Stift Zwettl in  Niederösterreich.
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Missbrauch

Josef Haslinger: „Sie waren Wesen mit zwei Gesichtern“

  • vonPetra Pluwatsch
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„Mein Fall“: Der Schriftsteller Josef Haslinger berichtet vom Missbrauch als Klosterschüler.

Mit der katholischen Kirche hat der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger schon lange abgeschlossen. Nicht bewältigt hingegen hat er bis heute, was ihm einige Vertreter eben dieser Institution in seiner Kindheit und Jugend angetan haben: Josef Haslinger, 64 Jahre alt, von 2013 bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, ist über Jahre von Patres missbraucht und misshandelt worden. In Zeitungsbeiträgen und Erzählungen versucht der Autor von „Opernball“ seitdem, seine traumatischen Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten, ohne indes die Täter beim Namen zu nennen. Geholfen hat ihm das wenig. Jetzt, mehr als 50 Jahre später, hat er ein Buch über seine Missbrauchserfahrungen als Sängerknabe am Zisterzienserkloster Stift Zwettl geschrieben: „Mein Fall“. Und diesmal redet Haslinger Klartext.

Auf knapp 140 Seiten rechnet er mit einer Institution ab, in der das Wegschauen zum Alltag gehörte und eine gewisse Schwamm-drüber-Mentalität jede ernsthafte Aufarbeitung der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen erschwerte. Jahrelang habe auch er aus Selbstschutz „eine Strategie der Verharmlosung“ gefahren, räumt Haslinger ein. „Ich wollte mir in meiner gesamten Erwachsenenzeit das Bild eines selbstbestimmten Lebens aufrechterhalten, das Fremdsteuerungen aus der einen Kindheit oder gar ein seit Jahrzehnten mitgeschlepptes Trauma schlicht nicht vorsah.“

Als Freunde ihn drängen, sich an die 2010 in Österreich gegründete „Unabhängige Opferschutzanwaltschaft“ gegen Missbrauch und Gewalt zu wenden, winkt er ab: „Ach was, ist ja ewig her. Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen – bei mir waren es halt Zisterziensermönche.“ Erst als er 2018 durch Zufall erfährt, dass Pater Gottfried, sein Hauptpeiniger und früherer Religionslehrer am Stift Zwettl, nicht mehr lebt, wendet er sich an die Opferschutzanwaltschaft und gibt zu Protokoll, was ihm widerfahren ist.

Spielzeug und Leibeigener

Josef Haslinger: Mein Fall. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2020. 140 Seiten, 16,99 Euro.

Josef, ein schmächtiger Junge mit glockenreiner Stimme, ist zehn Jahre alt, als sich Pater Gottfried Eder für ihn zu interessieren beginnt. Der 2014 verstorbene Geistliche mit dem „süßlichen“ Gehabe wird nicht der einzige Pädophile sein, der sich an dem Chorknaben vergeht. Selbst ein Musiker, der ihm das Orgelspiel beibringen soll, greift dem Kind schon während der ersten Unterrichtsstunde in den Schritt. „Spielzeug“ und „Leibeigener“ sei er für diese Männer gewesen, schreibt sich Haslinger seine „große Wut auf diese Typen“ von der Seele.

Schritt für Schritt erschleicht sich Pater Gottfried das Vertrauen des „lieben Peperl“, der neu ist an der Schule und von seinen Mitschülern gemobbt wird. „Es hat eine Weile gedauert, bis er sich die intime Annäherung traute“, erinnert sich Haslinger an die ersten Kontaktversuche des damals 29-Jährigen. „Als er merkte, dass ich es zuließ, suchte er nach Gelegenheiten, die Spielchen zu wiederholen und wenn möglich, ein wenig auszuweiten.“ Es sei ihm damals gar nicht in den Sinn gekommen, ernsthaft etwas gegen die Übergriffe zu unternehmen. „Ich hätte Angst gehabt, die Aufmerksamkeit und Zuwendung von Pater Gottfried zu verlieren. Ich sprach auch mit niemandem darüber. Ich hatte, in meiner damaligen Wahrnehmung, eine Art väterlichen Freund gefunden. Einen Erzieher, der mich nicht schlug und der sich für meine Probleme interessierte. Einen, der mich tröstete, wenn andere mich hänselten oder verdroschen.“

Sätze wie diese gehören zu den besonders beklemmenden Passagen dieses Buches. Nüchtern schildert Haslinger die Vorgehensweise des Täters, der seinem minderjährigen Opfer eine Beziehung auf Augenhöhe vorgaukelt und es so zum Komplizen und schweigenden Verbündeten seiner eigenen Gelüste macht. Er habe die Illusion gehabt, in diesem Spiel „Mitspieler“ und der Situation somit nicht gänzlich ausgeliefert zu sein. Der Vorstellung gegenüber, sexuell missbraucht zu werden, sei das die erträglichere gewesen.

Lesung

Der Autor liest am 7. Februar, 14 Uhr, im Haus am Dom in Frankfurt. Die öffentliche Veranstaltung gehört zur Tagung „Konsequenzen aus der MHG-Studie“.

Noch Jahrzehnte später greifen die Psychospiele der Täter. Bis heute identifiziere er sich in einem hohen Maße mit ihnen und sei darauf bedacht, „Ungemach von ihnen fernzuhalten“,sagt Haslinger. „Würde einer von denen, über die ich hier spreche, noch leben, ich würde ihn aus dem Bericht rauslassen. Immer noch stelle ich mir vor, wie es sein muss, den Ruf eines Kinderschänders oder den eines exzessiven Kinderverdreschers umgehängt zu bekommen.“

Dass eine solche Rücksichtnahme nicht „normal“ sein mag, ist auch dem Autor bewusst. Ein Grund dafür sei, dass die Männer ihm nur in bestimmten Situationen als Täter begegnet seien und die Erfahrungsbreite mit ihnen wesentlich größer gewesen sei. „Dass ich damals von ihnen, wie mir schien, viel Gutes erfahren habe, ist die eine Seite.“ Die andere sei „die des Missbrauchs, wodurch sie Wesen mit zwei Gesichtern waren“.

Haslingers Buch geht somit weit über eine bloße Fallschilderung hinaus. Der Autor beschreibt nicht nur das Vorgehen der Täter – er analysiert schonungslos auch das eigene, für Außenstehende oft schwer nachvollziehbare Verhalten. „Mein Fall“ ist ein Lehrstück in Sachen Täter- und-Opfer-Beziehung, das nicht nur unter Betroffenen viele Diskussionen anregen dürfte.

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