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Jürgen Becker – zwei Bücher zum 90. Geburtstag: „Fast täglich hört eine Epoche auf“

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Von: Martin Oehlen

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Jürgen Becker, hier bei einem Termin zum 85. Geburtstag vor fünf Jahren in Köln.
Jürgen Becker, hier bei einem Termin zum 85. Geburtstag vor fünf Jahren in Köln. © imago/Horst Galuschka

Frische Beobachtungen, aufblühende Erinnerungen: Neuer und gesammelter poetischer Realismus des Dichters Jürgen Becker, der am Sonntag seinen 90. Geburtstag feiert.

Bei Jürgen Becker geht es um alles. Um das Große und das Kleine, das Gegenwärtige und das Vergangene. Schon im ersten Gedicht des ersten Lyrikbandes „Schnee“, dem 1966 geschriebenen und 14 Seiten füllenden „Fragment aus Rom“, gibt es einen Hinweis auf den Gegenstand der Betrachtung: „Jahre, Fortsetzungen, Flüge, Brüche, Beispiele“. Was damals noch wie eine beiläufige Erwähnung wirken mochte, hat sich in den folgenden Werken ein ums andere Mal als literarischer Urgrund bestätigt.

Die Lyrikerin Marion Poschmann kommt zu dem Schluss, Jürgen Becker verfolge mit eindrucksvoller Konsequenz „die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. In der genauen Beobachtung alltäglicher Begebenheiten und in den „Bewegungen der Erinnerung“ entstehe wie nebenbei eine Chronik der Bundesrepublik – von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges über die deutsche Wiedervereinigung bis hin zum „Smartphonezeitalter“.

Jetzt gibt es gleich zwei Neuerscheinungen, die rechtzeitig zu Jürgen Beckers 90. Geburtstag am Sonntag vorliegen. Da ist zum einen der 1120-Seiten-Wälzer „Gesammelte Gedichte 1971-2022“, den Marion Poschmann herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen hat. Außerdem präsentiert der Band die neuen „Journalgedichte“, die – siehe da – zeitgleich in einer separaten Ausgabe vorgelegt werden: „Die Rückkehr der Gewohnheiten“. Beide Bücher erscheinen bei Suhrkamp – dort hat der Büchnerpreisträger vor 60 Jahren seinen ersten Text veröffentlicht (in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anthologie „Vorzeichen“).

Die neuen „Journalgedichte“ sind selbstredend eine „Fortschreibung“ des Werks. Schon der Spiegelstrich am Anfang deutet an, dass es weitergeht, wo man abgebrochen hatte: „– fortsetzend das Selbstgespräch, und wie es hervorkommt aus dem Schatten des früher Gesagten, an der langen Leine von etwas, das man Kontinuum nennt.“ Und ein Spiegelstrich am Ende des Bandes deutet an, dass noch nicht alles gesagt ist.

Glücklich jene Leserinnen und Leser, die Zugriff haben auf jede neue Lieferung des lebenslangen Journals. Es enthält auch diesmal frische Beobachtungen und aufblühende Erinnerungen, dazwischen Wiederholungen und Variationen, die wie Trittsteine im Wasser wirken. Oft genügt schon eine Vokabel, um sich auf vertrautem Gelände zu wähnen: Schnee und Pappeln, Risse in der Biografie und Preußen Dellbrück, Äpfel und Birnen, der Strand in Ostende und die Tankstelle am Dorfrand. Solche Motive aus dem reichen Repertoire werden bekräftigt, überprüft, in einen neuen Kontext gestellt.

Im Gespräch erläutert Jürgen Becker: „Das Gedächtnis ist ein Depot und jeder Moment, auch den wir jetzt erleben, geht ins Gedächtnis ein. Aber wo ist es da, wo bleibt es? Das ist dann die Arbeit der Erinnerung.“ Doch der Erinnerung ist nicht so leicht zu trauen. Da gibt es Überlappungen, Verdichtungen, Erfindungen. Und die Gegenwart mischt sich ein mit neuen Erfahrungen. In den „Gewohnheiten“ steht: „Eine Erinnerung wiederholt sich, aber sie scheint sich / verändert zu haben, denn jetzt erzählt sie alles ganz anders.“

Wer bei der Lektüre dazu neigt, sich bemerkenswerte Stellen zu markieren, wird in diesem neuen Lyrikband auf jeder Seite Spuren hinterlassen. „Die Wolke, die du jetzt siehst, erzählt ihre Geschichte / nur einmal“, haben wir uns angestrichen. Nicht nur, weil es wahr ist und schön klingt. Auch weil der Satz zu sagen scheint: Nichts ist ohne Bedeutung. Und so hat vieles die Chance, im Vers fixiert zu werden.

