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Auf einem Backgammon-Turnier in Karlsruhe.
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Auf einem Backgammon-Turnier in Karlsruhe.

Roman

Jonathan Lethem „Anatomie eines Spielers“: Die Spielsteine sind angebrannt

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Jonathan Lethems rätselhaft misslungener Roman „Anatomie eines Spielers“.

Für jemanden, der gern mit der Sprache jongliert als seien Wörter Bälle, deren Richtung man auch mitten in der Luft bzw. im Satz noch ändern kann, nimmt Jonathan Lethem den Titel seines Romans „Anatomie eines Spielers“ ziemlich wörtlich. Es geht, erstens, um einen Spieler, er heißt Alexander Bruno und spielt Backgammon um Geld, wo auch immer man ihn dazu einlädt. Es geht, zweitens, um einen Fleck in der Mitte seines Gesichtsfeldes. Der Fleck wird hervorgerufen durch einen gutartigen, sehr großen Tumor. Den Tumor, ein Meningeom, wird ein ziemlich wilder Chirurg namens Behringer in einer viele Stunden langen Operation entfernen – „Die Neurochirurgen waren Platzhirsche, Behringer war ein Kojote“ –, während er Jimi Hendrix hört. Auf seinem iPod hat er allein von „Red House“ so um die zehn Versionen gespeichert.

Behringer ist erfolgreich, Bruno kann sich erholen – aber er ist nicht zufrieden. Seine Fähigkeit, Gedanken lesen zu können, irritiert ihn, der Tumor bzw. Fleck im Gesichtsfeld war seine „Barrikade“ dagegen. Jetzt möchte er gefälligst hinter den Augen einen Berliner Stein eingesetzt bekommen, als Ersatz. Man kann es dem Chirurgen nicht verdenken, dass er das für eine Wahnvorstellung hält, die sich noch legen muss und wird. Und dass er ein bisschen Dankbarkeit erwartet. Trotzig wird Bruno sich in einer Burger-Braterei anheuern lassen und Slider braten, mithilfe von Slidern und Zwiebelzungen auch mal ein Backgammon-Spiel ausfechten bzw. anbrennen lassen.

Nein, das muss man nicht verstehen. Und auch nicht lesen. Seitenweise Backgammon-Züge. Seitenweise Operationsdetails. Seitenweise Fleischklopswenden. Um diesen Roman interessant zu finden, muss man sich vermutlich mindestens mit einer von diesen Tätigkeiten so gut auskennen, dass man wenigstens ab und zu denkt: Ha!

Ein angelsächsischer Kritiker rät dringend, nur die erste Hälfte des Buches zu lesen. Danach werde es „höllisch“. Ein anderer gibt an, Jonathan Lethem bisher geschätzt zu haben, aber: Er möge ihn nicht mehr. Punkt.

Das Buch:

Jonathan Lethem: Anatomie eines Spielers. Roman. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Klett-Cotta 2021. 432 S., 25 Euro.

Sie heißt Madchen

Dieser Kritikerin geht es ähnlich, ist sie doch verwirrt angesichts eines Romans, der auf die kurioseste, gleichzeitig schrecklich öde Weise entgleist – und das praktisch von Seite eins an. Der, trotz entsprechender Verlagswerbung für die gerade erschienene Übersetzung, keineswegs ein Berlin-Roman ist, bloß weil Alexander Bruno in Berlin auf der Fähre nach Kladow eine junge Frau namens Madchen Abplanalp kennenlernt, dann in eine Straßenbau-Grube stürzt, wo er einen Stein mittels blutiger Fingerabdrücke zu seinem Glückswürfel macht, ehe er in die Charité eingeliefert wird.

Der auch kein Roman über einen faszinierenden Spieler und Gedankenleser ist, weil letztere Fähigkeit kaum eine und dann überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dessen Autor ebenfalls nichts daraus macht, dass Brunos Behandlung von einem alten, reich gewordenen Schulfreund, Keith Stolarsky, bezahlt wird. Warum tut Stolarsky das?, fragt sich Bruno vage – aber dann hat Lethem auch schon jedes Interesse an einer Antwort verloren. Zwar ging es ihm noch nie um eine psychologische Deutung der Handlungen seiner Figuren, aber hier bleiben sie vollends – plappernde – Schemen.

Jonathan Lethem schien schon immer einen Teil seiner Inspiration aus dem überkandidelten, spracherfinderischen, anspielungsreichen Universum Thomas Pynchons zu ziehen. In „Anatomie eines Spielers“ deuten vor allem Namen wie Madchen Abplanalp oder Garris Plybon (der Burger-Mann) auf pynchoneskes Bemühen. Aber die Sprache ist hier eben nicht kunstvoll verzwirbelt, nicht einmal originell, sondern klischeesatt, permanent auf Pop-Paraphernalia anspielend, im schlimmsten Fall ein sinn- und inhaltsleeres Geklingel. Oder wie kräht man „mit maximaler Belanglosigkeit“? Wie handelt man sich eine „verschleppte Unberührtheit“ ein? „Sie haben dir wehgetan, Baby“, sagt Madchen, die, obwohl sie kein Geld hat, irgendwie zu Bruno in die USA gekommen ist und auftaucht wie ein Nach-OP-Engel. „,Sie haben sich alle Mühe gegeben‘, sagte er blöderweise und wusste selbst nicht, wie er das meinte.“

Und wie um Himmels Willen mag Jonathan Lethem diesen Roman gemeint haben?

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