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Gedenktafel für Joseph Wulf an dessen ehemaligem Wohnhaus in der Berliner Isebrechtstraße 12.

Briefe

Joseph Wulf an Ernst Jünger: „Neutral bin ich allerdings nie“

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Joseph Wulf, Auschwitz-Überlebender und Holocaustforscher, im ungewöhnlichen Briefwechsel mit Ernst Jünger.

Ungleicher als Joseph Wulf und Ernst Jünger kann man sich die Partner eines Briefwechsels kaum vorstellen. Der eine war Häftling in Auschwitz, überlebte das KZ, da er bei einem Todesmarsch entflohen war. Der andere diente als Offizier der Wehrmacht und führte im besetzten Frankreich zur selben Zeit ein luxuriöses Pariser Leben. Dennoch trafen sie später aufeinander, schätzten sich, stimmten in manchen Fragen überein, in einigen wichtigen aber nicht. Joseph Wulf hatte Ende 1962 den Kontakt zu Ernst Jünger gesucht, da er ihn fragen wollte, ob er in seinem Buch über die Literatur im Dritten Reich dessen Brief aus dem Jahr 1934 an den „Völkischen Beobachter“ zitieren dürfe. Jünger habe doch sicherlich von seinen Büchern über die Nazizeit schon gehört. Der antwortet prompt zwei Tage später und stimmt zu.

Wulf war der erste, der die NS-Zeit ausführlich dokumentierte, und das in jenen Nachkriegsjahren, da alle die Vergangenheit vergessen wollten. So in „Das Dritte Reich und die Juden“ schon 1955, „Das Dritte Reich und seine Diener“, „Das Dritte Reich und seine Denker“. Es folgten unter anderem Bücher zu Heinrich Himmler, zum Warschauer Ghetto, über die Bildenden Künste, über die Musik im Dritten Reich. Nun arbeitete er an dem Band über die Literatur. In ihm will er Jünger als „Inbegriff der inneren Emigration im totalitären Staat“ darstellen, so ist in Wurfs drittem Brief der von Anja Keith und Detlev Schöttker herausgegebenen Korrespondenz zu lesen. Hellauf begeistert zeigt sich Wulf von Jünger, während der eine vornehme Reserviertheit einnimmt gegenüber dem Bombardement von Briefen. „Ich muss leider wieder stören“, so Wulf einsichtig, lädt sich dann aber quasi selbst in Jüngers Haus ein und startet zwei Monate nach dem ersten Brief seine „Pilgerreise“ von Berlin nach Wilflingen.

Ernst Jünger / Joseph Wulf: Der Briefwechsel 1962-1974. Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2019. 163 Seiten,29,80 Euro.

Dort entsteht tatsächlich ein Anflug von Freundschaft, obwohl sie wie Wulf feststellt, von Herkunft und Erfahrung so verschieden seien: Wulf, der in talmudischer Disziplin, die er seit der Kindheit in Polen kennt, mehr als zehn Stunden pro Tag wie besessen arbeitet, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Dabei beachte er stets eine rigide Objektivität und lasse daher nur Dokumente sprechen. Jünger indes verfasst seine Essays und Tagebücher mit meditativer Gelassenheit, lobt aber Wulfs Spürsinn und Fleiß, wozu er nicht fähig sei, wie auch nicht zu einer Objektivität nach dessen Erfahrungen.

„Ich bemühe mich“, schreibt Wulf, „mit all meinen Kräften objektiv zu sein, obwohl diese Objektivität ... nach meinen beiden Jahren in Auschwitz und nachdem meine ganze Familie vergast wurde, nicht leicht war. Es ist ein sehr schweres Ringen gewesen.“ Vehement fügt er hinzu: „Neutral bin ich allerdings nie.“ Er sei ein „Engagé, auch wenn klassische Historiker so etwas nicht ertragen können“. Diese verachten nämlich die Arbeiten Wulfs, vor allem, weil er Namen von Tätern und Mitläufern nennt, unter denen sich bisweilen auch eben diese Historiker befinden. So kommt es, dass seine Bücher zwar gelesen, in der wissenschaftlichen Forschung zum Nationalsozialismus aber diskreditiert werden, was Wulf schließlich in tiefe Verzweiflung stürzen wird.

Im Laufe der zwölf Jahre des Briefwechsels kommt es auch zu Zwist zwischen Jünger und Wulf. Etwa dann wenn Wulf Gottfried Benn, Martin Heidegger oder Carl Schmitt ihre Nähe zum Nationalsozialismus vorwirft, während Jünger versucht, deren Haltung erklärend zu verstehen.

Zum heiklen Disput kommt es aber, als Wulf Jünger Fragen stellt zu dessen Verhalten. „Ich bedaure, dass Sie sich jetzt ausschließlich mit Insekten beschäftigen, denn ich glaube, dass Sie nach dem zweiten Weltkrieg vieles zu sagen hätten, worauf viele vergeblich warten“, wagt Joseph Wulf zu schreiben. Auch Ernst Jünger reihe sich ein in das generelle Schweigen nach 1945, was ein Akt der Feigheit sei. Und Wulf setzt gegenüber dem einstigen Offizier der Wehrmacht noch nach: „Ich würde mich schämen, unter Hitler einige Jahre als Befehlshaber gewirkt zu haben.“ Er fragt in einem durchaus gereizten Ton weiter, wie Jünger denn heute über Hitler denke. Doch Jünger weicht als geübter Lavierer aus. Eigentlich müsste er nach diesen Angriffen den Briefwechsel aussetzen. Er gibt vor, keine Zeit zu haben, um etwas zu Hitler zu sagen und verschiebt eine Reise nach Berlin zu Wulf.

Als Beate Klarsfeld 1968 Bundeskanzler Kiesinger wegen dessen Nazivergangenheit öffentlich ohrfeigt, meint Wulf, sie habe damit viel mehr getan, „als ich mit meinen blöden 18 Büchern, denn man kann sich in Deutschland tot dokumentieren und die Massenmörder gehen weiter frei herum.“ Auch dazu will Jünger nichts weiter sagen, nur, gut heißen könne er die Tat der Klarsfeld nicht.

Doch diese Differenzen stören das freundschaftliche Verhältnis kaum. „Wir begegneten uns im Humanen“ resümiert Jünger, und als Wulfs Frau 1973 stirbt, lässt er an ihrem Grab in Jerusalem fünf Bäume pflanzen. Im Oktober 1974 trifft ein letzter Brief in Wilflingen ein, von der Sekretärin verfasst, denn Joseph Wulf hat seinem Leben ein Ende bereitet.

Der Briefwechsel ist ein erschütterndes Dokument zum Leben eines Mannes, der versucht hat, die grausamsten Jahre in der Geschichte Deutschlands den Deutschen vor Augen zu halten. Vergeblich. Nach dem Tod seiner Frau und nachdem der Verleger Wolf Jobst Siedler seine Tagebücher nicht veröffentlichen will, sieht Joseph Wulf keinen Weg mehr vor sich, um weiterzuleben.

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