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In der Metro sieht Léon die totgeglaubte Louise wieder.

Erinnerungen an den Großvater

Jules ohne Jim

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Das so bewegte 20. Jahrhundert lässt der Schweizer Autor Alex Capus in seinem Roman "Léon und Louise" Revue passieren: Er erzählt von den Wechselfällen der Liebe in den Zeiten der Kriege.

Mein Studium ferner Welten“ heißt ein Band mit Geschichten des Schweizer Autors Alex Capus. Und damit könnte das gesamte bisher erschienene Werk des bald 50-Jährigen überschrieben sein. Denn er hat sich schriftstellerisch viel auf der Welt und in der Zeit herumgetrieben. Er hat die Geschichte eines nach Tanganjika verschlagenen deutschen Schiffsbaumeisters aus dem Ersten Weltkrieg erzählt, hat sich in die Südsee auf die Spuren von Robert Louis Stevenson und dessen Schatzinsel begeben, und er zeichnete das Leben des Afrikaforschers Werner Munzinger nach.

Andererseits ist Capus ein Heimatforscher, der vor allem an Biografien seiner Landsleute interessiert ist, wie zuletzt auch sein 2009 erschienener Band „Der König von Olten“ zeigte. In Olten lebt Capus. Und nun hat er sich offenbar der eigenen Herkunft gewidmet.

In seinem neuen Roman erzählt er, das suggeriert etwa die Ich-Form, von seinem Großvater. Der war tatsächlich, wie Léon Le Gall, der Protagonist von „Léon und Louise“, Chemiker bei der Pariser Polizei – weshalb Alex Capus als Kind fünf Jahre in Frankreichs Hauptstadt lebte.

Ob aber nun Realität oder Fiktion: Im Leben des Léon Le Gall spiegelt sich ein großer Teil des so bewegten 20. Jahrhunderts; zwei Kriege hat er durchlitten, und in dreien der fünf Republiken der Grande Nation das Bürgerrecht ausgeübt.

Doch was seinen Enkel interessiert, sind die Jahre, die der nicht aus eigenem Erleben kennt: die des Großvaters als junger Mann. Der halbwüchsige Léon, ein Schulverweigerer, der das Verfolgen seines Traums von Freiheit und Abenteuer dem Dasein im Elternhaus vorzieht, tritt eine Stelle als Morseassistent in einer Kleinstadt an der Marne an. Und gleich auf seinem ersten Weg weg vom Elternhaus lernt der 17-Jährige die Liebe seines Lebens kennen. Das schildert Capus gewissermaßen Meter für Meter, Dorf für Dorf, mit Freude am Ausschmücken und Liebe zum Detail: „Ein nachtblauer Lastwagen fuhr vorbei, an dessen Seitenwänden in goldener Schrift „L’Espoir“ stand, etwas später trottete ein schwarzweißer Hund querfeldein.“ Léon gibt die Hoffnung natürlich nicht auf, das Mädchen wiederzusehen, und die Zeiten sind noch so, dass Gelegenheit Liebe macht.

Aufbrechen der Erzählhaltung

Capus erzählt das in schlichten Worten, mit leiser Eleganz, er vermag diese junge Liebe in Zeiten des Krieges so lebendig werden zu lassen, als läge das Geturtel und Genecke nicht drei Menschenalter zurück. So trifft der – natürlich nicht ganz unerwartete Schock – den Leser dann doch, als die Liebenden nach einem Schäferstündchen im Heuschober in einen Fliegerangriff geraten und sich verlieren. Was der Autor erneut zum Aufbrechen der Erzählhaltung nutzt, um mitzuteilen, dass „alles, was bisher geschah, reine Legende“ sei, nun aber die „Überlieferung meines Großvaters“ einsetze. Um sich gleich wieder selbst Lügen zu strafen, denn erst einmal geht es mit fast der gleichen Detailgenauigkeit wie zuvor weiter: Léon, inzwischen 28, verheiratet und Vater, sieht zehn Jahre später die totgeglaubte Louise in der Pariser Metro und verbringt fortan viel Zeit damit, sie wiederzufinden. Was seine verständnisvolle Gattin ihm nicht verwehren will: Es ist ein wenig wie bei „Jules und Jim“, François Truffauts elegischem Film einer Ménage à trois, nur hier gleichsam Jules ohne Jim, mit der gleichen herzergreifenden Intensität bisweilen, aber ohne diese von Tragik überwölbte Romantik: Capus schreibt eben nicht von der Bohème, sondern von Begehren und Beschränkung der Angestellten.

Aus dem brutal zerschnittenen Liebesgespinst wird eine amour fou auf Distanz, Léon und Louise sehen sich in den folgenden zwölf Jahren ein einziges Mal wieder – und dann herrscht erneut Krieg, der das Paar erneut trennt.

Nach Kriegsende aber bewegt sich die Geschichte in großen Zeitsprüngen auf ihr Ende zu – ein seltsames Ungleichgewicht, das man Capus allerdings verzeiht, weil ihm dann, mit dem letzten Absatz, eines der vielleicht schönsten Roman-Enden der neueren Literaturgeschichte gelingt.

Romanfabrik, Frankfurt, Lesung mit Alex Capus am 29. März, 20.30 Uhr. www.romanfabrik.de

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