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Juli Zeh und Simon Urban: Das musste endlich schon wieder gesagt werden

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Von: Judith von Sternburg

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Stefan würde schreiben „die Autor*innen“, Theresa „die Autoren“. Das Foto zeigt jedenfalls Simon Urban (l.) und Juli Zeh (M.).
Stefan würde schreiben „die Autor*innen“, Theresa „die Autoren“. Das Foto zeigt jedenfalls Simon Urban (l.) und Juli Zeh (M.). © Peter v. Felbert

„Zwischen Welten“ – Juli Zeh und Simon Urban entwerfen einen ambitionierten Dialog, der allerdings dann doch darauf hinausläuft, dass das Gendern noch abwegiger ist als das AfD-Wählen.

Aus dem Brief- und Postkarten- ist der E-Mail- und Whatsapp-Roman geworden. Das hat Folgen, aber sie halten sich in Grenzen. Geboten werden kann nun ein Echtzeitgeschehen, das selbst die zwischen Weimar und Jena hin und her galoppierenden Reiter nicht erreichten, und sie sollen sehr schnell gewesen sein. Geboten werden kann aber wie eh und je eine handliche Form von maximalem Realismus.

Was ist selbstverständlicher, als sich schriftlich zu bekennen, anzuschreien und um Kopf und Kragen zu reden, die Menschen tun es jeden Tag. In Buchform wirkt es wie ein Stück Wirklichkeit, das direkt aus dem Leben dort draußen herausgesägt wurde.

Zu zweit dürfte das noch fixer gehen. Juli Zeh und Simon Urban haben es ausprobiert, aber nicht so, wie man sofort annehmen wird. „Wir wurden quasi ein Schreibgehirn. Einer hat gesprochen, einer hat getippt“, sagte Juli Zeh der „Neuen Zürcher Zeitung“, auch wenn es immer noch schwer fällt, sie sich nicht in der Rolle der Landwirtin Theresa Kallis vorzustellen und ihren Schriftstellerkollegen Simon Urban in der Rolle des Journalisten Stefan Jordan. Oder meinetwegen (unwahrscheinlich) umgekehrt.

Hätten sie ein klassisches Rollenspiel verabredet, wer weiß, vielleicht wären die beiden, Theresa und Stefan, etwas weniger papieren. Andererseits ist der Mensch in Schriftform ein anderer als der aus Fleisch und Blut, der sich entsprechend schwerer zu Papier bringen lässt. Zeh und Urban sparen das konsequent aus. Wenn Theresa und Stefan sich treffen, erfahren wir das nur aus dem Echo ihrer nachfolgenden Nachrichten. Sie küssen und sie schlagen sich, so viel lässt sich daraus entnehmen.

„Zwischen Welten“ ist der dritte Band eines brandenburgischen Sittengemäldes, das Juli Zeh 2016 mit „Unterleuten“ begann und 2021 mit „Über Menschen“ fortsetzte, irrsinnig erfolgreichen Büchern, und auch „Zwischen Welten“ lag hochgestapelt bereits Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin am heutigen Mittwoch in den Buchhandlungen bereit. Es liest sich weg wie nichts.

So ist die Lage: Vom 5. Januar bis zum 4. Oktober 2022 schreiben sich Theresa und Stefan lange und kurze Nachrichten über alles Mögliche, aber vor allem über Reizthemen dieser Tage, das Gendern und das Klima, die „Cancel Culture“ und den Ukraine-Krieg, und es ist etwas ironisch, wenn so unterschiedliche Dinge nebeneinanderstehen, aber eben auch ein Zeichen der Zeit. Wenn man die Zeit aus dem Blickwinkel von Theresa und Stefan betrachtet.

Theresa ist 43 und stellt sich als „Vorstand der Kuh & Co. Schütte e. G.“ vor, Chefin eines landwirtschaftlichen Betriebs in Brandenburg. „Schütte, 80 Kilometer westlich von Berlin, 451 Einwohner, 28 Prozent AfD.“ Sie hatte andere Pläne, dann aber das heruntergekommene Unternehmen des Vaters übernommen, jetzt arbeitet sie sich kaputt und steht doch wieder vor dem Ruin. Theresa hat einen Mann und zwei Kinder.

Stefan ist 46 und leitet das Kulturressort der Hamburger Wochenzeitung „Der Bote“. Er versucht gerade, das Klima-Thema in der Zeitung voranzubringen, das Gendern hat er so verinnerlicht, dass er es auch in seinen Nachrichten für Theresa mit äußerster Konsequenz anwendet. Stefan ist unverheiratet und hat, soweit er weiß, keine Kinder.

Das Buch:

Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten. Roman. Luchterhand, München 2023. 445 Seiten, 24 Euro.

Die beiden kennen sich aus dem Germanistikstudium, verdammt lange her. Zufällig haben sie sich wiedergetroffen, jetzt nimmt Stefan den Whatsapp-Kontakt auf. Da er noch einsamer und als Journalist noch schriftlicher ist, kommt er sofort ins Erzählen, Prahlen, Wichtigsein. Er berichtet vom zunächst scheiternden Plan für einen Klima-Schwerpunkt im „Boten“ (wäre das im Januar 2022 noch eine größere Debatte gewesen?) und den jungen Kolleg*innen, die über „Critical Race Theory, intersektionellen Feminismus, Klimawandel, White Supremacy, Gendersprache und die Bekämpfung der AfD“ diskutieren, während es unter den älteren solche gebe, die einen „Cis-Mann für einen Musiker“ hielten.

