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Judith Kerr, hier bei sich zu Hause in London, 2015

Schriftstellerin

Judith Kerr ist tot - ihr Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ hat Lesergenerationen geprägt

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Die Schrifstellerin und Zeichnerin Judith Kerr ist tot. Mit Büchern wie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ prägte sie ganze Lesergenerationen. Ein Nachruf.

Für die, die das Buch vielleicht Ende der siebziger Jahre und vielleicht als Kinder gelesen haben – in jeder Hinsicht im richtigen Moment –, dürfte sich das Leben seither in die Zeit teilen, bevor sie „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ kannten, und in die Zeit danach. Das ist keine Übertreibung. Viel hatten diese Kinder da vermutlich schon über die Bombennächte gehört, aber von der Emigration wussten sie so gut wie nichts.

Komischer Titel, dachten sie ferner. Heute ist er so im Gedächtnis verankert, dass seine Genialität nicht mehr auffällt. Alles ist schief, unpassend und lückenhaft, wie im Leben der kleinen Anna. Denn es geht eigentlich nicht um Hitler – Hitler, so die Autorin später, habe sich praktisch in den Titel gedrängt wie in das Leben ihrer Familie –, das Wort Diebstahl ist in diesem Zusammenhang zumindest eigenwillig, und das rosa Kaninchen kommt nur ganz am Anfang vor. Anna lässt es in Berlin zurück, als sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zum Vater nach Zürich reist. Anna ist zehn und ihr ist nicht klar, dass sie nicht zurückkommen wird. Sie nimmt ein neues Spielzeug mit und lässt den alten blinden Plüschhasen daheim, also an dem Ort, der ihr Zuhause gewesen ist. Wenn es eine Fehlentscheidung gibt, die sich ein Kind in einer friedlichen Welt lebhaft vorstellen kann, dann ist es diese.

Auf „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ folgten weitere Bücher

Dass es eine sympathische, liebevolle, völlig normale Familie war, an der einem ja vieles bekannt vorkam, machte ihre Verjagung umso unbegreiflicher. Dass der nette, manchmal etwas ferne Vater der Schriftsteller und berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr war: Das ergab sich erst viel später und bescherte die zweite Begegnung mit den Büchern: Auf „Als Hitler das rosa Kaninchen“ stahl“, 1971 auf Englisch, 1973 in deutscher Übersetzung erschienen, folgten „Warten bis der Frieden kommt“ (1975) und schließlich „Eine Art Familientreffen“ (1979). Anna und ihr Bruder wurden älter und überholten dabei die erste Lesergeneration. Unvergessen, dass man spürte, wie kompliziert das Leben noch werden würde. Denn die Anna in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist trotz allem ein behütetes und frohgemutes Kind.

Auch Judith Kerr hat gerne davon gesprochen, dass sie Glück gehabt habe. Die jüdische Familie, durch die exponierte linksliberale Haltung des Vaters zusätzlich und besonders unmittelbar bedroht, ging 1933 in die Schweiz und über Frankreich 1935 nach Großbritannien. Im Buch für Anna und im Leben für Judith Kerr erscheint die Erfahrung, plötzlich in einer völlig fremden Sprache zurechtkommen zu müssen, eher wie ein großes Abenteuer. Im Buch heißt es: „Es ist herrlich, Flüchtling zu sein.“ Man kann stutzen, man kann sogar zurückschrecken, daraus erwächst aber auch eine große Hoffnung und eine enorme Verantwortung für die Länder, in denen Kinder einen neuen Halt suchen.

In Paris, erzählte Kerr im FR-Gespräch 2016, habe eine Lehrerin mit ihr ein wenig Deutsch zu sprechen versucht. Das sei nett gemeint gewesen, ihr aber unangenehm gewesen. „Ich wollte nicht anders sein. Das ist bei allen Kindern so. Die Eltern gehören vielleicht nie in das neue Land, aber die Kinder immer.“

Judith Kerr blieb nach Kriegsende in London

Anna, nein, Judith und ihr Bruder blieben anders als die Eltern nach Kriegsende in London. Alfred Kerr, der 1948 starb, schrieb der Tochter in seinem letzten Brief: „Du musst glücklich werden. Tu es.“ Das wird oft zitiert, Judith Kerr gab sich redlich Mühe. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete sie zunächst für das Rote Kreuz, nach dem Krieg studierte sie an der damaligen Londoner Schule für Kunst und Kunsthandwerk, war als Lehrerin und Textildesignerin tätig und ging als Redakteurin zur BBC, wo sie ihren späteren Mann Nigel Kneale kennenlernte. Dass sie als Mutter ihren Job aufgab, führte in ihrem Fall zu ihrer eigentlichen Laufbahn als Kinderbuchautorin und vor allem -zeichnerin. Das, betonte sie immer wieder, sei ihr eigentlicher Beruf: „Das ,Rosa Kaninchen‘ habe ich nur geschrieben, weil mir die Geschichte eben passiert ist.“ Gedacht war es als Bericht für ihre Kinder.

In Großbritannien war sie da schon eine bekannte Autorin, ihr (in Deutschland erst mit gewaltiger Verspätung erschienenes) Debüt „The Tiger Who Came to Tea“ sorgte 1968 dafür. Der Tiger, der seinen Gastgebern praktisch alles wegisst und wegtrinkt, es ist unfassbar, wird trotzdem äußerst zuvorkommend behandelt.

Man kann das durchaus als charakteristisch für Judith Kerrs positiven Blick auf die Dinge verstehen. Ein großer Erfolg war anschließend und bis heute auch die „Mog“-Reihe um einen gewissen Kater, auch deutschsprachige Kinder können beispielsweise dem „vergesslichen Kater“ begegnet sein (insgesamt gibt es 17 Bände).

Judith Kerr äußerte sich entsetzt über den Brexit und Trump

Immer wieder kam Judith Kerr auch nach Deutschland, gab vor Schulklassen geduldig Auskunft. Entsetzt äußerte sich über den Brexit und über Trump („ich kann nicht glauben, dass das so kommt“, sagte sie, bevor es dann so kam), immer auch eine interessierte Genossin ihrer Zeit.

Nach ihrem Traum gefragt, erklärte Judith Kerr vor zwei Jahren im „Zeit“-Magazin: „Ich bin bereit zu sterben, natürlich. Trotzdem, mein Traum wäre es, 95 Jahre alt zu werden und das Bilderbuch, an dem ich gerade arbeite, zu Ende zu schreiben. Ich könnte jetzt sagen, ich will 96 werden, aber ich will nicht gierig sein. 95 wäre genug.“ Vor einem Jahr ist auf Deutsch der hinreißend gestaltete Erwachsenen-Band „Geschöpfe. Mein Leben und Werk“ herausgekommen, im Herbst folgte auf Englisch „Mummy Time“, postum ist nun die Veröffentlichung von „The Curse of the School Rabbit“ (Der Fluch des Schulhasen!!) für Juni angekündigt.

Für eine Autorin, die einfach weiter arbeitet, gibt es immer nur das nächste, nie im engeren Sinne das letzte Buch. Drei Wochen vor ihrem 96. Geburtstag ist Judith Kerr am Mittwoch nach kurzer Krankheit in London gestorben, wie ihr Verlag Harper Collins am Donnerstag mitteilte.

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