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Jürgen Habermas im Jahr 2010 im Hörsaal 2 auf dem Frankfurter Campus Westend.

Würdigung

Jürgen Habermas: Ein deutscher Voltaire

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Heute wird Jürgen Habermas 90 Jahre alt. Eine Würdigung des philosophischen Soziologen, soziologischen Philosophen und intellektuellen Gesprächspartners von Otfried Höffe.

Lange war die oberbergische Kreisstadt Gummersbach nur durch ihren Handballverein berühmt. Seit etlichen Jahren kennt man sie jedoch auch als den Ort, in dem ein intellektueller Wortführer unserer Zeit, der Soziologie, politische Essayist und vor allem Sozialphilosoph Jürgen Habermas, aufgewachsen ist und sein Abitur abgelegt hat.

Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Psychologie in Göttingen, Zürich und Bonn wird er 1954 in Bonn mit einer Arbeit über den „Idealisten“ Friedrich Wilhelm Joseph Schelling promoviert. In seinen ersten Frankfurter Jahren, als Assistent Theodor W. Adornos, verfasst er, der in Bonn wie Karl-Otto Apel beim Kulturanthropologen Erich Rothacker studierte, für das schon nach sieben Monaten als „51.-75. Tausend“ angezeigte Fischer-Lexikon Philosophie den Artikel „Anthropologie“ (1958).

Während im westlichen Marxismus seit Georg Lukács’ „Geschichte und Klassenbewusstsein“ (1922) jeder anthropologische Standpunkt verpönt ist, da er den Menschen „zu fixer Gegenständlichkeit erstarren lasse“ und „damit die Dialektik und die Geschichte beiseiteschiebe“, schließt sich Habermas diesem Verdikt nur begrenzt an. Er nimmt nämlich, was mich damals, noch Schüler, stark beeindruckte, eine kritische Sichtung und Beurteilung der neueren Debatten vor.

Zu Recht erklärt Habermas, werde ich später denken, die Soziologie dürfe sich ihre Maßstäbe nicht durch eine als Grundlagenwissenschaft verstandene Anthropologie vorgeben lassen. Allerdings räume ich dem älteren Logos- und Politikbegriff des Menschen gegenüber der von Habermas betonten „Welt bürgerlicher Arbeit“ ein größeres Gewicht ein. Zudem sehe ich in der Arbeit, sofern sie „mit Leib und Seele“ erfolgt, auch das Potential, kommunikative und weitere Fähigkeiten zu entfalten und dabei sowohl Selbst– als auch Fremdachtung zu erfahren.

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Nach bloß drei Jahren setzt sich Habermas von Adorno und Frankfurt ab und habilitiert sich 1962 beim Marburger Politik- und Rechtswissenschaftler, dem Verfasser einer Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Wolfgang Abendroth, mit der Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Schon in diesen „Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ tritt Habermas’ leitendes Denkmotiv zutage und wendet sich von der Neigung der Kritischen Theorie zu einer „negativistischen Engführung“ ab zugunsten einer Demokratietheorie, die das in der „Kraft des besseren Arguments“ liegende legitimatorische Potential in den Mittelpunkt stellt. Knapp zwei Jahrzehnte später wird Habermas in einem seiner systematischen Hauptwerke, in der zweibändigen „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981), das wahrhafte Merkmal des Menschen in der sprachlich vermittelten Verständigung sehen.

Lange vorher, in der Frankfurter Antrittsvorlesung „Erkenntnis und Interesse“ (1963), blickt er auf Schelling zurück, bezweifelt jedoch, dessen von Interessen unabhängige „theoretische Einstellung“ vermöge „wahrhaftig im Handeln zu orientieren“. Insbesondere brauche es, so die rasch prominent gewordene These, eine „kritische Wissenschaft“, die den „Fallstricken“ der empirisch-analytischen und historisch-hermeneutischen Positionen entgehe und stattdessen eine Erkenntnis suche, die, auf Emanzipation verpflichtet, die zeitgenössische Gesellschaft sowohl in ihren „Mechanismen“ verstehe als auch zum Besseren verändere.