Theresa findet das alles bescheuert. „Sprache bestimmt tatsächlich das Bewusstsein“, schreibt sie, „zum Beispiel das Bewusstsein der großen Mehrheit in Deutschland, die aufs Gendern verzichten möchte. Guck mal in die Umfragen.“ Auch hat sie andere Probleme: „Wenn das so weitergeht mit der Dürre jeden Sommer, kann die Landwirtschaft einpacken. Aber über echte Dinge schreibt ihr wahrscheinlich nicht.“

So geht es eine Weile, bekanntes Terrain aus Zehs Landromanen – das „Boten“-Innenleben selbst für die Zeitungsredakteurin exotischer als Brandenburg –, ein bisschen zugespitzt vielleicht. Theresa lernt die stramme Eva kennen, die ihre Probleme mit der Landwirtschaftspolitik versteht. Anders als Stefan. Der kann sich beim „Boten“ zwar doch noch durchsetzen – er findet eine einflussreiche Verbündete in der Onlinerin Carla al-Sayed, der Chefredakteur Flori Sota ist ohnehin die Lässigkeit in Person –, aber die beiden jungen Klimaaktivist*innen, die eine eigene Ausgabe gestalten sollen, erweisen sich als tyrannisch. Jetzt wäre es naheliegend, ins Satirische zu gehen, aber „Zwischen Welten“ erlaubt das nur in sehr kleinen Dosen. Darin stecken die drei schönsten Sätze des Buchs. Aktivistin Leonie postet ein Bild ihres verheulten Gesichts und schreibt dazu: „Meine Klimaangst ist heute so strong. Das wollte ich mit euch teilen.“ Martin aus der Wirtschaft fragt in die flammenden Reden der jungen Leute hinein: „Muss es nicht ,Hitlers Faschist*innen‘ heißen?“

Aber Zeh und Urban ist insgesamt nicht nach Ironie zumute. Obwohl Theresa und Stefan ohne Unterlass frotzeln – wie wir hier draußen, wo es einem ebenso auf die Nerven geht wie im Buch –, nimmt die Handlung allmählich Fahrt auf. In Hamburg gerät Stefans bewunderter Chef Sota in Bedrängnis, als ihm ein Witz entschlüpft, den man nur mit gutem Willen als nicht rassistisch einstufen kann. Der folgende Netzzorn steht dazu, das begreift selbst Stefan, in keinem Verhältnis (auch zur deutschen Gegenwart des Jahres 2022 nicht).

Einig sind sich Theresa und Stefan seit jeher in ihrer Zuneigung zu den Büchern Martin Walsers. Das führt eventuell dazu, sie für ein wenig älter zu halten, als sie sind. Vor allem Theresa teilt mit Walser das Sensorium gegen moralische Zurechtweisungen. Das macht ihre Argumente aber nicht komplexer oder origineller. Und während Stefan an seiner Überangepasstheit zu knabbern hat, klingt Theresa, die „Laberland verlassen und die Ärmel hochkrempeln“ will, bald ebenso angepasst. Nur an eine andere Blase. „Die sogenannten Qualitätsmedien haben ihren Kompass verloren. Das wird sich rächen. Die Menschen merken das. Sie werden ihre Lehren daraus ziehen. Ich habe meine bereits gezogen“, schreibt sie, und: „Die da oben treiben uns mit ihrer Vernichtungspolitik zu absurden Verhaltensweisen und zeigen dann mit dem Finger auf uns und nennen uns Querdenker oder Reichsbürger oder Hirnis vom Land.“ Stefan ist logischerweise entsetzt, beim Lesen ist man es auch. Theresa und Stefan sind stolz darauf, (vorläufig) in Kontakt zu bleiben, aber an sich ändert das nichts.

Hier kommt nun der ungemütliche Teil und besteht nicht so sehr in den hochdramatischen Ereignissen, die noch bevorstehen. Er besteht darin, dass Form und Argumente, dazu die immense Nähe zur Welt von heute – alles ja bloß ein paar Wochen her – einen Realitätsgehalt nahelegen, den „Zwischen Welten“ natürlich nicht einlöst. Das muss es als Roman auch nicht. „Zwischen Welten“ vermittelt aber am laufenden Band, es wäre dichter am Leben, als das Leben selbst es mitbekommt. Das liegt vor allem daran, dass es keine Satire ist, die Ereignisse aber zunehmend unwahrscheinlich. Sie erfüllen, zumal in der Demontage des „Boten“-Chefredakteurs Sota durch eine woke Horde (inklusive eines regelrechten Megärenauftritts), die kühnsten Fantasien von Menschen, die finden, dass Theresa recht hat.

Und obwohl beziehungsweise weil Stefans Welt gewinnt (den Zauberlehrling graust es inzwischen selbst), gibt auch der Verlauf von „Zwischen Welten“ Theresa recht. Dafür war der Aufwand groß, für dieses: Das muss jetzt endlich mal gesagt werden, schon wieder gesagt werden, noch einmal gesagt werden.

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