühlt ist wegen der Bagger, sondern wegen Einwohnern, die sich nach Selbstverständlichkeiten sehnen, etwa nach Salz aus England, so dass bei chinesischem Wodka eine Kostprobe wie eine Seance zelebriert wird. Es ist nicht die einzige spiritistische Sitzung, in der noch ganz andere Dinge geschehen – oder vermutet werden wie in dem „Anatomischen Theater“, der Allegorie schlechthin für eine Anstalt, in der das Menschenexperiment des Sozialismus vollzogen wird.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Julia Kissina : Frühling auf dem Mond. Roman. Aus dem Russischen von Valeria Engler. Suhrkamp Verlag 2013. 252 S., 23 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“, Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“, Serhij Zhadans „Internat“ und Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“, Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“ und Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“.

Die nächsten Bücher werden die beiden ukrainischen Erzählbände Nikolai Gogols, „Abende auf dem Weiler der Dikanka“ sowie „Mirgorod“, sein.

Julia Kissina lebt heute in Berlin und New York. 1966 geboren in Kiew, zog es sie in den 80er Jahren unwiderstehlich nach Moskau, wo sie sich den Konzeptionalisten anschloss, als Fotokünstlerin arbeitete und bei Kunstaktionen performte. Möglich, dass ihr circensisches Talent zurückgeht auf eine Romanfigur, denn der Vater schreibt auf seiner „Erika“ für einen Zirkus Sketche, freche, ein wenig auch gesellschaftskritische Texte, ein mühseliges Geschäft, ein nicht ungefährliches. Denunziert, erhält er eines Tages die Vorladung zum KGB, er erwartet bereits das Schlimmste, sieht sich jedoch einem KGB-Mann gegenüber, der zu seiner Verblüffung selbst ein Geständnis macht. Dass nämlich nicht die Partei recht habe, sondern die Poesie. Der Scherge des Systems outet sich als heimlicher Lyrikliebhaber – so haben denn die beiden ein gemeinsames Thema gefunden. Der Alltag ist durchsetzt von abstrusen Anekdoten, die Mythen des Alltags von Partisanenlegenden und Kosmonauten, das real existierende Sein des Sozialismus bestimmt bei der Erzählerin jedoch ein groteskes Bewusstsein. „Seit einiger Zeit lebte ich wie im Traum. Als sei alles um mich herum nicht echt, und die Wirklichkeit käme später.“

Die ungemein altruistische Mutter liebt französische Filme, achtet auf ihre Jean-Seberg-Frisur „à la garconne“, ein Onkel organisiert die Fußballgeschäfte bei Dynamo Kiew, der Gourmet Ju. A. verhält sich bei jeder Gelegenheit aufdringlich gegenüber Frauen. Eine Vera, von der die Mutter behauptet, sie sei eine Verwandte, war ein „Deutschenflittchen“, so dass ein „Nazikind“ durch die Erzählungen der Erwachsenen geistert – von Anfang bis Ende auch durch den Roman. Doch wer von verschiedenen Töchtern ist wirklich dieses eine Kind, das die Kollaborateurin erstickt haben will, wie lange kolportiert. Oder hat es doch überlebt – womit sich auch die Frage nach dem Überleben der Kolportage stellt.

Bei dem, was vorgeht, geht es um etwas anderes als Logik. Die Pubertät der Ich-Erzählerin aus jüdischem Elternhaus, in ihrer Schuluniform und gerippten Strumpfhose vollzieht sich sprunghaft. So hüpft sie denn durch einen Entwicklungsroman, der zugleich eine Verfallsgeschichte Kiews ist, ein Roman aus Episoden und Anekdoten, eine jede äußert originell, die in ihrer Fülle auch das Forcierte einer Performance haben. Während die Erzählerin oft noch arglos scheint, klärt sie eine mystisch hyperventilierende Klassenkameradin darüber auf, was eine Lunatikerin sei. Das Wort soeben zum ersten Mal gehört, klärt wiederum die Erzählerin darüber auf, dass ihr „Vestibularapparat gut funktioniert“, womit klar wird, dass nicht wenige Passagen aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben sind, nicht nur aus der eines noch immer unaufgeklärten Mädchens.

Mit einer eingestandenermaßen „erregten Phantasie“ bewegt sich die Lunatikerin, die so schnell nichts aus der Balance bringt, durch eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und doch bizarr genug ist, um auf der legendären Landkarte der Ukraine, auf der Lemberg, Czernowitz oder Odessa als mythopoetische Metropolen verzeichnet sind, auch Kiew als einen Meltingpot phantastischen Erzählens anzutreffen, in dem ein Stimme sagt: „Ich zwinge die Zeiten dazu, gleichzeitig abzulaufen, denn die Ereignisse sind nur die verschiedenen Zimmer im riesigen labyrinthischen Haus der Zeit.“

Hier geht es zur letzten Folge: Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“.

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