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Jonathan Lee: „Der große Fehler“ - Der rücksichtslose Zweifler

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Von: Sylvia Staude

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Kunst unter freiem Himmel: Ein Modell posiert im Central Park in New York.
Kunst unter freiem Himmel: Ein Modell posiert im Central Park in New York. © AFP

Jonathan Lees feiner Roman über Andrew Haswell Green, der einst New York bewegte und prägte.

Am 13. November 1903 wurde der 83-jährige Andrew Haswell Green von seiner Haushälterin zum Essen erwartet, als er vor seiner Haustür von einem Mann angesprochen und nach kurzem Wortwechsel erschossen wurde. Der Täter, ein gewisser Cornelius Williams, warf Green vor, eine damals recht berühmte schwarze Puffmutter und Immobilienbesitzerin namens Hannah Elias „geschützt“ zu haben. Es handelte sich offenbar um eine Verwechslung, der Name Green war in New York nicht eben selten. Vielleicht sah für Williams auch ein alter weißer Mann mit Bart aus wie der andere.

Der kuriose Mord an einem Mann, der vom Täter gar nicht gemeint war, ist für den 1981 geborenen, inzwischen in New York lebenden Engländer Jonathan Lee Ausgangspunkt für einen Roman über Andrew Haswell Green: „Der große Fehler“ („The Great Mistake“, 2021) erzählt in Rückblicken von der Zähigkeit, aber auch den Zweifeln eines Mannes, der als eines von elf Kindern in eine nicht gerade wohlhabende Familie geboren wurde. Den die Not zwang, als Verwalter einer Zuckerrohrplantage nach Trinidad zu gehen, der aber mit der Behandlung der schwarzen Arbeiter durch die britischen Plantagenbesitzer nicht einverstanden war und nach einem Jahr in die USA zurückkehrte.

Er lernte, sich durchzubeißen. Er lernte, die Selbstsicherheit vorzutäuschen, die er nicht hatte, sich nicht mehr als Hochstapler zu fühlen. Er wurde zu einem, der zwar immer noch zweifelt, aber trotzdem Dinge anschiebt und durchsetzt: New York verdankt Andrew Haswell Green die Public Library, das American Museum of Natural History, das Metropolitan Museum of Art (er kam wohl auf die Idee, reiche Kunstbesitzer bei ihrer Eitelkeit zu packen, indem er ihnen versprach, das Museum werde ihre Namen bei den gestifteten Werken groß anbringen), vor allem verdankt es ihm den Central Park.

Das Buch

Jonathan Lee: Der große Fehler. Roman. A. d. Engl. v. Werner Löcher-Lawrence. Diogenes, Zürich 2022. 368 Seiten, 25 Euro.

Jonathan Lee zeichnet dieses besondere, entschlossene Leben nicht als Heldenbild, nicht in Schwarz und Weiß, vielmehr in Grauschattierungen. Zum Beispiel die Sache mit dem Central Park. Wie Green einflussreiche Leute vor den Kopf stößt, die einen bescheideneren „Middle Park“ wollen. Wie für das Großprojekt arme Leute vertrieben werden, die auf dem Land leben und ihr Auskommen haben. Wie eine riesige künstliche „Natur“-Fläche entsteht, auf der kaum ein Quadratmeter nicht gestaltet ist. Felsen gesprengt werden, Seen angelegt, Senken trockengelegt. Alles, damit Menschen in einem von einem Mann erdachten, ersehnten Ideal, einem „reinen Hirngespinst“, Ruhe und gute Luft finden. Schon damals ging es auch um die Regeneration, die umso tüchtigeres Arbeiten ermöglichen sollte.

Der junge Green ist schüchtern, still. Lässt sich leicht verunsichern. Liebt Bücher und die schönen Künste (kann sie sich aber nicht leisten). „Seine Familie fürchtete, ihn könnte eines Tages die Katastrophe ereilen, sich dem Dichtertum zu ergeben.“ Lee deutet an, dass er homosexuell gewesen sein könnte. Zeichnet ihn als Pedanten – er muss sich zusammenreißen, sich nicht nach jedem Schnipsel Abfall zu bücken -, bald als Kompromisslosen. Die Stadt New York verdankt Green auch, dass sie einst nicht pleite ging aufgrund verbreiteter Korruption. Zwischen 1870 und 76 brachte er als Comptroller die Bücher in Ordnung. Beschnitt die öffentlichen Ausgaben so radikal, dass man ihm zu viel Strenge vorwarf. Bei Lee ist er aber auch jemand, der am Ende eines Schreibens den Punkt weglässt, nicht aus Versehen, sondern „als kleiner Akt des Widerstands“. Jonathan Lees „Der große Fehler“ ruht fest auf Fakten und tut der romanhaften Ausschmückung keineswegs zu viel. Vielmehr ist das Buch mit Finesse, Doppelbödigkeit, Diskretion, zarter Ironie geschrieben. Staunend liest man manchen Satz zwei- oder dreimal und versteht, dass man einen Schluss daraus nur selbst ziehen kann. Ist Green eigentlich sympathisch? Auch das muss die Leserin für sich entscheiden. Lee gelingt es, sich nicht auf eine Seite zu stellen. Dies bei keinem der Menschen, die mit Green zu tun haben.

Hannah Elias, die sich auch Bessie Davis nannte und die mit Abstand reichste schwarze Frau New Yorks war, tritt auf. Der verwirrte Mörder, der schließlich in eine Anstalt kam. Auch der deutschstämmige Maler Henry Mosler, der Green noch kurz vor dessen Tod porträtiert (das Gemälde befindet sich heute in der National Portrait Gallery). Und natürlich tritt Samuel J. Tilden auf, Greens engster, langjährigster Freund, der bei den Präsidentschaftswahlen von 1876 als Kandidat der Demokraten 50,9 Prozent der Stimmen erhielt und trotzdem nicht Präsident wurde: in der Wahlkommission, die über 20 umstrittene Wahlmännerstimmen entschied, hatten die Republikaner eine Stimme Mehrheit.

Die Details dazu muss man, durch Jonathan Lees Roman neugierig geworden, nachlesen. Aber es ist seine feine, zurückhaltende Menschenzeichnung, die einen neugierig macht auf die Geschichten jener, die lang vor uns kamen.

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