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Udo Jürgens mit 75 Jahren.

Andreas Maier

Udo Jürgens und das Ich

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Der Autor Andreas Maiers rätselt in „Mein Jahr ohne Udo Jürgens“ über die Herausforderung, sich zu dem verstorbenen Sänger zu bekennen. Für das Ich habe Jürgens so etwas wie ein Schmuddel-Image.

Udo Jürgens härtete nicht ab. Aber was heißt das? Dass er dünnhäutig machte? Das heißt es auch nicht. Bei Andreas Maier war es einfach so, dass er, „im heldischen Alter (fünfzehn, sechzehn)“, zu einer Zeit, als er „mit Udo Jürgens nichts am Hut hatte“, keine Probleme mit Erkältungen hatte“, auch weil er sich „einer wirklichen Abhärtung“ unterzog.

Was das heißt, davon später. Andreas Maier, der heute in Hamburg lebt, wo er, weil er in der Wetterau aufwuchs, an einer vielbändigen Wetterau-Saga weiterschreibt, die mittlerweile bis Band vier vorangeschritten ist, hat diese Saga für eine Legende über Udo Jürgens unterbrochen, dessen einzelne Legendenteile bereits als Suhrkamp-Logbuch im Laufe des Jahres 2015 erschienen, zweimal im Monat, in Verlängerung der Maier’schen Besprechung eines Konzerts des achtzigjährigen Udo Jürgens in Frankfurt, gerade einmal sechs Wochen vor dessen Tod am 21.12.2014, der für den Erzähler Maier so plötzlich war wie für die Jürgensfangemeinde, aber dann doch überhaupt nicht überraschend für Maier, denn als in seiner Hosentasche das/sein Handy brummte mit der SMS „Er ist tot“, musste man Maier nicht erst sagen, wer tot ist: Udo Jürgens.

Das ist die Ausgangssituation für den Autor Maier. Für den es, wie sich schließlich herausstellt, an Udo Jürgens immer etwas „eigentümlich Axiomatisches gab“, das heißt: „Man konnte immer zur Bibel greifen, man konnte aber auch immer zu Udo Jürgens greifen.“ Zur Omnipräsenz von Jürgens zählte, dass ein Bekenntnis zu diesem Sänger zumal im „Umfeld“ des Autors (musikalisch sozialisiert mit Pink Floyd, Jethro Tull, Motörhead, ZZ Top) die schiere „Entgeisterung“ auslöste.

Das Autor-Ich sagt es auch noch anders. Obwohl der „halbe deutschsprachige Raum an einem Udo-Jürgens-Tinnitus litt“, ist Jürgens dem Ich – einerseits – durchaus peinlich. Er hat für das Ich so etwas wie ein Schmuddel-Image. So etwas wie einen Porno-Nimbus. Aber noch entscheidender als das Peinliche ist das Profunde, das bereits angesprochene Axiomatische bei Jürgens.

Die Udo-Jürgens-Formel

In immer wieder neuen Anläufen nähert sich das Ich seinem Objekt, auf der Suche nach der Udo-Jürgens-Formel, die eine gute Bekannte in einer „radikalen Emotionalität“ ausmacht. So sehr das Ich über das künstlerische Rätsel Jürgens knobelt, besonders intensiv über das erotische Vagabunden-Motiv in „Merci Cherie“, das es erkundet zwischen einem doppelten Wanderermotiv, einerseits dem romantischen bei Schubert, andererseits dem politischen bei Hannes Wader, verbleibt Jürgens dem Ich eine sprachliche Herausforderung.

Reden wir fortan von Maier. Denn signifikant wird die Maier’sche Beschäftigung mit der Sprache, bzw. mit dem Strukturalismus. Ist doch, wie bekannt, die Sprache das „primäre Paradigma“ strukturalistischer Betätigung. Ohne eine grundsätzliche Denkweise der Sprache ist bekanntlich nicht nur der Mensch nichts, sondern die Welt nichts. Das Besondere nun an Udo Jürgens ist dessen Nichts, die „Nichtfestschreibung eines spezifischen Menschseins“, wie der Autor in einem furiosen Text-Dada dekonstruiert.

Jürgens mache keinen Gegensatz auf, wie einen solchen zwischen Storm- oder Raabe-Lesern, zwischen Brahms- oder Wagner-Hörern, zwischen Offenbach oder Frankfurt-am-Main-Gebiet. Als Mainstream sei Jürgens so gut wie „amorph“.