Die Bücher

Jürgen Becker: Gesammelte Gedichte 1971-2022. Hrsg. v. Marion Poschmann. Suhrkamp, Berlin 2022. 1120 S., 78 Euro.

Jürgen Becker: Die Rückkehr der Gewohnheiten – Journalgedichte. Suhrkamp, Berlin 2022. 78 S., 20 Euro.

Der poetische Realismus des Jürgen Becker besticht durch den immer ruhigen, oft lakonisch-melancholischen, auch mal ironischen Ton. Nichts Gereimtes kommt uns in diesen Gedichten unter, die auf Prosasätzen aufbauen. Diese sind assoziativ vernetzt und quer durch die Zeiten verwoben. Die Spuren des Alltags findet das lyrische Ich – das recht selten Ich sagt – beim Blick aus dem Fenster, beim Durchstöbern des Hauses und in den Medien („täglich Zeitungskiosk“).

Es ist die Zeit der Zeitenwenden: „fast täglich hört eine Epoche auf.“ Im Privaten wie im Globalen. Von Alter und Vergänglichkeit ist die Rede. Und die Corona-Pandemie zieht eine kräftige Spur durch die Gedichte. Dabei fällt nicht nur die „wochenlange Leere in der Einflugschneise“ auf. Das Heute weist zurück auf das Gestern. Jürgen Becker erinnert sich im Gespräch: „Als kurioserweise plötzlich kein Toilettenpapier mehr da war, dachte ich: Moment, das kennen wir doch, dass es etwas nicht gibt. Dass man nun Schlange stand beim Bäcker oder vor dem Supermarkt, hat mir sofort die Kriegs- und Nachkriegserfahrung vergegenwärtigt.“

Jürgen Becker, am 10. Juli 1932 in Köln-Dellbrück in der Strundener Straße geboren und auch heute im Rechtsrheinischen zu Hause, hat den Zweiten Weltkrieg als Kind in Thüringen erlebt. Es waren prägende Jahre. In Erfurt hörte er zum ersten Mal nicht im Radio, wie die Front verlief, sondern vernahm unvermittelt, wie am Horizont das Geschützfeuer näherkam. Er sagt: „Jedes Gewitter, wenn es in der Ferne grollt, erinnert mich daran.“

Kriegsmomente sind im gesamten Werk präsent. Auch die neuen Journalgedichte werden durchzogen vom Geruch der Ruinen, von Not und Flucht und dem Schweigen der Väter. Diese Verse, die vor Russlands Einmarsch in die Ukraine geschrieben worden sind, liest man mit alarmiertem Bewusstsein. Manches wirkt wie für unsere kriegerisch-verspannte Gegenwart formuliert: „Man hört nicht auf zu lernen, und wir kennen / die Regeln. Aber es hilft nichts, / die Feindseligkeiten gehen weiter.“

Aktuell sitze er an keinem neuen Projekt, sagt Jürgen Becker. Er sei allenfalls mit „so kleinen Sachen“ beschäftigt. Doch wenn er zum Bleistift greife, einem immer seltener werdenden „Architektenstift“, und etwas auf einem Zettel festhalte, dann merke er, wie der Krieg in der Ukraine mitschreibe.

In den „Gesammelten Gedichte“ finden sich auch Malereien und Collagen seiner im September verstorbenen Ehefrau Rango Bohne sowie Fotografien seines Sohnes Boris Becker. Die bildende Kunst stand bei Jürgen Becker am Anfang. Erst danach kam die Literatur. Ehe er sich erstmals auf Bücher einließ, hatte ihn schon die Malerei gepackt. Als kleiner Junge saß er oft im Atelier seines Onkels Erich Schuchardt, was er auch in dem Band „Der fehlende Rest“ beschrieben hat. Er sah, wie die Bilder entstehen, und er nahm intensiv auf, wie die Farben riechen. „Ich wollte auch malen können“, erinnert er sich jetzt, „aber bei mir war kein Talent.“

Die Faszination der Dichtung entdeckte er auf dem Gymnasium, dabei entscheidend gefördert von seinem Deutschlehrer, der ebenfalls im Gesamtwerk auftaucht: „Fritz Hünemeyer hat mich auf den Weg gebracht. Da fing ich auch an, Gedichte zu schreiben und habe sie ihm gezeigt.“

Was daraus geworden ist, kann nun aufs Schönste besichtigt werden. Es ist eine Chronik des Verschwindens und eine Bestandsaufnahme unserer Zeit: „Wenig hat sich geändert, aber nichts mehr ist, wie es war.“ Käme jetzt die Sintflut, wäre eine der vornehmsten Aufgaben, Jürgen Beckers Bücher zu retten. Sie sind ein literarisches Archiv der Jahre, die wir kennen.

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