1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Judith Kuckart und das Café der Unsichtbaren“ – Für die Einsamen, Unruhigen, Verzweifelten

Erstellt:

Von: Cornelia Geißler

Kommentare

„Menschen mit anderen Leben interessieren mich mehr als meine Kunstblase“, sagt Judith Kuckart. Foto: Burkhard Peter
„Menschen mit anderen Leben interessieren mich mehr als meine Kunstblase“, sagt Judith Kuckart. © Burkhard Peter, Berlin

Judith Kuckart schreibt in ihrem Roman „Café der Unsichtbaren“ über Menschen, die sich beim Sorgentelefon engagieren – wie auch sie selbst sechs Jahre lang. Eine Begegnung in Berlin.

Wir treffen uns in der Berliner Jebenstraße, zwischen dem Museum für Fotografie, wo betörende Mode-Fotos von Helmut Newton hängen, und der Bahnhofsmission, vor der sich Menschen in schlichter Kleidung drängen. Genau in der Mitte der Straße verabschiedet sich Judith Kuckart gerade von Bibiana Beglau, mit der sie Mitte März aus ihrem neuen Roman in der Volksbühne lesen wird.

Dass sie hier steht, lässt sich symbolisch deuten, denn in Kuckarts Buch „Café der Unsichtbaren“ begegnen sich ebenfalls zwei Seiten der Gesellschaft, auch in Berlin. Ihre Helden sind Studentin oder Bauingenieur, Buchhalterin oder Rentnerin und arbeiten ehrenamtlich beim Sorgentelefon e.V. in Berlin. Dort rufen Leute an, die Hilfe suchen oder einfach ein Gespräch: Einsame, Unruhige, Ratlose, Verzweifelte.

Das Sorgentelefon e.V. aus der Literatur gibt es auch in der Realität, in Form verschiedener Krisendienste. Einer davon ist die Telefonseelsorge Berlin e.V., die wurde in West-Berlin 1956 in der Jebenstraße gegründet, wegen der damals sehr hohen Suizidrate. Im Ostteil der Stadt wurde die erste derartige Nummer 1986 eingerichtet, also noch zu DDR-Zeiten. Während wir uns auf die Suche nach einem windgeschützten Ort begeben, erzählt Judith Kuckart, wie sie das Thema und die Personen für ihr Buch gefunden hat. „Als ich in den 80er Jahren nach Berlin kam, hatten mich die schwarz-gelben Aufkleber in den Telefonzellen beruhigt, auf denen stand: ,Kummer? Telefonseelsorge‘. Dazu die Nummer. Ich wusste, wenn es mal nicht mehr weitergeht, kann ich mich für 20 Pfennig dahin wenden. Und gerade hier in der Gegend erlebte ich diesen Kontrast der Stadt immer sehr stark, das Glitzernde und das abgrundtief Hässliche.“

Kuckart stammt aus Schwelm in der Nähe von Wuppertal, studierte in Essen und Köln, kam als Tänzerin und Choreografin mit eigenem Ensemble, dem Tanztheater Skoronel, nach Berlin. Obwohl sie seit 1990 Romane veröffentlicht, zuerst „Wahl der Waffen“, zuletzt, 2019, „Kein Sturm, nur Wetter“, führt sie weiterhin Regie. Gerade inszeniert sie ein eigenes Stück in der Bremer Shakespeare Company, das am 3. März Premiere hat: „Kommt ein Clown in ein Hotel“. Aber darum soll es heute nicht gehen. Nur insofern, als sie sagt: „Ich bin keine Schreibtischfrau, ich bin gern mit Menschen zusammen.“ So kam sie nämlich auch zur Telefonseelsorge.

Nicht weil sie Stoff für ein neues Buch brauchte? Nein, sie habe sich nützlich machen wollen. „Ich habe gedacht, es ist relativ gut mit meinen Dingen bisher gelaufen. Ich habe es ökonomisch hinbekommen, obwohl ich immer freischaffend war, auch sonst habe ich eigentlich Glück gehabt.“ Sie suchte nach einem Ehrenamt. „Wenn ich eine tolle Schwimmerin gewesen wäre, hätte ich Schwimmkurse gegeben. Da ich aber besser zuhören kann, hielt ich das für die richtige Entscheidung.“ Mit ihrer Kunst diene sie natürlich anderen Menschen; sie habe es erleben dürfen im Theatersaal, in Briefen von Leserinnen und Lesern, was sie damit auslösen könne. „Aber ich habe wohl so ein soziales Gen“, sagt sie und schiebt hinterher: „Was für eine Freiberuflerin durchaus hinderlich sein kann, wenn es um Verträge geht.“

Zur Sache

Die Autorin stellt ihr Buch im März u. a. bei verschiedenen Lesungen in Dortmund, Köln, Berlin und – auch ohne Messe – in Leipzig vor. Am 22. Juni ist sie dann im Frankfurter Literaturhaus. Alle Termine auf ihrer Netzseite www.judithkuckart.de

Judith Kuckart: Café der Unsichtbaren. Roman. Dumont Buchverlag, Köln 2022. 208 S., 23 Euro.