In dieser Debatte habe ich im Rahmen meiner Dissertation und zum Missfallen der damals in Deutschland prominenten Aristotelesforschung, der um Joachim Ritter, dem Emanzipationsbegriff eine wichtige Rolle zugebilligt. Gegen die Privilegierung eines einzigen Erkenntnisinteresses habe ich, ohne aber die Bedeutung eines emanzipatorischen Interesses zu schmälern, die Toleranz des in meiner Dissertation erörterten Aristoteles vorgezogen.

Im Jahr 1971 wechselt Habermas für knapp ein Jahrzehnt nach Starnberg, um mit Carl Friedrich von Weizsäcker und mit einem dritten - aber nie besetzten - Direktorat das neu geschaffene Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt zu leiten. In diesen Jahren lädt mich Habermas ein, in der von ihm mitherausgegebenen Reihe „Theorie-Diskussion“ des Suhrkamp Verlags eine Aufsatzsammlung zu John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ zu betreuen. Diese Einladung ist nur ein winziges, zudem persönlich erfahrenes Beispiel für Habermas’ schier unbegrenzte Neugier auf philosophische und sozialwissenschaftliche Entwicklungen, die er, sofern er es für sinnvoll erachtet, kräftig fördert.

Zu meiner Habilitationsschrift „Strategien der Humanität“ (1975) wird er mir, dem jungen Privatdozenten ermunternd schreiben, er „finde die im ersten Teil durchgeführte Kritik an utilitaristisch fundierten Entscheidungstheorien eindrucksvoll. Das Modell, das Sie im zweiten Teil entwickeln (Bausteine zu einer kommunikativen Entscheidungstheorie) ist einleuchtend, wenn auch vielleicht ein bißchen zu pragmatisch.“ Später wird er meine Studie „Politische Gerechtigkeit“ wohlwollend kritisch besprechen.

In der Starnberger Zeit fasst Habermas unter dem Titel „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ (1976) Arbeiten zusammen, die die im Titel genannte, weil als revisionsbedürftig eingeschätzte Tradition auseinandernimmt und, um die selbstgesetzten Ziele besser zu erreichen, in neuer Form wieder zusammensetzt. Habermas plädiert für das vom Historischen Materialismus inspirierte Fortschrittskriterium, denn es verbinde „die Entfaltung der Produktivkräfte mit der Reife der Formen der Lernfähigkeit“ sowohl hinsichtlich „der objektivierenden Erkenntnis“ als auch der „moralisch-praktischen Einsicht“.

Im letzten Stichwort nimmt Habermas bei seinem leitenden Denkmotiv eine Erweiterung vor, die mir, einem (Aristotelisch-Kantischen) Moralphilosophen, als willkommene Konversion erschien: Bekanntlich war die Frankfurter Schule in der Tradition von Marx und Hegel gegen eine Moralphilosophie skeptisch gewesen. Habermas überwindet diese Skepsis mit einer Diskursethik, mit deren nachdrücklichem Universalismus er sich in die Großfamilie antiutilitaristischer, kantischer Ethiken einreiht. Deren Pflichten auch gegen andere blendet er allerdings aus. Letztlich sei die gesamte Welt des Moralischen ausschließlich als Ansprüche der Gegenseitigkeit zu begreifen, die der Kommunikationsgemeinschaft vernünftiger Wesen entspringen.

Der entsprechende Diskurs beruht freilich auf Voraussetzungen, die er zwar thematisieren, aber nicht mehr zur Disposition stellen kann. Folglich haben sie, so mein Einwand, den Charakter von „Präjudizien des Diskurses“, für deren Rechtfertigung eine noch grundlegendere Ethik vonnöten sei.

Noch lange nicht „des Lebens satt“

Mit Hilfe seiner Hauptwerke ist Habermas in der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Fachwelt und weit darüber hinaus zu einer der global meistdiskutierten Autoren aufgestiegen. Teils schon mit den hier nur exemplarisch erinnerten Werken, teils mit seinen „kleineren politischen Schriften“ ist er über Begriffe wie etwa „herrschaftsfreier Diskurs“, „nachmetaphysisches Denken“, „neue Unübersichtlichkeit“, auch „Verfassungspatriotismus“, für den er freilich Dolf Sternberger dankt, zu einem hoch einflussreichen Stichwortgeber geworden.

