+
Amos Oz in seinem Haus in Arad, Südisrael.

Nachruf Amos Oz

Ein Jude ohne Illusionen

  • schließen

Amos Oz ist tot. Der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist starb im Alter von 79 Jahren.

Amos Oz war ein entschiedener Mann. Ich sage das, nicht weil ich ihn kannte. Ich gebe den Eindruck eines Lesers wieder. So wie er sich früh – er war wohl fünfzehn Jahre alt – entschied, kein Intellektueller zu werden. Seine Eltern waren es. Polyglott in einem halben bis zu einem Dutzend Sprachen parlierend. Amos Klausner entschied sich für den zionistischen Sozialismus und ging in einen Kibbuz. Er legte seinen Nachnamen, den einer berühmten Gelehrtenfamilie, ab und gab sich einen neuen: Oz. Das heißt der Starke. Das war Mitte der 50er Jahre.

Amos Klausner, 1939 als Einzelkind in Jerusalem geboren, war nicht mehr. Er hatte einen Entwurf von sich gemacht. Es war der Entwurf eines Menschen, der kein Opfer mehr sein wollte, einer, der entschlossen war, eine neue Welt aufzubauen, in der die Juden einen eigenen Staat hatten, der anders sein würde als alle anderen Staaten auf der Welt.

Mein Onkel, ein linker Sozialdemokrat, zehn Jahre älter als Amos Oz, erzählte mir oft, warum ihn Israel in den 50er und frühen 60er Jahren so fasziniert hatte. Er war mit den Falken ein paar Mal dort gewesen: „Es war eine Alternative zum Kapitalismus und zu dem, was sie im Osten Sozialismus nannten. Die Sowjetunion hasste Israel, weil man dort zeigte, dass Sozialismus, wirklicher Sozialismus, möglich war“. Die ersten Buchhonorare des Amos Oz, auch die seines internationalen Bestsellers „Mein Michael“ (1968) füllten die Kasse seines Kibbuz.

So war einmal Israel. Das ist die Welt, aus der Amos Oz kommt. Aber man darf sich das nicht so vorstellen, als sei Amos Oz ein Relikt gewesen, ein Überlebender aus den Gründerjahren des Staates Israel.

Oz war ein entschiedener Mann. Er hatte in den Kriegen von 1967 und 1973 als Panzersoldat gekämpft. Er untersuchte die Lage und bezog Stellung. Er tat das immer wieder. Er hielt fest an seinem Entschluss, kein Opfer zu sein. Die Wandlung Israels vollzog er mit. Er verließ den Kibbuz, wurde Schriftsteller und Essayist.

Er betrachtete seine Umgebung und sich. Immer beides und immer fähig, ein klares, deutliches Urteil abzugeben. Gleichzeitig aber stand er – so kommt es jedenfalls dem fernen Leser vor – immer auch neben sich, dem Entschiedenen, und stellte in Frage, was er dachte und was er tat. Amos Oz war ein entschiedener Mann, der fähig war, sich entschieden in Frage zu stellen.

Wikipedia zitiert ihn mit diesen Sätzen: „Das Konzept von Zivilisationen, die über ihren Territorien Fahnen flattern lassen, kommt mir archaisch und mörderisch vor. In der Hinsicht haben wir Juden Jahrtausende lang vorgeführt, was ich gerne als die nächste Phase der Geschichte sähe: eine Zivilisation ohne territoriale Grenzen, beziehungsweise zweihundert Zivilisationen ohne einen einzigen Nationalstaat. Aber als Jude kann ich mir solche Illusionen nicht mehr leisten. Ich habe zwei Jahrtausende ein Beispiel gegeben, doch niemand folgte.“ Das ist die unerschütterliche Klugheit, die glückliche Kombination von Utopie und Realismus, die die „Stärke“ des Amos Oz ausmachte. Dieses Beispiel gab er 79 Jahre und ich sehe niemanden, der ihm darin folgt.

Sein Werk ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Allein in Deutschland erhielt er unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und den Siegfried-Lenz-Preis. Immer wieder wurde er auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Der Literaturwissenschaftler, der als Professor im In- und Ausland lehrte, veröffentlichte mehr als 30 Bücher, darunter 15 weitere Romane sowie Essay- und Erzählbände.

Am Freitag ist der Schriftsteller und Friedensaktivist im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion