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Jürgen Habermas, der „Philosoph der Bundesrepublik“.

Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

Jürgen Habermas, der Weltgeist

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Philosoph, Verfassungspatriot, Europäer: Jürgen Habermas ist ein Visionär der Demokratie. Heute wird er 90 Jahre alt.

Es fällt schwer zu entscheiden, mit welchen Werken Jürgen Habermas den größeren politischen Erfolg hatte. War seine Intervention im Historikerstreit wirklich publikumswirksamer als „Erkenntnis und Interesse“? Sind seine jüngsten Interventionen zur Europapolitik von durchschlagenderer Wirkung als „Die Theorie des Kommunikativen Handelns“? Wenn im September die beiden Bände „Auch eine Geschichte der Philosophie: Band1. Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen“ erscheinen werden, dann hat Habermas die Feiern zu seinem neunzigsten Geburtstag bereits hinter sich. Wir werden staunend vor den 1700 Seiten stehen und wissen: Er wird einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde bekommen. Noch nie hat ein lebender neunzigjähriger Autor ein Werk dieses Umfangs abgeliefert. Sein ein halbes Jahr jüngerer Jahrgangsgenosse Hans Magnus Enzensberger hat dieses Jahr bereits drei Bücher herausgebracht. Wie schmächtig, ja schmalbrüstig sie sich daneben ausnehmen! Martin Walser, im März 1927 geboren, legte seinen letzten Wälzer vor Jahrzehnten vor. Allerdings erscheint von ihm fast jedes Jahr ein neues Buch. Natürlich wissen wir, dass der Umfang eines Buches nichts über seine Qualität aussagt. Aber ich drohe vor Ehrfurcht in die Knie zu gehen angesichts von 1700 Seiten! Dieser Artikel hier hat etwa 8000 Anschläge. Die 1700 Seiten werden es wohl auf um die zehn Millionen bringen.

Ein linker Sozialdemokrat war Habermas

Aber schon vor jeder Lektüre wissen wir, dass es ein epochales Werk sein wird. Jedenfalls in der Evolution des Jürgen Habermas. Von wegen beim 90. Geburtstag „same procedure as every year“! „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ist – wenn ich richtig informiert bin – der Versuch, sich über die Rolle der Religion bei der Herausbildung des europäischen Vernunftbegriffs klarzuwerden. Also die Aufarbeitung einer über lange Zeit von Habermas unbeklagten Lücke. Eine Mammut-Arbeit. Aber grandioser noch: Ein Mammut, das die Blick-, womöglich auch die Laufrichtung ändern will, um in der sich verändernden Umgebung als Elefant überleben zu können. Habermas‘ Fähigkeit, sich auf fremde Gedanken nicht nur einzulassen, sondern sich ihnen zu stellen, ist seine beeindruckendste politische Tugend. Leider wird man den Verdacht nicht los, dass sie die wenigsten Nachahmer gefunden hat. Dabei mag eine Rolle spielen, dass Habermas es stets verstand, sie mit ihrem Gegenteil, mit der Treue, zu verbinden.

Ein linker Sozialdemokrat war Habermas, als er 1965 das Vorwort zur Buchausgabe von „Hochschule in der Demokratie“ schrieb. Die 180-seitige Schrift war das Produkt von SDS-Arbeitsgruppen verschiedener bundesrepublikanischer Universitäten. Das war schon per se ein politisches Statement, denn im November 1961 war der SDS aus der SPD ausgeschlossen worden. Ein wesentliches Element der dort ausgebreiteten Erwägungen war die Forderung nach Demokratie in den Hochschulen. Habermas erarbeitete in den Jahren darauf zusammen mit den Juristen Erhard Denninger und Ulrich K. Preuß verfassungsrechtliche Begründungen dafür, warum eine Hochschule in der Demokratie auch eine demokratische Hochschule sein müsse, in der die verschiedenen in ihr arbeitenden Gruppen in den Selbstverwaltungsorganen wirksam repräsentiert sein müssten. Diese Überlegungen flossen ein in die vom linken Sozialdemokraten Peter von Oertzen, 1972 Kultusminister in Niedersachsen, betriebene Hochschulreform.

Verbindung theoretischer Reflexion mit politisch unmittelbarer Effizienz

Diese Lust an der Verbindung theoretischer Reflexion mit politisch unmittelbarer Effizienz hat Habermas nie verlassen. Sie ist Habermas‘ Qualität und sie ist seine Schranke. Er hatte schon sehr früh gelernt, dass Einsichten nicht dazu taugen, einfach umgesetzt zu werden. Das war schon sehr früh seine Kritik an der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers gewesen. Einsichten in die Verfassung der Realität, so Habermas, waren erst dann ernst zu nehmen, wenn sie sich nicht als Flaschenpost für eine ferne Zukunft verstanden, sondern sich einließen auf die Schwierigkeiten, sie praktisch werden zu lassen.

