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Pferde, die miteinander spielen. Jedenfalls laut Angabe des Fotografen.

Zwei Bücher und ein Film

Erzähl mir was vom Pferd

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Juli Zeh und Jenny Friedrich-Freksa berichten aus dem Stall, der Dokumentarfilm „Stiller Kamerad“ berichtet vom Krieg.

Eines der Dinge, die einem das Pferd selbst erzählt, ist, dass Macht daran zu erkennen ist, dass einer die anderen bewegt. So wird eine Herde grasender Tiere nicht nur durch die Verteilung der Gänseblümchen auf der Wiese organisiert, sondern vor allem durch ihre Hierarchie. Weidet ein Ranghöherer heran, muss der andere weichen – sofern er nicht ausdrücklich zum Sozialkontakt eingeladen wird. Und wehe dem, der sich zu widersetzen wagt.

So gesehen hat der Mensch meist einen schweren Start. Denn wer nicht in der glücklichen Lage ist, die Weide am Haus zu haben, ist gezwungen, sich zum Pferd hinzubewegen, und das oft über Kilometer. Zudem ist Pferdehaltung und -pflege, selbst wenn man den Ball flach hält, so aufwendig, dass die Sache jede Haustier-, Freizeit- oder Sportkategorie sprengt – kurz: Diesseits des Professionellen zahlt der Mensch beim Pferd eigentlich immer drauf. Der Statusgewinn und die Erfahrung, ein so starkes Wesen dirigieren zu können, scheint es fast vier Millionen Reitern und Reiterinnen in Deutschland gleichwohl wert zu sein.

Juli Zeh: Gebrauchsanweisung für Pferde. Piper Verlag, München 2019. 224 Seiten, 15 Euro.

Tatsächlich stehen Pferde gesellschaftlich so hoch im Kurs wie nie. Zur Fortbewegung, in der Landwirtschaft oder beim Militär werden sie zwar nicht mehr gebraucht. Aber kulturell ist ihr Nimbus in den letzten Jahren enorm gestiegen. Sie werden inzwischen zum Coaching oder zu therapeutischen Zwecken genutzt, und auch im Alltagskontakt spricht man zunehmend vom Reiten als Selbsterfahrung, weil das, siehe oben, auf Körpersignale hochsensibel reagierende Pferd die Seele des Menschen spiegle. Handelte es sich nicht um Fluchttiere, die ihre Umgebung sowieso alle paar Sekunden neu bewerten, müsste man bei so viel Verantwortungszuwachs fast um deren eigene Psyche fürchten.

So aber profitieren sie von der gestiegenen Aufmerksamkeit immerhin in der Form eines ebenfalls gestiegenen Bewusstseins für ihre artgemäßere Haltung und Führung. Denn wer möchte schon, dass aus der Tiefe seines pferdischen Seelenspiegels dessen eigener Schmerz zurückblickt! (Und eine andere Möglichkeit, Schmerz auszudrücken, als über die Augen und die Körperspannung haben Pferde ja nicht.) Außerdem sammeln sie kulturelles Kapital. Oder werden dazu, je nach dem, wie man es sieht: Dieser Tage sind gleich zwei Bücher mit schöngeistigem Anspruch erschienen, deren Autorinnen beide auf sehr persönliche Weise das Faszinosum Pferd erkunden und ihre beträchtlichen praktischen Erfahrungen teilen. Zum einen eine „Gebrauchsanweisung für Pferde“ der Schriftstellerin Juli Zeh, zum anderen ein schlicht „Pferde“ genanntes Buch der Journalistin Jenny Friedrich-Freksa.

Was Zehs Angang betrifft, so muss man Fans ihrer Romane, denen Pferde egal sind, warnen. Es geht tatsächlich um Ställe, Hufe und das Reiten, und obwohl der Bericht autobiografisch ist, schlägt sie daraus keine Literatur, sondern schreibt, wie jeder von seiner Sache begeisterte Laie und auch Friedrich-Freksa es tut, im Stil eines Erlebnisberichts, der ab und zu durch allgemeinere Betrachtungen erweitert wird.

So führt Zeh die Faszination, die Pferde auf Menschen ausüben, darauf zurück, dass diese ein Beziehungsangebot machen, das die symbolische Schließung des Risses verheißt, der einst zwischen uns und der Natur entstand (Sündenfall). Und weil Frauen generell mehr an Austausch interessiert seien als Männer, stellten sie 70 Prozent der reitenden Bevölkerung. Auch Friedrich-Freksa bearbeitet die 70-Prozent-Frage und verwirft dabei die einst von Freud aufgebrachte erotische Deutung zugunsten der Vermutung, dass es sich mehr um die Eroberung eines einst männlichen Statussymbols handle.

