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Judith Hermann.
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Judith Hermann.

Roman

Judith Hermann „Daheim“: Frauen in Kisten und andere Phänomene

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Daheim“, Judith Hermanns unbehaglicher Gegenwartsroman.

Daheim“ ist das noch gemütlichere Wort für „zu Hause“, aber behaglich wird es selten in dem neuen Roman Judith Hermanns. Hermann, die im Mai vor einem Jahr 50 geworden ist, hat ihr Publikum seit dem Debüt mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Sommerhaus, später“ (1998) immer knapp gehalten. Neben den vier Erzählungsbänden ist „Daheim“ nach „Aller Liebe Anfang“ (2014) der zweite Roman, diesmal nicht knapp mehr, sondern knapp weniger als 200 Seiten.

Den Ball des Erzählens hält Hermann mit Hauptsätzen und Wortaskese wieder so flach, dass er nach einem fabelhaften Auftakt eine Weile bloß Richtung Meeresküste zu kullern scheint. Dieser Eindruck täuscht jedoch. Während den Figuren neben ihrer Arbeit die Zeit lang werden mag und ihr circa in der Mitte angekommenes Leben von außen betrachtet konzeptlos erscheint und ist, verfolgt die Autorin einen straffen Plan der Andeutungen und symbolischen Aufladung. Damit werden wir, machen wir uns keine Hoffnung, so alleine bleiben wie die Figuren. „Daheim“ entwickelt sich aber in seiner kargen Präsentation zugleich dermaßen unerwartet und effektvoll, dass es zu einem fesselnden Buch wird.

Anders als die Figuren erweist sich die Autorin zudem als keineswegs aus der Zeit gefallen, „Daheim“ erzählt geistesgegenwärtig von der Gegenwart. Ökologische, ökonomische, gesellschaftliche Fragen werden ungewohnt unbeantwortet und lapidar, aber durchaus direkt verhandelt. Angefangen damit, dass es einfach nicht regnet. „Natürlich regnet es nicht. Es hat, seitdem ich hier bin, kein einziges Mal geregnet, es regnet an und für sich nicht mehr ... .“ Der Mann, mit dem die Frau, die das erzählt, eine bescheidene Affäre hat, ist Landwirt und hält Schweine unter indiskutablen und in „Daheim“ auch nicht diskutierten Umständen. Für die Erzählerin, die er zum Abendessen einlädt, kauft er Tiefkühlkram, unter anderem in Schnitzelform. Sein Land versinkt im Müll, weil ans Meer rauschende Reisende hier einfach alles aus dem Auto werfen. So viel zum Landleben.

Der fabelhafte Auftakt: Eine Szene mit Magier, aber nicht wie Thomas Mann, Martin Mosebach oder Daniel Kehlmann sie geschrieben haben, sondern wie Judith Hermann sie schreibt. Die Erzählerin erinnert sich daran, wie sie 30 Jahre zuvor als Teenagerin an einer Tankstelle bei ihrer Wohnung von einem alten Zauberkünstler angesprochen worden ist. Er will sie für seinen Trick mit der zersägten Frau engagieren. Die beiden verabreden eine Probe, anwesend ist auch die Frau des Zauberers, die, wie sie sagt, zu alt für eine Vorführung sei, bei dem das Publikum junge Frauen sehen wolle.

Es funktioniert gut, ein dummer, wirklich uralter, hier noch dazu radikal illusionslos durchprobierter Trick, bei dem die Erzählerin nur die Beine weit genug an den Körper ziehen muss. Eine unbequeme Haltung, aber nicht anstrengend. Die Erzählerin fühlt sich zwischendurch wie tatsächlich zweigeteilt. Seltsam, aber zu verkraften. Sie könnte mit dem Paar eine Kreuzfahrt nach Singapur antreten. Es wird nichts draus, sie macht es nicht. Das ist nicht nur, nach dem geruhsam geschilderten Beginn, eine erste Überraschung, es breitet auch einige der Motive aus, um die es noch gehen wird. In zweiter Linie die Situation von Frauen, alten, jungen, zersägten, sich fremd fühlenden, sich entscheidenden oder nicht entscheidenden (wobei die Männer in „Daheim“ noch unentschiedener sind). In erster Linie die Kisten, die sich durch „Daheim“ ziehen. Kisten, in die Frauen und Tiere gesperrt werden. Ferner: die erforderliche, aber nicht immer mögliche Anpassung an Verhältnisse.