Das war auch der Grund seiner scharfen Kritik am Spiel mit der Gewalt, wie die frühe Studentenbewegung es praktizierte. Den Staat, wie Teile des SDS es damals formulierten, so zu provozieren, dass er sich zeigte als das, was er der Analyse zufolge war, „der autoritäre Staat“, riskierte, ihm dabei zu helfen, einer zu werden. Das Spiel mit dem Terror sei linker Faschismus, erklärte Habermas 1967. Er nahm diesen Vorwurf später zurück. Wie Recht und wie Unrecht er hatte, zeigte sich schnell. Aus dem Spiel wurde – wie Habermas es vorausgesehen hatte – Ernst. Nicht nur auf Seiten des Staates. Auch aus den Pudding-attentaten wurden politische Morde. Andererseits aber entstand die Alternativbewegung. Und mancher, der noch ein paar Jahre zuvor Pflastersteine als politische Argumente, oder doch jedenfalls als Argumentverstärker, eingesetzt hatte, landete bei den damals sich „gewaltfrei“ nennenden Grünen.

Habermas und der Historikerstreit

Habermas beobachtete das alles mal mehr, mal weniger genau, aber stets interessiert. In den Siebzigerjahren vom etwas abgelegenen Starnberger „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ aus.

Im Historikerstreit von 1986 holte Habermas zu einem seiner wuchtigsten Schläge aus. Seit dem ersten Oktober 1982 war Helmut Kohl Bundeskanzler. Im Mai 1985 hatte der Kanzler der „geistig-moralischen Wende“ zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan in Bitburg auf einem Soldatenfriedhof, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS bestattet worden waren, der deutschen Soldaten des II. Weltkrieges gedacht.

Habermas antwortete unter anderem auf einen Artikel des Historikers Ernst Nolte, der die rhetorische Frage gestellt hatte: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten?“ Nolte zeigte mit dem Finger auf „den Bolschewismus“ und erklärte wie auf dem Schulhof: „Der hat angefangen!“ Niemand der damals von Habermas angegriffenen Historiker vertrat in der Öffentlichkeit die These, der Nationalsozialismus sei im Vergleich zur grandiosen deutschen Geschichte ein Fliegenschiss, aber an einer Herabminderung seiner Relevanz nicht nur für die Geschichte, sondern auch für Gegenwart und Zukunft waren sie alle interessiert. Dagegen positionierte Habermas nicht nur sich, sondern tatsächlich auch einen Großteil der öffentlichen Meinung.

Jürgen Habermas, der „Philosoph der Bundesrepublik“

Seitdem heißt es immer wieder, Jürgen Habermas sei der „Philosoph der Bundesrepublik“. Das ist richtig. Er hat die bundesrepublikanische Intelligenz auf dem langen Weg nach Westen nicht nur begleitet. Er hat ihr den Weg gezeigt, war ihr immer wieder ein paar – transatlantische – Schritte voraus. Von 1980 bis 2013 erschienen bei Suhrkamp zwölf Bände „Kleine Politische Schriften“. Sie dokumentieren ein Stück bundesrepublikanischer Reflexionsgeschichte wie sie kein anderer Autor vorgelegt hat. Jürgen Habermas hat ein Auge auf seine Schäfchen, die Bundesrepublikaner. Ein Schäferhund, der seine Herde umkreist, um sie vor den immer wieder angreifenden Wölfen des Nationalismus zu schützen, der aber auch darauf achtet, dass keiner seiner Schutzbefohlenen sich wieder nach Sonderwegen umsieht. Jürgen Habermas war der gute Hirte der Bundesrepublikaner, einer Herde, die – ganz wie der Rest der Menschheit auch – immer auch ein wenig überfordert ist, wenn man sie als mündige Bürger anspricht.

Anschlussfähigkeit ist einer der zentralen Begriffe dieses guten Hirten. Seiner Philosophie und seines kommunikativen Handelns. Wer daraus den Schluss zieht, er schlösse sich gerne an, hat den Begriff nicht verstanden. Es geht Habermas darum, sein Denken, seine Überlegungen und Vorschläge, ja sich selbst – und immer auch uns, seine Mitbürger – anschlussfähig zu halten. „Fähig“. Zur Fähigkeit gehört auch, dass man selbst entscheidet, wo man sich anschließt und wo nicht. Von der „Großen Verweigerung“ hat Habermas nie etwas gehalten. Ebenso wenig vom „Anschluss“. Aber zu ihm nicht fähig zu sein, heißt, die Realität aus den Augen verloren zu haben.

Sich nach ihr zu richten, aber wäre der Selbstmord des Homo Sapiens Habermasensis.

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