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Juli Zeh.
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Juli Zeh.

Neuer Roman

Juli Zehs „Über Menschen“: Wegsacken in Bracken

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Juli Zeh schickt die Werbetexterin Dora von Berlin ins Brandenburgische zu den Nazis, wo es anscheinend immer noch angenehmer ist als bei ihrem Freund, dem Klima- und Corona-Tugendwächter.

Über Menschen“ ist die unverblümt aktuellste Romanvariante, die sich für das deutsche Frühjahr 2021 denken lässt. Sie wäre es womöglich noch mehr, wenn Juli Zeh sich gegen Ende nicht zu einer rührstückhaften Wendung entschlossen hätte, die ins unwahrscheinlich Versöhnliche geht und die Leserin mit der Allmacht des Todes erpresst, vor der alle Kritik kleinlich wirkt. Trotzdem sollte Literatur da mehr zu bieten haben als eine Sentenz wie diese: „Das Entsetzen ist ein Gigant, der seine Opfer gerne noch eine Weile anstarrt, bevor er sie packt.“ Auch wenn es eine Sentenz von Dora ist, deren Perspektive der Roman zu hundert Prozent einnimmt.

Das Rührstückhafte ist umso bedauerlicher, als der in diesem Zusammenhang wesentliche Begriff „Raumforderung“ in seiner medizinischen und völkischen Ausdeutung so effektvoll eingesetzt wird. Und auch im Rührstückhaften lässt sich die Schriftstellerin Juli Zeh erkennen, die über solchen Kategorien steht. Das wiederum ist cool, ebenso wie Dora, die bereits mit Juli Zeh verwechselt wurde. Daraus lassen sich Vorwürfe stricken, wenn Dora sich nicht ausreichend vom „Dorf-Nazi“ distanziert oder wenn es heißt: „Wer aufbegehrt, wird verunglimpft, als dummer Bauer, als Irgendwas-Leugner oder gleich als Demokratiefeind. Irgendwie, denkt Dora, hat Deutschland die AfD beim Universum bestellt und bekommen.“ Dann denkt man seinerseits womöglich, dass einem der letzte Satz bekannt vorkommt, und man stellt fest, dass Juli Zeh ihn schon einmal selbst in einem Interview gesagt hat.

Bei der Lektüre von „Über Menschen“ gilt es sich in Acht zu nehmen vor Vereinfachungen, gegen die sich Zeh ja wendet. Dora hingegen nicht unbedingt. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Obwohl der Roman beim Angehen gegen Vereinfachungen seinerseits simpel wird, so ist es die Simplizität, die im Leben nicht auszuschließen ist. Alles andere ist die Projektion der Leserin. Und Doras Hang zur Verallgemeinerung.

Sie merken aber: Hier gibt es Dinge, an denen man knabbert. Es ist gelegentlich hart, Doras wohlwollende Haltung gegenüber der Vorurteile karikaturesk bedienenden Einwohnerschaft von Bracken auszuhalten. Es ist eine Erholung, wenn Dora dem „Dorf-Nazi“ wenigstens zwischendurch deutliche Worte sagt. „,Es gibt gar kein Wort dafür‘, sagt Dora, ,wie scheiße du bist.‘“ Dass in relativ kurzer Zeit dennoch eine Zutraulichkeit entsteht, ist der Anfang vom Rührstückanteil. Dass Dora ihr Verständnis für die sie umgebenden AfD-Wähler, Rassisten, Schläger, Klimawandelignoranten und Coronaleugner in erster Linie aus dem katastrophalen ÖPNV im Brandenburgischen entwickelt, wirkt unheimlich kurzgegriffen.

Andererseits gehört das Abgehängtsein auf dem Lande schon länger zu Juli Zehs Themen – in „Unterleuten“ ausführlich dargelegt –, und das Ausmaß, in dem sie sich in Berlin nicht darum kümmern, ist zweifellos krass.

Das Buch:

Juli Zeh: Über Menschen. Roman. Luchterhand, München 2021. 416 Seiten, 22 Euro.

Krass sind auch die Ausmaße der Fleischlappen, die Doras neuer Nachbar zubereitet, also mannhaft auf den riesigen Grill wirft. Angesichts seiner intellektuellen Unterlegenheit plädiert Dora nicht direkt auf Schuldunfähigkeit, aber es ist auch keine Situation, in der Argumente etwas bringen („Es gibt gar kein Wort dafür, wie scheiße du bist“).