Das Buch:

Judith Hermann: Daheim. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 192 Seiten, 21 Euro.

30 Jahre später erinnert sich die Frau also zurück an diese folgenlose Geschichte. Sie hat inzwischen ihre Ehe und das Erwachsenwerden ihrer Tochter hinter sich und zieht in die Nähe ihres Bruders ans Meer, um in dessen bescheidener Kneipe zu arbeiten. Immer wieder klingt das simpler, als es ist. „Daheim“ ist ein Buch der lakonisch platzierten Effekte, sogar Knalleffekte. Von ihrem Mann Otis hat sie sich getrennt, weil er – der in seinem Namen den Reichen, den Erben trägt –, alles sammelt und aufhebt. Schon das Familienleben musste darum in zwei Wohnungen stattfinden, jetzt räumt er die zweite Wohnung voll. Otis geht davon aus, dass „wir in absolut jeder Hinsicht immer auf das Schlimmste gefasst sein“ müssen. Die Erzählerin liebt ihn, das ist nicht die Frage.

Die gemeinsame Tochter Ann ist inzwischen auf Reisen. Die Eltern hören wochenlang nichts von ihr. Sie hat sich aber angewöhnt, zwischendurch ihre Koordinaten zu schicken.

„Daheim“: Neben den Kisten und den Koordinaten als einem hüllenlosen anderen Extrem eines Standorts wimmelt es im Roman von zu leeren oder zu vollen Wohnungen und Häusern. Die Menschen, die darin wohnen, haben ihr Familienleben bereits weitgehend hinter sich. Der Bruder der Erzählerin – auch sein Name taucht auf, ihrer nicht – hat sich zum ersten Mal im Leben irrsinnig verliebt, in eine junge Frau, deren Verstörtheit und Tragik sich ebenfalls nicht nach und nach, sondern in krassen Wendungen zeigt. „Sie sieht exakt so aus wie die Figur auf Munchs Bild vom Schrei“, heißt es einmal bloß. Nike hat fast keine Zähne mehr. Es geht in „Daheim“ nicht bloß um seelische Befindlichkeiten, das auch, das ohnehin. Ausgerechnet ihr Bruder sagt einmal zur herbeigeradelten Erzählerin, sie sehe verrückt aus. Sie sei 47 und leicht verschwitzt, sagt die Erzählerin eine Spur genervt, denn das meint er wohl.

Dass das alles nicht überinstrumentalisiert wirkt, liegt neben der Verschwiegenheit und der kargen Sprache vor allem an der Verweigerung, es zu bewerten, selbst wenn es plakativ ist. Die Erzählerin, die nach und nach relativ orientiert und reflektiert wirkt, kann niemandem helfen und versucht es auch nicht. Eine Erfahrung, die vielleicht noch älter ist als die Beziehung zu Otis. An der See weiß niemand, dass der Kneipenwirt ihr Bruder ist. „Ich will schlicht mit niemandem in Verbindung gebracht werden“, so die Frau, die hier auch keine „Wurzeln schlagen“ will.

Wer halbwegs klare Antworten sucht, ist hier völlig falsch und greift zum Beispiel besser zu Juli Zehs „Über Menschen“. Judith Hermann dagegen will uns den Rest geben und demontiert sogar noch die Geschichte mit dem Zauberkünstler. Ann bringt ihre Mutter in einem Skype-Gespräch darauf, als sie (in einem raren „Daheim“-Monolog) über Erinnerungen doziert. Sie erklärt, dass Erinnerung „keine Bedeutung hat. Dass es nur gibt, was du gerade erlebst, und jede Erklärung, die du dafür hast, ist ausgedacht und existiert erst, wenn du sie formulierst. Ihr denkt, ihr hättet eine Bibliothek in euch, eine Sammlung, Bilder und Erinnerungen, die euch zu dem machen, was ihr seid. Gründe für das, was ihr mögt und nicht mögt. Aber diese Bibliothek ist eine Erfindung.“ Das klingt schlau und ist doch eine Binsenweisheit. Ann, zeigt sich, hat es „im Netz“ gelesen. Trotzdem kommt die Zauberkünstler-Geschichte ins Rutschen. Es ist auf nichts Verlass. Das ist kaum auszuhalten.

Andererseits zeigen die Figuren in „Daheim“, wie es trotzdem gehen kann. Und Judith Hermann gibt ihrem meisterlichen Roman – kürzlich von der zuständigen Jury auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse gesetzt – eine so penetrant sinnige Schlusswendung, dass es fast tröstlich ist.

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