Man mag das Büchlein als Petitesse abtun, wäre es nicht so abgrundtief böse, so strukturböse. Ist es doch eine abgefeimte Persiflage, am deutlichsten in dem Kapitel über das Lied „Merci Cherie“, das, so ungemein französisch daherkommend, den Autor zu einer sagenhaften Bearbeitung des Strukturalismus animiert, den Suhrkampautor zu einer 1-A-Mimikry strukturalistischer Abirrung. Apropos Suhrkampkultur: „In Frankfurt gab es immer zwei Kulturen, die Apfelweinkultur und die Suhrkampkultur.“

Die böse Autoren-Ironie ist die eine Seite, hinter der sich aber eine tatsächlich einjährige „Udo-Jürgens-Stochastik“ verbirgt. Stochastik muss man als eine Kunst des Vermutens verstehen, was im Zusammenhang mit den Abschweifungen nicht nur in diesem Buch Maiers steht, mit der ein ästhetisches Prinzip steinhart verfolgt wird, ein literarisches Sprechen à la (lallendem) Apfelweinwirtschaftssprechen.

Das Wort „Wortlaute“, nur einmal, aber an zentraler Stelle aufgeboten, zeigt, wie sehr alles Sprechende (Kommunizieren) unfreiwillig spaßig geworden ist: „Das Lied von Udo Jürgens versetzt uns in die Sphäre des selbstverantwortlichen, vertragsfähigen Humanen, das doktrinäre Moral transzendiert, direkt beim Menschen selbst anlangt und ihn in seiner Eigenständigkeit würdigt.“ So ergründet das Buch das Lied „Es wird Nacht Senorita“.

Ist Sprache noch ein Verständigungsmittel oder nur noch ein Klischeeaustauschmittel? Auf jeden Fall erlebt der Leser einen umfassenden Vorstoß in die Übertreibung. Sie, die Übertreibung (Hyperbel) triumphiert, aber sie changiert auch. Meint sie es mit dem Bösen (der Verdammung Jürgens’) am Ende ernst? Oder mit der Bewunderung (ernst)? Sollte es also so sein, dass die böse Beschäftigung eine bitterernste ist? Schon weil von Jürgens der Gedanke des Kaltduschens stammt, den der Autor mit biberartigem Ernst befolgt.

Der krasse sprachliche Aufwand steht in einem komischen Gegensatz zu der immer wieder aufgenommenen Formulierung „einfach so“. Damit wird die Jürgens-Wirkung als so etwas wie ein reines Sein beschrieben. Die Udo-Jürgens-Existenz ebenso wie das Udo-Jürgens-Geheimnis, zusammen die Udo-Jürgens-Legende. Sie ist einfach so: „Sie steht einfach da.“ Oder: „Er starb einfach vorher.“ Nämlich im Alter von 80, ohne bereits gealtert zu sein, ohne dass er sich mit dem „ganzen Komplex Altern“ hätte befassen müssen. So jedenfalls ist Maier überzeugt, der über das „eigentümlich Axiomatische an Udo Jürgens“ hinaus ebenfalls überzeugt ist: „Udo Jürgens war für uns, ob wir es wahrhaben wollten oder nicht, auch immer eine Erzählung über Leben, Vergänglichkeit und Ewigkeit.“

Insgesamt stellt sich die Udo-Jürgens-Erzählung nicht nur als ein Medium der Welterkenntnis, sondern der Künstler Jürgens stellt sich für Maier als eine Muse dar. Dabei ist dieses Maier’sche Werk bestimmt kein Nebenwerk, das lässt das Bekenntnis aus dem Leben eines Schriftstellers schon von seinem ganzen Wesen her nicht zu. Selbst das unmittelbarste Umfeld (Familie, Verlag) wird nicht unwesentlich in das Werk einbezogen. So wird auch der marxistische Bruder durch die Ironie-Brille gesehen, die eigene Frau, eine Theologin, ja selbst für die Suhrkampkultur wird die Ironie-Maske aufgesetzt.

Woran ist der Leser? Das ist nicht nur so dahingefragt.

Andreas Maier: Mein Jahr ohne Udo Jürgens. Suhrkamp Verlag. 218 S., 17,90 Euro.

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