„Über Menschen“ ist vor allem ein geistesgegenwärtiges Buch, was mit Dora und Juli Zeh gleichermaßen zu tun hat. Dora arbeitet in der Werbebranche als Texterin, sie ist schon von Berufs wegen eine Frau, die schnell denkt und noch schneller formuliert. Wir erleben selbst mit, wie sie eine so witzige Werbekampagne für eine neue Öko-Jeans namens „Gutmensch“ entwickelt, dass sich inzwischen die Agenturen um Juli Zeh scharen müssten. Auch ist das Ironische und zugleich Entspannte der Kampagne genau das, was der Gesellschaft, wie sie sich Dora gegenwärtig darstellt, abgeht.

Das Ironische und das Entspannte: Daraus ergibt sich die rasante Unterhaltsamkeit, die vor allem in der ersten Phase des Romans trefflich ist. Als hellwache Beobachtung des fabelhaft selbstbezogenen akademischen Großstadtmilieus und seiner satirischen Seiten ist „Über Menschen“ am überzeugendsten. Natürlich erklärt das auch, warum Dora sich unter den Brackenern wider Erwarten recht wohl fühlt.

Denn Dora zieht im Coronafrühjahr 2020 in die Prignitz – Unterleuten ist nicht weit –, weil ihre Beziehung zu Robert vor dem Ende ist. „Wegsacken in Bracken“, denkt sie. Ihr Kopf ist auf Claims eingestellt. Der Landkreis übrigens hat gewiss nicht Dora engagiert und wirbt mit dem Slogan „Potenzialregion Prignitz“. Während Dora amateurhaft auf ihrem verwilderten Grundstück ein viel zu großes Gemüsebeet anzulegen versucht, denkt sie zurück an die vergangenen Monate, und man kann sie verstehen.

Robert, Onlinejournalist, ist ein aufgeklärter, politisch eher linker, grüner Berliner, Dora und er haben gut zusammengepasst, hatten sich viel zu sagen und so. Man blieb eh unter sich. „Irgendwann haben sich die Freundeskreise sortiert. Man traf noch bestimmte Leute, andere nicht. Kontakte auf Facebook, Twitter, Instagram wurden aufgelöst und durch andere ersetzt. Nach den Vereinzelungsschleusen ,Berufseinstieg‘ und ,Kinderkriegen‘ trat nun die Politik hinzu, um das Sozialleben noch sortenreiner zu machen.“ Schwieriger wird es mit dem Erstarken der Fridays-for-Future-Bewegung. Auch Dora ist für Umweltschutz, aber Robert hat sein Thema gefunden. „Er wollte, dass sie einen Treueschwur auf die Apokalypse leistete.“ Dann kommt Corona. „Die Panik stieg, als wären Krankheit und Tod neu erfunden worden“, und Robert ist wieder mittendrin. „Vielleicht werden nicht mehr ganz junge Männer besonders heftig vom Virusbekämpfungseifer erfasst. Eine Entscheidungsschlacht gegen den Kontrollverlust. Eine Kriegserklärung an die impertinente Art der Zukunft, einen ständig älter zu machen und ansonsten zu veranstalten, was sie will.“

Dora entzieht sich Roberts Robespierre’schem Tugendterror und kommt nicht vom Regen in die Traufe, sondern zu Menschen, die außer ihrem Rassismus (der Dora ja nicht betrifft, auch wenn sie ihn selbstredend ablehnt) keine Prinzipien haben. Das ist nach Robert genau das Richtige für Dora. Ein gut aussehender, homosexueller Bauer und AfD-Wähler nimmt sie nachher an der Bushaltestelle mit, man kommt ins Gespräch. „Auch wenn Dora es absurd findet, ein Virus als Volksverarschung zu bezeichnen, ist es erholsam, mit jemandem zu sprechen, dem es nicht ums Prinzip geht, sondern ums Geschäft.“

Wie Dora ist jede Leserin, jeder Leser von „Über Menschen“ mit dem eigenen Milieu, Horizont und Vorurteilsreservoir ständig verwickelt ins Hier und Heute des Romans und der Welt. Der Witz des Buchs widerspricht dem nicht, aber doch sein Hang, trotz der ostentativen Prinzipienlosigkeit den Blick zu verengen und zwar mit den wohlfeilen Mitteln einer TV-Tragikomödien-Dramaturgie. Die imposante Gegenwärtigkeit des Romans hingegen wird sich vermutlich erst in ein paar Jahren klassisch entfalten.

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