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Automobil

Jürgen Dahl: Der Garten Erde

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Die hellsichtigen Kolumnen Jürgen Dahls zur automobilen und reisenden Gesellschaft - wieder aufgelegt nach 40 Jahren.

Sieben Tonnen Blei, sechs Millionen Tonnen Kohlenmonoxid, 1,2 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe, 12 000 Tonnen Schwefel – das ist die Jahresleistung deutscher Autos, rund gerechnet ein Drittel der gesamten Luftverschmutzung.“ Diese ernüchternde Bilanz ist knapp 50 Jahre alt. Geschrieben hat die Mahnung 1972 Jürgen Dahl, der mit seinen ökologischen Kolumnen, etwa im Magazin der „Zeit“, einem großen Publikum als sensibler und kämpferischer Bewahrer des Gartens Erde bekannt wurde.

Drei seiner wegweisenden Essays hat der Verlag Das kulturelle Gedächtnis nun wieder aufgelegt. Jürgen Trittin weist in seiner als Vorwort verpackten Gegenwartsanalyse darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen Fridays for Future und der Generation der Baby-Boomer gibt. Denn es fuhren nicht alle Omas mit dem Motorrad im Hühnerstall, wie es die umstrittene Satire des WDR auf die Schippe nahm. Es gab in dieser Generation vehemente Umweltschützer, die früh auf die Folgen der Industrialisierung deuteten, sie beredt und brillant zur Sprache brachten.

Jürgen Dahl hat in einer furiosen Rede zum „Anfang vom Ende des Automobils“ eine wegweisende Warnung geschrieben, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Nüchtern seziert Dahl, was der unbedingte Wille zum Individualverkehr auslöst. Alles wird dem Straßenbau untergeordnet, urbane Räume werden zubetoniert. Und weil den Städtern die Frischluft fehlt, werden immer mehr Ausfallstraßen gebaut, damit die Autos ihren Weg in eine Natur finden, die zum Reservat mit Parkplätzen verkommt. „Es ist pervers, über die ,autogerechte‘ Stadt nachzusinnen, also über die Anpassung der Stadt an ein als unabänderlich gedachtes Verkehrssystem, statt über die Frage, wie das Verkehrssystem der menschengerechten Stadt anzupassen wäre.“

Jürgen Dahl. Einrede gegen die Mobilität... Drei Essays. Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020. 112 Seiten, 12 Euro. 

Der einstige Buchhändler und kritische Publizist bleibt dabei nicht bei der Beschreibung der Auswirkungen der „amtlich sanktionierten Vergiftung“, er zielt auf den politischen Willen, der die Automobilisierung unbedingt vorantreiben wollte. „Würde man den Autofahrer mit all den Kosten belasten, die er tatsächlich verursacht, dann würde sich zeigen, dass das Autofahren nahezu unerschwinglich ist und nur durch die Zahlungswilligkeit aller, auch der Nichtfahrer, überhaupt möglich war.“ Und ausgeweitet: „Die Privatisierung des Nutzens und die Sozialisierung der Schäden und Kosten auf dem Gebiet des Straßenverkehrs gleicht nicht von ungefähr dem allgemeinwirtschaftlichen Prinzip der Privatisierung der Gewinne und der Sozialisierung der Verluste.“

Die Folge sieht er schon 1972: eine unaufhaltsame Spirale, in der die Produktion von Autos so stark zum Wirtschaftsfaktor wird, dass sie schließlich als „unabänderlich“ gilt. Er mahnt dies als Irrweg an und hält dagegen: „Aufbau und Erhaltung eines zeitgemäßen Massenverkehrs würden mindestens die gleiche Produktionskapazität binden wie von Personenwagen.“ Dahl benennt die Konsequenz schon damals klar, die wir in der Postwachstumsökonomie nun bitter erleben: „Je mehr das Privatauto zur selbstverständlichen Ausstattung eines einigermaßen florierenden Hauswesens gehörte, umso größer die Kluft zwischen den beiden Klassen an Verkehrsteilnehmern, umso erniedrigender die Beförderung in den öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Gerahmt wird der Rant gegen das Rasen von zwei weiteren kritischen Texten, die einfühlsam die Veränderung des menschlichen Empfindens in der Bequemlichkeitsgesellschaft beschreiben, einer Welt in der „Herzklappen wie Klobrillen“ synthetisiert werden („Einrede gegen Plastic“) und in der „Reisen zum Hopser verkommt“ („Einrede gegen die Mobilität“). Sein Kern ist die zunehmende Entfremdung der Menschen von den Eindrücken, die Zeit und Ziellosigkeit brauchen, um Beziehungen zur Natur und zur Gemeinschaft aufzubauen. Dahls Texte bewahren einen Gegenentwurf für die junge Generation, weil sie ein Gefühl davon erhalten, was Humanität auch sein kann, wenn nicht „permanent Wohlergehen mit Wohlstand verwechselt“ wird: nicht isoliert, nicht beschleunigt, in Resonanz mit der umgebenden Welt.

Bei Dahl heißt Klimaschutz noch „Umweltschutz“, doch schon vor knapp 50 Jahren benennt er hellsichtig eine der Ursachen für die Vernichtung unseres Planeten. Seine Alternative: „Der Traum vom großen Verkehrsverbund von jedem Haus der Welt zu einem anderen wird irgendwann ausgeträumt sein. Das Erwachen wird zunächst als Katastrophe empfunden werden: Aus dem Taumel der totalen Mobilmachung findet man nicht von heute auf morgen heraus.“

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