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Das Meer bei Grado.

Jürgen Hosemann

Am Morgen ein gut gekleideter Landstreicher

  • vonCornelia Geißler
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Was er sieht und was er nicht sieht: Jürgen Hosemann beschreibt „Das Meer am 31. August“

Es ist eine klassische Schreibübung: Setz dich hin und schildere, was du siehst. Vielleicht hat Jürgen Hosemann mit solch einem Rat schon Autoren die Angst vor dem leeren Blatt genommen. Egal, wohin man schaut, etwas passiert immer. Und dann laufen auch noch die Gedanken durch den Kopf.

Hosemann ist Lektor beim S.-Fischer-Verlag, Mitherausgeber der Werke Wolfgang Hilbigs. Sein Debüt als Buchautor gibt er jetzt bei Berenberg mit dem schmalen, in hellblaues Textil gebundenen Band „Das Meer am 31. August“. Am Strand von Grado in Italien, dicht bei Triest und nahe an der slowenischen Grenze gelegen, hat er noch vor dem Morgengrauen das Hotel verlassen, in dem seine Frau und Tochter schlafen.

Das Leben geschehen lassen

Hosemann schaut und wartet. Er rechnet mit Licht und Wellen und Schiffen, er trifft einen Mann, der im Ganzkörperanzug mit einer Harpune Jagd auf Fische macht, sieht Frühschwimmerinnen ihre Bademäntel ablegen, beobachtet die professionellen Vorbereitungen für den Sonnentag beim Aufspannen der Schirme und Ordnen der Liegen, amüsiert sich über den Polizisten auf einem Fahrzeug, das aussieht „wie eine Kreuzung aus Rollstuhl und Golfwägelchen“. Der Autor lässt das Leben um sich geschehen und die Dinge auf sich zukommen, kaum einmal ist er Teilnehmer dessen, was er sieht. „Allein mit dem Meer zu sein hieß eben vor allem auch, allein zu sein.“ So detailliert er seine Beobachtungen aufschreibt, so sichtbar werden sie der Leserin.

Erstaunlicherweise sieht er wenig Überraschendes, so wie den gut gekleideten Landstreicher am Morgen, so wie die Krabbenhaufen am Abend. Überraschend ist vielmehr seine schwankende Aufmerksamkeit. Dass er wiederholt staunt, etwas erst spät entdeckt zu haben, einen Frachter, ein Kind, ein Ding, das am Strand lag und fortgenommen wurde, ohne dass er es bemerkt hat. Manchmal findet er Bilder von verblüffender Ausdrucksstärke: „Der Wind so sachte, als schiebe er ein Mädchen auf einem Kinderfahrrad.“

Das Buch

Jürgen Hosemann: Das Meer am 31. August. Berenberg, Berlin 2020. 112 Seiten, 18 Euro.

Interessant ist auch, dass das Meer selbst sich am meisten der Beschreibung entzieht. Zwar findet Jürgen Hosemann Worte für die Zustände unter der frühen und der prallen Sonne, aber die eigentliche Faszination des Meeres mit seinen Geräuschen, seinen Gerüchten und der Veränderlichkeit in jeder Sekunde kann er nicht fassen, die Worte sind zu schwach dafür. Vielleicht misstraut er ihnen auch?

Seekarte und süße Limonade

Zur Vorbereitung hat er sich neben einem Gedicht Wolfgang Hilbigs, der am 31. August 1941 geboren wurde, eine Seekarte und einen Sternenplan mitgenommen. Außerdem zwei Flaschen mit süßen Limonaden, an deren künstlichem Geschmack – durch Wärme „vom Unangenehmen ins Abscheuliche verschoben“ – er fast verzweifelt.

Sein Buch ist auch eine Studie über Wahrnehmung und eine Schule des Sehens. Hosemann, der schreibend zwischen Präsens und Präteritum wechselt, empfindet erstmals seit der Kindheit wieder echte Langeweile, liest ermattet Silben in den Wolken.

Der Autor greift sich eine Zeitung, die jemand liegengelassen hat. Das Aufmacherfoto zeigt Flüchtlinge. „Konnte ich aufs Meer hinausschauen und so tun, als sähe ich nicht die, die an seinem anderen Ufer in Boote steigen, die wie für den Untergang gemacht schienen?“, schreibt er. Er ergänzt, was er nicht beobachtet, aber aus den Nachrichten der vorhergehenden Tage erfahren hat. „Etwa zweieinhalb- bis dreitausend Tote allein in der ersten Hälfte dieses Jahres. Du hast dich an einen Friedhof gesetzt.“ Das Mittelmeer hat in unserem Jahrhundert längst seine Unschuld verloren. Was sind das für Zeiten, möchte man mit Brecht fragen, in denen ein Gespräch über das Meer ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.

Mit einem kühnen Satz verabschiedet sich Hosemann aus seinem Gedankenstrom. Bald kommt die Dunkelheit, und es scheint, als würde er nun noch genauer schauen. Oder hat er seine Sinne inzwischen trainiert? Seine Gedankenreise schärft auch den eigenen Blick. „Das Meer am 31. August“ ist ein schönes kleines Buch für den Abschied vom Sommer.

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