Im Wesentlichen schildern beide Bücher aber die Entwicklung vom Pferdemädchen zur Pferdefrau, die schlimmsten Reitställe, peinlichsten Pferdepflegeprodukte, schönsten Ausritte, gefährlichsten Reitunfälle und – besonders bei Zeh – schließlich die Hinwendung zu einer Art von Horsemanship. In der Tat darf man sich die enorm produktive Literatin, die auch Juristin ist und im Dezember zur Brandenburger Verfassungsrichterin gewählt wurde, eine 45-Jährige, die im Havelland zwei Kinder aufzieht und drei eigene Pferde versorgt (hinterm Haus!) auch noch als Verhaltenstherapeutin für Pferde vorstellen. Eine entsprechende Ausbildung habe sie, schreibt sie, in der Hippologischen Akademie absolviert. Bewundernswert! Aber auf die Zeitgeist-Schelte, die sie irgendwann mit der linken Hand verteilt, dass heute ja jeder in allem besonders gut sein wolle, hätte sie unter diesen Umständen vielleicht doch lieber verzichten sollen.

In der auf artgemäßer Dominanz beruhenden Arbeit mit Pferden, die mit Vertrauen statt Gewalt führt, scheint Juli Zeh sehr weit gekommen zu sein, und auch Friedrich-Freksa sucht nach alternativen Führungsmethoden. Interessanterweise sparen beide aber die im Horsemanship-Diskurs heute zentrale Frage nach dem gebisslosen Reiten – also ohne Trense, nur an einem Halfter – aus. Dabei ist inzwischen hinreichend belegt, dass selbst feinstes Reiten eine Spannung im Pferdemaul verursacht, die das Tier grundsätzlich in Stress versetzt. Vom alltagsüblichen Gezerre am Zügel durch Anfänger und Gelegenheitsreiter mal ganz zu schweigen.

Als biografisches Bekenntnis einer öffentlichen Person ist Juli Zehs Buch insgesamt natürlich das interessantere, und an manchen Stellen gelingt es ihr, Dinge in Worte zu fassen, für die es einer Schriftstellerin bedarf, etwa wenn es um die inneren Bilder geht, mit deren Hilfe man seine Absichten gegenüber dem Pferd in Körpersprache übersetzen kann. Friedrich-Freksa ist derweil die Formulierung zu verdanken, „weil ich ihm meinen Schrecken eingejagt habe“, was die größte Herausforderung beim Reiten, nämlich seine Gefühle zu kontrollieren, einprägsam zusammenfasst.

Jenny Friedrich-Freksa: Pferde. Hanser Berlin 2019. 192 Seiten, 18 Euro.

Gefühle sind auch das große Thema eines Dokumentarfilmes, der im Februar in die Kinos gekommen ist und Pferdekontakt anders als die beiden Bücher nicht als schönen Luxus, sondern als lebensnotwendig schildert. Wortwörtlich heißt es einmal: „Ohne Claudia und die Arbeit mit den Pferden würde ich heute nicht mehr leben.“ Claudia Swierczek ist Heilpraktikerin und systemische Therapeutin und bietet im Brandenburgischen Traumatherapie mit Pferden an.

Der junge Filmemacher Leonhard Hollmann hat ihre Sitzungen mit Bundeswehrangehörigen dokumentiert, zwei Männern und einer Frau, die nach Einsätzen in Afghanistan Hilfe brauchten und sie nirgendwo anders fanden als auf der Koppel, beim Versuch, einem Pferd bestimmte Botschaften zu übermitteln – die sie dabei endlich auch selbst begreifen konnten. Zum Beispiel, dass es Grenzen zu wahren gibt. Die des Pferdes, wenn man sich ihm mit einem ihm verdächtigen Gegenstand in der Hand nähert. Und die eigenen, wenn man auch einmal ablehnen muss, über Afghanistan zu sprechen, weil man danach nächtelang wieder nicht schlafen kann.

Ein ästhetisch ehrlicher, inhaltlich jedoch etwas unscharfer Film, der nur auf die Mittel der Reportage setzt, aber für eine solche sein Thema zu offenlässt. Geht es darum, diese eine Praxis zu featuren? Um die Einzelfälle? Oder um die empathischen Fähigkeiten der Pferde?

Eine ungemein berührende Szene ist gleichwohl die, in der Claudia Swierczek ein Tier einschläfern lassen muss, weil es mit der Herde altersbedingt nicht mehr Schritt halten kann und darunter leidet. Man sieht, wie sie sich verabschiedet, wie der Tierarzt die Spritze setzt, wie ein anderes Tier aus der Herde zum Geleit kommt, und wie die Stute stirbt. Die Magie dieser Bilder liegt darin, dass man plötzlich begreift, was Heilung mit oder ohne Pferde ist: Wenn ganz einfach sein darf, was ist.

Schauen

Stiller Kamerad. Dokumentarfilm. D 2019. Regie: Leonhard Hollmann. 81 Minuten.

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