Noch eine weitere persönliche Bemerkung sei erlaubt. In die von mir herausgegebene Reihe kooperativer Kommentare zu philosophischen Klassikern, „Klassiker auslegen“ genannt, werden in der Regel nur Werke verstorbener Denker aufgenommen. Für Habermas drängte sich eine Ausnahme auf, für die ich nach längerer Überlegung die „Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“: „Faktizität und Geltung“ ausgewählt habe. Denn dieses Werk befreit „die kritische Theorie auf eine primär negative Gesellschaftskritik“ und begründet nicht nur auf innovative Weise die Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates. Es liest sich vielmehr auch wie die Summe sowohl von Habermas’ sozialtheoretischer „Theorie des kommunikativen Handelns“ als auch seiner Diskursethik. Nicht zuletzt zeigt Habermas hier auf überzeugende Weise, wogegen bloße Soziologen oder reine Philosophen lange Zeit skeptisch waren: Man kann philosophischer Soziologe und soziologischer Philosoph in einem sein. Es war ein Glücksfall, dass Habermas beim vorbereitenden Symposion zum genannten kooperativen Kommentar als ebenso geduldiger Zuhörer wie als engagierter Interpret seiner Gedanken teilnahm.

Als Gesamtpersönlichkeit ist Habermas wie ein deutscher Voltaire, aber themenreicher und begriffs- und argumentationsstärker. In seinem Heimatland, in Europa (für dessen Einheit er sich unermüdlich einsetzt) und in globalem Maßstab genießt er höchste Anerkennung, sichtbar in zahlreichen Ehrungen. Exemplarisch seien genannt der Hegel-Preis der Stadt Stuttgart (1974), der Siegmund Freud-Preis in Darmstadt (1976), der Frankfurter Adorno-Preis (1980), im selben Jahr die Ehrendoktorwürde der New Yorker New School of Social Research und später die der Hebrew University in Jerusalem, der Heinrich Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf (2012), der Deutsch-französische Medienpreis (2018) und insbesondere der einem Nobelpreis der Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch der Kunst und Musik nahe kommende Kyoto Preis für sein überragendes Lebenswerk (2004).

Mittlerweile hat Habermas das „biblische Alter“ und das Alter Platons, das von 80 Jahren, noch um ein Jahrzehnt überschritten. Trotzdem ist er noch lange nicht, wie es im Alten Testament an entsprechender Stelle heißt, „des Lebens satt“. Seit seiner Jugend von einem enormen calvinistisch anmutenden Arbeitsethos geprägt, ferner von einer Neugier auf alle wichtigeren geistigen Entwicklungen angetrieben, nicht zuletzt von der Fähigkeit, unglaublich umfangreiche Textbestände binnen kurzem in das eigene Denken einzuverleiben, hat er für diesen September ein weiteres nach Umfang und Thema wahres Opus magnum angekündigt: 1700 Seiten mit dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“.

Habermas’ Freunde und Bewunderer sind neugierig, wie ein Denker, der zwar einen Theologen zum Großvater hat, selber aber nach eigenem Bekunden „religiös unmusikalisch“ ist, die spannungsreiche Genealogie des Verhältnisses von Symbiose „Glauben und Wissen“ entwickelt.

Der Autor

Otfried Höffe, Jg. 1943, lehrte Philosophie in Freiburg/Schweiz, Zürich, Sankt Gallen und Tübingen, wo er die Forschungsstelle Politische Philosophie leitet. Er ist Autor zahlreicher Bücher vor allem zur Gerechtigkeit und Freiheit.

Zuletzt veröffentlichte er im C.H. Beck Verlag „Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens“. In Kürze erscheint „Europa als Union seiner Bürger. Eine demokratische Vision“.

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