Wir sitzen inzwischen im Delphi Lux, trinken Kaffee, während neben uns die Kino-Tickets kontrolliert werden. Judith Kuckart erzählt mit einem ironischen Schwung im Ton, dass sie vor ein paar Jahren noch einmal studieren wollte, um Pfarrerin zu werden. Ein Freund habe sie gleich gewarnt, dass sie mit der Institution Kirche nicht zurechtkommen werde, die fordere ja so etwas wie Parteidisziplin. Außerdem: „Vier Jahre Studium mit Altgriechisch, Althebräisch und dem Großen Latinum – das hätte ich als ältere Frau nicht geschafft.“ Was sie am Pfarrerberuf vor allem reizte, das Zuhören und Erzählen, das fand sie auch beim Sorgentelefon und beim Schreiben.

Die, die anrufen, kommen im Buch nur am Rande vor. Zum Beispiel in so einer Aufzählung: „30 Prozent junge Männer, die ihre minderjährige Freundin geschwängert haben, dann ungefähr 15 Prozent Frauen, die sich gestalkt fühlen, 40 Prozent meiner Anruferinnen wollen über häusliche und sexuelle Gewalt reden.“ Sie sind nur für Stichworte da in diesem Roman. Nicht nur wegen der Schweigepflicht, an die Judith Kuckart sich noch gebunden fühlt, obwohl sie sich nach sechs Jahren Telefondienst wieder abgemeldet hat.

Sie erzählt von den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, deren Leben berühren sich während der Handlungszeit zu Ostern in dem Büro, im Rückblick während der Schulungen, in privaten Begegnungen. Sie haben eigene Sorgen, die ihnen dabei helfen, andere zu verstehen. Sieben Figuren sind es, zwischen 24 und 79 Jahren alt. Der jüngsten, Rieke, und der ältesten, Frau von Schrey, die etappenweise als Ich erzählt, gehört am meisten Raum. Das kann sie erklären: „Mich interessieren Gespräche mit Leuten sehr, die andere Leben geführt haben, die viel jünger oder älter sind als ich, das interessiert mich mehr als meine Kunstblase.“

Es reize sie, sich in solche Menschen zu begeben. Studiert Rieke Theologie, weil sie selbst es mal wollte? Ja, schon, aber es seien alles „Mischfiguren“ aus ihrem eigenen Leben. Alle hätten Eigenschaften von ihr und von Leuten, die sie gut kennt. „So unterschiedlich die Anrufer sind, so unterschiedlich sind auch die auf der anderen Seite. Man denkt vielleicht, da sitzen nur pensionierte Lehrer, aber sie kommen aus allen Schichten und sind an einem bestimmten Punkt ihres Lebens, da sie genau das brauchten, so eine Art von Praxis oder ein Gegengewicht im Leben.“ Die Bankerin zum Beispiel verkauft im Alltag Geldanlagen, denen sie nicht traut, am Sorgentelefon kann sie auch mal einen guten Rat geben. Das Helfen hilft auch denen, die helfen.

Mit der Figur der Wanda porträtiert Judith Kuckart eine Frau, die zwei biografische Möglichkeiten in sich trägt. Sie ist in der DDR geboren, war aber noch ein Kind, als die Mauer fiel. Nun arbeitet sie hauptberuflich im DDR-Museum, ist also ständig mit der Erinnerung an den untergegangenen Staat beschäftigt, auch mit Gedanken darüber, welcher Einschnitt die deutsche Einheit für die Biografie der eigenen Mutter war. Die Verbindung führt hier in die Jugend der Autorin. 1984 studierte sie einige Monate an der Palucca-Schule in Dresden, wohnte im Internat und bekam viel mit von der Stadt und ihren Menschen. Das Interesse für den Osten blieb, sie schloss von West-Berlin aus auch Freundschaften auf der anderen Seite der Mauer.

Der Titel des Romans geht auf Rieke zurück. Sie entwirft eine erste Predigt und geht dabei im „Café der Unsichtbaren“ gedanklich von Tisch zu Tisch, an denen sie sich Menschen mit Lebenswegen und Problemen vorstellt, die denen der Anruferinnen und Anrufer ähneln. Aus den Sorgen werden Geschichten. „Durch das Erzählen bekommen noch die schlimmsten Katastrophen einen Sinn“, sagt die Autorin für ihre Figur und für sich selbst – nicht nur für ihre Arbeit als Schriftstellerin.

Denn im vergangenen Jahr hat sie noch einmal mit Tänzerinnen aus ihrem Ensemble Skoronel gearbeitet, hat deren Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte in Texte und Bewegungen gebracht: Essstörungen, Alkohol, der Verlust des Partners, der Wohnung. „Keine ging ohne Schrammen durchs Leben.“ Judith Kuckart redet darüber, als würde ihr die Parallele erst jetzt so deutlich bewusst: „Das war von der Temperatur der Begegnung mit Menschen her sehr ähnlich.“

Auch interessant

Kommentare