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Judith Zander.

Roman

Ein Mädchen namens Johnny

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Judith Zander erzählt in ihrem zweiten Roman von einer Selbstbefreiung und Selbstfindung durch Sprache.

Die Autorin, Übersetzerin, Lyrikerin Judith Zander wählt für ihren nach „Dinge, die wir heute sagten“ (2010) zweiten Roman „Johnny Ohneland“ eine erzählerisch besonders heikle Form: die fortwährende Anrede eines Du, bei dem es sich offenkundig um die Erzählerin selbst handelt, und das im Präteritum. Über 500 Seiten hält sie ohne Unterlass durch, „du bissest dir die Zunge wund“, „du kapiertest es zuerst wirklich nicht“, aber nach dem ersten Schreck und womöglich Widerwillen entsteht beim Lesen ein starker Sog und ein inniges Verständnis für diese gar nicht so seltene, aber oft verfehlte Wahl. Lange bevor es heißt „Nun guck mal einer an. Du erzählst dir ja doch wieder allerhand“ begreift man, dass hier wirklich ein Ich dem anderen Ich zuruft, wie es damals war, wie alles anfing und dann weiterging.

„Johnny Ohneland“ handelt von Grenzfällen, Metamorphosen, Befreiungen auf verschiedensten Ebenen. Zu sagen, dass sich Johnny zwischen Geschlechterzuschreibungen, zwischen Gesellschaftsschichten, Bildungsniveaus, Ländern und Lebensentwürfen bewegt, ist halbwegs korrekt, aber schal angesichts dieser schmalen, stillen, aber beherzten Figur. Johnny heißt als kleines Kind Joana Wolkenzin, dass sie sich einen neuen Vornamen gibt, heißt nicht, dass sie keine Frau sein will. „Weder Mann noch Junge aber wolltest du jemals sein, warum auch ...“, sagt sich Johnny und die Liedzeile „a girl named Johnny“, die sie bei Patti Smith hört (zu hören glaubt), haut sie um, „die ungeahnte Wortgruppe a girl named Johnny ging dir ins Blut wie Traubenzucker, fühlte sich so richtig an, dass es dich high machte ...“.

Johnny wächst im Norden der DDR auf – Zander wurde 1980 in Anklam geboren –, und wenn sie sich auf einmal „in einem fremden Land“ befindet, heißt das nicht, dass sie umgezogen wäre. Vor allem ist die Wende für das Kind eine Überflüssigkeit im wahrsten Sinne des Wortes: Sie fällt „zusammen mit gebrochenen Gliedmaßen, Krankenhausaufenthalten, Sitzenbleiben, Schulverweisen, Scheidung der Eltern, Stiefvätern mit Tätowierungen oder eigenen Kindern und Beerdigungen von Großeltern in den erschreckenden Erlebnisbereich, in den nur andere gerieten, du bliebst verschont“.

Wobei Joana Wolkenzin auch ohne die Wende gewiss zu Johnny Ohneland geworden wäre. Und ihr Leben auch ohne das Verschwinden der Mutter eine eigene Wende genommen hätte. Die Mutter verlässt nämlich eines Nachts ihren Mann, Johnny und den kleinen, nervigen Bruder Charlie. Die Nachricht, die sie hinterlässt, ist kurz und mangels Adresse nicht zu beantworten. Selbst Johnny ist fassungslos, die durchaus begreift, dass ein Familienleben wie das der Wolkenzins nicht das Ziel einer Frau sein kann. „Du wolltest auch Sex, und ja, Liebe, aber nicht zu diesem Preis. Es musste auch anders gehen. Und selbstverständlich glaubtest du an eine Ausnahme für dich höchstpersönlich.“ Und Johnny, die Ärger mit ihrem Vater hat, die Ärger mit ihrem Bruder hat, die Ärger in der Schule hat, fängt allem zum Trotz an, ihren Radius zu erweitern.

Das Buch

Judith Zander: Johnny Ohneland. Roman. dtv, München 2020. 525 Seiten, 25 Euro.

Johnny liest jetzt Bücher und entfernt sich in jeder Hinsicht vom „Dat is mir zu hoch“ des Vaters. „So ein Leben wolltest du nicht, aber deshalb noch lange nicht das Gegenteil, den bürgerlich-intellektuellen Entwurf, im Tatort konnte man sehen, dass auch das zu Mord und Totschlag führte, und zwar in Eigenheimen oder Villen, in denen auch ohne Gewalt der Erstickungstod drohte. Blieb die Bohème, nur kam sie dir irgendwie etwas ausgestorben vor ... .“

Die Erweiterung des Radius ist nicht nur eine innere, sondern auch eine äußere. Jetzt sitzt Johnny bereits romanlesend an der Ostsee. „Du fühltest dich nicht einsam unter all diesen Sonntagsfamilien, du fühltest dich schwindelerregend unabhängig ... .“ Jetzt macht sie einen Studentenaustausch in Finnland. „Dieser Osten sei der wahre Westen, dachtest du, nicht das, was eurem Osten als solcher übergeholfen worden war, auch nicht das, was an BRD nicht hatte übertragen werden können, beinahe unaufgestört in seiner Muffigkeit weiterresidierte und ebenfalls nicht den diffusen Gegenstand jahrzehntelanger Sehnsüchte gebildet hatte.“ Und jetzt führt ein toller Zufall sie nach Australien. „Was machte man in der Fremde? Man fütterte zuerst sich selbst und dann sein Tagebuch, so hattest du es immer gehalten.“ Denn Johnny richtet sich in der gewissermaßen endlosen Fremde der Welt gut ein. Auch lernt sie interessante Leute kennen, lernt die Liebe kennen, die glückliche und die unglückliche, und die Liebe zu Männern und Frauen.

„Johnny Ohneland“ balanciert das Beschwingte und das jugendlich Sentimentale ausgezeichnet aus, lieber als zu schimpfen und zu jammern, probiert Johnny Fremdwörter aus. Oder schlaue Sätze. „In der Zone der populären Irrtümer triumphiert auch bei hoher Aufklärungsrate im Allgemeinen die Unverbesserlichkeit.“ Vor allem ist es Johnnys unaufdringliche Individualität, die verhindert, dass beim Lesen andauernd die Ost-West-, die Mann-Frau- und die Oben-Unten-Verhältnisse erklärt würden – dies geschieht nur beiläufig, Johnny sucht auch keinen Schuldigen, Johnny sucht einen Weg.

Auch eine Rarität: Eine so einsame Romanfigur, die ihr Leben so unspektakulär, aber doch entschieden in die Hand nimmt. Kein Erziehungsroman, keine Hilfe außer der Sprache. Mit der man zum Beispiel auch ausdrücken kann, was beim Sex passiert, ohne dass es peinlich ist. Johnny denkt darüber nicht nach, aber beim Lesen kann man sagen: Allein die Sprache ist Johnnys Kumpan. Auch darum muss sie, das leuchtet ein, mit sich im Gespräch bleiben. Die literarischen Folgen sind ein Feuerwerk im sperrigen, aber funktionierenden Duz-Korsett.

Die autobiografische, jedenfalls authentisch biografische wirkende Färbung, die mehr Details mit sich bringt, als es für die Charakterisierung einer herkömmlichen Romanfigur und -situation notwendig wäre, wird gelegentlich etwas kräftig und dekorreich. Aber so ist das Leben, Johnny ganz für sich mittendrin.

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