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Don Juan im freien Fall

Am Hang: Markus Werner lässt zwei Männer miteinander reden und schützt sie vor dem Leben

Von NICOLE HENNEBERG

Am Hang, so der Titel von Markus Werners siebtem Roman, kommen die Dinge leicht ins Rutschen. Zwar öffnet sich, wie hier an einem schweizerischen Berghang, ein weiter, momentweise betörend schöner, dann wieder düster verhangener Blick übers Tal bis zum gegenüberliegenden Berg. Aber sicheren Halt in dieser zerklüfteten, den Zustand der menschlichen Seele widerspiegelnden Landschaft bietet noch nicht einmal die Terrasse eines gediegenen Kurhotels. Was besonders ärgerlich ist, wenn man, wie der Erzähler, für ein ungestörtes Arbeitswochenende extra angereist ist. Schon der erste Satz offenbart nicht nur die tiefe Verwirrung des Helden, sondern legt auch das Laufwerk des Romans offen: "Alles dreht sich."

Indem der Erzähler Clarin, ein junger und smarter Fachanwalt für Scheidungsrecht, diesen Satz aufschreibt, hat er den ihm einzig erreichbaren festen Punkt bereits gefunden: die Füllfeder seines mysteriös zu Tode gekommenen Freundes, die im Ferienhaus liegen geblieben war.

Es ist fast eine Liebesgeschichte, in die Clarin auf der langweiligen Bergterrasse mit dem großen, ihm gegenübersitzenden Mann gerät; und sie trifft ihn so heftig - "wie ferngesteuert", merkt er später an -, dass er an dem Wochenende keine Minute mehr arbeiten kann. Dabei ist er eigentlich Spezialist für schnelle, heftige Liebesgeschichten, sein Ideal ist der erfüllte, sich selbst genügende Augenblick - eine Ansicht, die sein Gesprächspartner Loos (der Name wird sich später als falsch herausstellen) symptomatisch für die trostlose Gegenwart findet.

Bizarre Gewissheiten

Anfangs hält der junge Anwalt ihn mit seinen kulturpessimistischen Tiraden über Wertezerfall und geistige Orientierungslosigkeit für einen ewiggestrigen Spinner, aber immer mehr reizen den Jüngeren die bizarren Gewissheiten des Älteren, die dank ihrer Klarheit und inneren Logik einen eigenartigen Sog entwickeln, der ihn sogar den gelegentlichen Ekel vor all den negativen Extrembeispielen vergessen lässt.

Es ist eine ungeheuerliche Geschichte von leidenschaftlicher Liebe und Todessehnsucht, die sich beklemmend langsam aufrollt; und Loos könnte in seiner wütenden, aber auch grotesken und lächerlichen Verzweiflung ein Seelenverwandter von Zündel sein, der Hauptfigur aus Markus Werners erstem Roman. Beide sind pädagogisch ambitionierte Lehrer, die die Bildungsmaschine Schule hassen; beide sind untauglich für den Alltag geworden, weil sie nicht mehr bereit waren mitzuspielen.

Banalitätsverweigerung

Die Figuren in Werners frühen Romanen hatten sich der Realität fast schockartig verweigert; sie waren einen Schritt aus ihrem Leben herausgetreten und hatten sofort und vollständig den Boden unter den Füßen verloren. In den späteren Romanen klammern sich die Figuren mühsam und verbissen an den schmalen Grat zwischen Gesellschaft und seelischem Niemandsland. Das tut auch Loos, indem er sich die Wirklichkeit nach seinen Wünschen umerzählt. Zündel war daran gescheitert, dass er die Banalitäten des Alltags ernst und wörtlich zu nehmen begann, woraufhin sie sofort monströs und absurd wurden. Loos dagegen versucht, normative Vorstellung und Realität mit allen rhetorischen Mitteln zusammenzuzwingen - besonders in der Liebe.

Die rührselige, bis ins letzte Detail farbig ausgeschmückte Geschichte einer übermenschlichen Liebe, die in eine ideale Ehe mündet, macht den Frauenheld sprach- und hilflos. Um den Jüngeren, der sich offensichtlich viel geschickter und erfolgreicher in der Welt behauptet, in die Knie zu zwingen, entfaltet Loos sein ganzes polemisches Geschick.

Marcus Werner hat hier seine bisherige Personenkonstellation umgedreht: der Entwurzelte, an der Welt Zweifelnde zieht einem, der sich bisher souverän und fraglos im Leben behauptet hat, mit leidenschaftlicher Wut den Boden unter den Füßen weg. Die Wucht dieses raffiniert gebauten, seine Hemmungslosigkeit spöttisch mitbedenkenden Redestroms zieht den Leser immer unwiderruflicher in das verhängnisvoll engmaschige Beziehungsnetz zwischen zwei Paaren hinein, bis in Clarin der Verdacht entsteht, dass sein Gesprächspartner ihn in einem entscheidenden Punkt belügt.

Damit ändert sich die Gefühlssituation der Figuren von Grund auf: wechselseitige Anziehung kippt in Hass und Angst - der überzogene Furor von Loos bekommt plötzlich einen lebensbedrohlichen Unterton. Aber immer noch sitzen die beiden friedlich redend und trinkend auf der Terrasse, nichts geschieht - ein Indiz dafür, dass bei diesen Figuren Schocks kaum noch etwas bewirken, weil sie bereits Zerrissene und Gebrochene sind. Was auch immer sie erfahren, ihre Überlebensstrategien, aus unterschiedlichen, aber gleich existentiellen Nöten geboren, lassen nur noch geringfügige Akzentverschiebungen zu.

Scheinbar ereignislos

"Suspense" hat Patricia Highsmith ihre Technik genannt, die Sympathien der Leser hin- und herzuwenden und mehrere Varianten einer Geschichte über- und nebeneinander zu schieben. Ähnlich verfährt Markus Werner und zieht im letzten Kapitel die Erzählschraube nochmals ironisch an. In sich überstürzenden Sätzen wird nicht mehr von Glaube, Liebe und Hoffnung gesprochen, sondern nur noch von Gewalt und Verbrechen. Als wollte er die Leser augenzwinkernd belohnen, bei einem scheinbar ereignisarmen Buch bis zuletzt durchgehalten zu haben, "sei es in der Hoffnung oder Ahnung, das Entscheidende komme noch, sei es, weil das halb Erfahrene, das Abgebrochene und Unerledigte ungute Gefühle macht."

Seine Leser muss der Autor jedenfalls für noch zwanghafter und trostbedürftiger halten als seine Figuren; warum sonst entfaltete er zum Schluss so viel kriminalistischen Furor.

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