1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Judith Hermanns Poetikvorlesung: Bis das Wesentliche nicht mehr da steht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Judith Hermann.
Judith Hermann. © Andreas Arnold

Schreiben heißt Verbergen: Judith Hermanns Frankfurter Poetikvorlesung.

Die Frankfurter Poetikvorlesung von Judith Hermann drehte sich um das Verbergen beim Erzählen, um das Verborgensein und womöglich Geborgensein im Schreiben. Bei einer anscheinend recht geradeaus und unverblümt erzählenden Schriftstellerin war das ein markanter Vorgang. Er bekam einen Enthüllungscharakter, indem Judith Hermann etwa freimütig bekannte: „Ich komme aus einer Familie von Verrückten.“ Aber eigentlich bekannte sie das nicht im engeren Sinne, sondern erzählte, wie sie es einem Freund erzählt.

Also: Eine Judith-Hermann-Erzählerin erzählt ihrem Freund, sie komme aus einer Familie von Verrückten. Mit dem Freund, sagt sie, habe sie dann nie wieder darüber gesprochen, es sei folgenlos gewesen, aber kein Geheimnis mehr, „ab heute erst recht nicht mehr“, so Hermann mit feinem Humor, denn wir alle im großen, vollen Saal haben es ja gehört.

Der weinende Vater

Ihr weinender Vater – in dieser Szene beim gemeinsamen Anschauen der Serie „Holocaust“ – sei ihr vertrauter gewesen als ihr nichtweinender Vater, sagte Hermann bei anderer Gelegenheit. Der weinende Vater, der „Don Giovanni“ hört, die Tochter, die glaubt, er weine wegen ihr. Der Vater, der im Krieg leben will. Der Vater, der aus heiterem Himmel in rasende Wut verfällt, „jähzornig“, sagt die Familie dazu. Der Vater, der an Depressionen leidet, das, so Hermann, sei der unverfängliche Ausdruck dafür gewesen. Der Vater, der dann für lange in der Psychiatrie lebt.

Das erzählt Judith Hermann, und erzählt, wie ihr gesagt wird: „Behalte es für dich.“ „Habe ich getan“, sagte Judith Hermann in Frankfurt, „und tue es auch hier.“

Denn das Erzählen ist etwas anderes als das Leben, jedenfalls ist es eventuell etwas anderes. Hauchzarte Verschiebungen und ihre (beträchtlichen) Folgen standen im Zentrum der heutzutage nur noch dreiteiligen Vorlesung auf dem Campus Westend. „Wir hätten uns alles gesagt – vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben“ hieß sie bei Judith Hermann. Die hauchzarten Verschiebungen sind es vielleicht auch, die das literarische Werk Hermanns grundieren. Aus ihnen könnte sich der eigenartige Subtext speisen, der unter der offenkundig so unverzierten, um nicht zu sagen reduzierten Sprache flimmert und flämmelt, zuletzt in dem Roman „Daheim“ (bei S. Fischer erschienen, wie ihre anderen Bücher auch). „Daheim“, ein Begriff, der schon im Buch ambivalent ist, nun wurde er es noch mehr. Es sieht immer so aus, als würde da einfach alles stehen. „Schreiben heißt zeigen und verbergen“, sagte Judith Hermann in der letzten Runde am Dienstagabend (wenige Tage nach ihrem 52. Geburtstag).

Die Schriftstellerin dachte erzählend nach und demonstrierte dabei in jeder Erzählvolte (und es sage keiner, dass Judith Hermann nicht voltenreich erzähle), was das heißt: offen zu erzählen und das Wesentliche dabei doch zu verhüllen. „Die Erzählung lenkt den Leser vom Eigentlichen ab“, sagte Hermann, „sie lenkt ihn von mir ab.“ Es sei „ein Zaubertrick“, hatte sie in der ersten Vorlesung erklärt. „Der Leser sieht dem Hokuspokus des Zauberers zu und verpasst den Trick.“

Drei Vorlesungen, mindestens drei Erzählungen: Die Erzählerin trifft ihren Psychoanalytiker in einem Lokal wieder und trinkt mit ihm einige Gin Tonic. Die Erzählerin trifft ihre alte, frühere Freundin Ada wieder. Die Erzählerin verliert einen Freund, der an einer Krankheit stirbt. Die Erzählerin denkt über ihre Familie nach.

Fragil ist dabei nicht so sehr die Wahrheit. Hermann räumt zwar ein, dass sie beim Lesen ihrer eigenen Texte häufig nicht mehr wisse, was sie sich ausgedacht habe und was nicht. Aber das ist in einer Erzählung nicht relevant. Interessanter in diesem Zusammenhang ist das unmittelbare Vertrauen, das man einer Erzählerin wie Judith Hermann entgegenbringen wird, wie leicht der Begriff des Autobiografischen bei der Hand ist. Natürlich erzähle sie nur von sich, sagte Judith Hermann, natürlich erzähle sie keineswegs von sich. Schreiben, sagte sie, heiße, misstrauisch zu sein, lesen heiße, zu vertrauen.

Der fragile Schreibvorgang

Fragil ist also nicht der Abstand oder die Nähe von Wirklichkeit. Fragil ist der Schreibvorgang als solcher. Ein Rat ihres Psychoanalytikers, also des Psychoanalytikers der Erzählerin: Einen Traum solle man mit zeitlichen Abständen drei Mal aufschreiben. Was beim dritten Mal fehle, sei das, worum es eigentlich gehe. Hermann nachher: Wenn sie einen Text in drei Fassungen schreibe, fehle im letzten Teil möglicherweise also das, worum es gehe. Und wird dann nicht gedruckt und die Schriftstellerin hat es für sich behalten. Sie schreibe nicht, sagte Hermann, um mit Rätseln umzugehen, Rätsel gehörten aber dazu.

Ihre Poetikvorlesung ist keineswegs aus der Zeit gefallen, sollte dieser Eindruck aufkommen. Hermann erzählte von den Corona-Lockdowns, dem verlegenen Abstandhalten bei einem Besuch bei den Eltern. Es ist erst so kurz her und scheint in weiter Ferne. Literatur, unsere Rettung vor dem frühen Gedächtnisverlust.

Auch interessant

Kommentare