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Jürgen Nagel: „Blick zurück“ auf die DDR – Das Leben, so wie es geschah

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Von: Sandra Danicke

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Lehrlinge, Berlin-Lichtenberg 1977. Foto: Jürgen Nagel
Lehrlinge, Berlin-Lichtenberg 1977. Foto: Jürgen Nagel © Jürgen Nagel

Jürgen Nagel und sein „Blick zurück“ auf uninszenierte DDR-Wirklichkeit auf Fotografien der 60er bis 90 Jahre.

Ein Mann wie ein Baum. Mit Sonnenbrille und Schlips ragt er aus der Menge heraus, überragt sie alle, so groß ist er. Das Foto zeigt den „Schauspieler Manfred Krug beim Deutschlandtreffen 1964 in Berlin“. Das Bild spricht Bände. Man sollte vielleicht wissen, dass es sich beim „Deutschlandtreffen der Jugend“ um eine mehrfach durchgeführte, von der FDJ organisierte gesamtdeutsche Veranstaltung handelte.

Das Treffen 1964 fand in Ost-Berlin nach dem Mauerbau statt, und Jürgen Nagel war dabei. Der Fotograf war häufig dabei, wenn in der DDR etwas los war. Aber – und das ist das Schöne – er war auch dabei, wenn nichts los war. Wenn Menschen bloß so herumstanden, Wolken absichtslos am Himmel zogen.

„Marx macht Macht“

Nagel fotografierte das Leben, so wie es geschah. Sein Bildband mit dem lapidaren Titel „Blick zurück - DDR-Wirklichkeit und Fotografie 1967-1997“ (Mitteldeutscher Verlag, 264 Seiten, 28 Euro) zeigt nichts weiter als die Realität, ganz ohne Inszenierung. Allenfalls kommt es vor, dass einmal jemand in die Kamera schaut. In den allermeisten Fällen aber war es der Fotograf Nagel, der schaute.

Was man sieht, ist entsprechend gewöhnlich, genauer: Es war gewöhnlich für jene, die in der DDR lebten. So wie auf diesen Bildern sahen sie aus: die Straßen, die Menschen, die Häuser.

Es sind kleine Momente wie die ineinandergefalteten Hände eines Paares, die Menge der Demonstranten, die am 4. November 1989 für Demokratie auf die Straße gingen, die zahllosen Plakate, die Erich Honecker zeigen und SED-Parolen vervielfältigen: „Der Plan ist unser Kampfprogramm“, „Marx macht Macht“, „Mein Arbeitsplatz ist mein Kampfplatz für den Frieden“. Gelegentlich war Jürgen Nagel auch in der Sowjetunion oder sogar in West-Berlin unterwegs, und es ist kein Wunder, dass ihm dort die Punks in Kreuzberg, ein Bettler namens Victor oder ein auf der Straße seinen Rausch ausschlafender Mann am Bahnhof Zoo auffielen. Szenen, die sich vom sichtbaren Alltag in der DDR gravierend unterschieden.

All dies ist historisch – einerseits. Andererseits zeigt es den Menschen, so wie er heute noch ist: ernst, verspielt, engagiert, als Passant. Als jemanden, der sorgenvoll oder hoffnungsvoll in die Zukunft blickt.

Ludwig-Renn-Straße 46, Mai 1982. Foto: Jürgen Nagel
Ludwig-Renn-Straße 46, Mai 1982. Foto: Jürgen Nagel © Jürgen Nagel

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