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Aus der Achtung für das einzelne Tier will Franzen seine Haltung gewinnen: Zugvögel über Srinagar, Kaschmir.

Jonathan Franzen

Die Leiden eines Listers

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Jonathan Franzen engagiert sich auf anschauliche und kluge Weise für bedrohte Vogelarten und literarische Gattungsvielfalt.

In seiner Berliner Zeit war der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen ein gern gesehener Gast des Kulturbetriebs. Vor kleinem und großem Publikum sprach er in bestem Deutsch über das Schreiben im Allgemeinen und seine großen Gesellschaftsromane im Besonderen. Franzen gab sich klug und beredt und wirkte dabei bisweilen derart kauzig, als sei er gerade einem Woody-Allen-Film entsprungen. Ein charmanter und nahbarer Typ, der doch immer auch das große Ganze im Blick zu haben schien.

Dabei galt der größte Teil seiner Aufmerksamkeit dem Flüchtigen und Kleinen. Wann immer es möglich war, zog es ihn hinaus ins Brandenburgische, um seinem Hobby, der Vogelbeobachtung, nachzugehen. Natürlich sprach und schrieb er auch darüber, aber man nahm es doch eher als skurriles Freizeitvergnügen eines vielbeschäftigten und gerühmten Literaten wahr.

Jonathan Franzens soeben unter dem Titel „Das Ende vom Ende der Welt“ erschienenen Essays verdanken wir den Hinweis, dass er als Vogelbeobachter zu den Listern gehört. Sie gelten als rastlose Jäger nach neuen Entdeckungen. Lister verzeichnen unbekannte Vogelarten, und der Erfolg ihrer Exkursionen bemisst sich auch an der möglichst hohen Sichtungszahl seltener Gattungsexemplare.

Der verschrobene Unterhalter, als den man Franzen in Berlin und Umgebung erleben konnte, neigt auch in seinen Essays zu Bekenntnissen. Ein Lister ist er keineswegs aus voller Überzeugung. Ein bisschen schämt er sich sogar für seinen Zwang, alles aufschreiben und eintragen zu müssen. Statt die Schönheit der Natur in all ihrer augenblicklichen Großzügigkeit zu genießen, denken die Lister bereits an die nächste Deckung, hinter der sie sich auf die Lauer legen können.

Jonathan Franzen ist bei seinen Exkursionen weit herumgekommen. In der Nacht, als Donald Trump seinen bis heute schwer zu ertragenden Wahlsieg errang, befand er sich mit seinem Bruder und einigen Freunden gerade zur Vogelbeobachtung in Ghana. Sie hatten es schlicht nicht für möglich gehalten, dass Trump gewinnen könne. Als er noch fest daran glaubte, dass Hillary Clinton es schaffen würde, entdeckte Franzen einen Hartlaub-Toko, einen Kuckucksweih und einen Düsterspecht. Kurze Zeit später mussten sich die Hobby-Ornithologen eingestehen, dass der kurzfingrige Protz, wie die Zeitschrift „Spy“ Trump getauft hatte, der nächste Präsident sein würde.

Das Beispiel verweist auf die anekdotischen Elemente in Franzens Essays, die zusammengenommen als analytischer und sehr scharfsichtiger Beitrag zur augenblicklichen Umwelt- und Klimaschutzdebatte gelesen werden können. Wobei Franzen, wie er ausführlich beschreibt, nach der Veröffentlichung eines dieser Essays allerdings in den Verdacht geriet, ein schlimmer Klimaleugner zu sein.

Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt. Essays. A. d. Engl. v. B. Abarbanell / W. Freund. Rowohlt, 256 S., 25 Euro.

Jonathan Franzen hatte es gewagt, die Umwelt-NGOs, deren Anliegen er prinzipiell unterstützte, dafür zu kritisieren, dass sie ihr gesamtes politisches Kapital in den Kampf gegen den Klimawandel investieren und dabei ganz konkreten Umwelt- und Tierschutz vernachlässigen. Besonders erzürnte Franzen die Haltung der National Audubon Society, des großen amerikanischen Vogelschutzverbandes, dessen Mitglied Franzen ist, weil dieser im Jahr 2014 den Klimawandel zur größten Gefahr für die Vogelwelt ausgerufen hatte. Der Schriftsteller kritisierte den Kampagnenton dieser Neuausrichtung des Verbandes, die zudem wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprach. Gerade Vögel gelten als besonders anpassungsfähig, und die größte Gefahr gehe noch immer von einem in vielen Ländern systematisch betriebenen Vogelfang sowie von streunenden Katzen aus.

Jonathan Franzen ist in seinen Essays also hartnäckig der Meinung, dass ganz konkret und vor Ort Vogelschutz betrieben werden müsse und dieser nicht einem ideologischen Kampf gegen einen abstrakten und in der nahen Zukunft sich ereignenden Klimatod geopfert werden solle. „Nur wenn die Natur“, so lautet einer der Kernsätze dieser Position, „als eine Ansammlung konkreter bedrohter Lebensräume begriffen wird statt als abstraktes Ding das stirbt, lässt sich die vollständige Denaturierung der Welt verhindern.“

Franzen ist in diesen Essays keineswegs nur der niedlich-kauzige und dabei doch so gewinnende Beobachter. Nachdem er für die Veröffentlichung seiner Ansichten in einen schweren Shitstorm der Klimaschutzbewegung geriet, machte er sich erst recht auf, seine Position zu erläutern und zu festigen. Die weltweite Bewegung der Klimaschützer agiere überwiegend eschatologisch, so Franzens Einwand. Sie beziehe sich auf die Letzten Dinge und argumentiere vor dem Horizont einer drohenden Apokalypse. Jonathan Franzen votiert indes für einen franziskanischen Standpunkt, in dem er aus der Anschauung und der Achtung des einzelnen Tieres eine Haltung gewinnt, die den Gattungswesen aller Art gerecht zu werden hofft.

In solch thesenartiger Verkürzung klingt das natürlich nur bedingt einladend. Tatsächlich nimmt Jonathan Franzen seine Leser aber mit auf seine Reisen nach Ägypten, Albanien, Ghana, Neuseeland und sogar in die Antarktis, um nicht nur die Vögel, sondern auch den Umgang der Menschen mit ihnen zu beobachten. Wie das faszinierende Schauspiel des Vogelzugs eine weit in die Zeit zurückreichende Erdgeschichte wachruft, so halten sich auch die Menschen wider besseres Wissen vielfach an Dinge, die sie schon immer so gemacht haben. Die oft sinnlose Jagd auf Vögel und deren meist eher unergiebiger Verzehr gehören dazu.

Jonathan Franzen klagt weniger an als dass er in weitschweifiger Fabulierlust davon erzählt. Zu seinem Engagement für den Artenschutz gehört ausdrücklich auch der Einsatz für die bedrohte Form des literarischen Essays, einer ehrlichen und subjektiven Möglichkeit zur Gewinnung von Erkenntnis. Als Schriftsteller überwindet Franzen so den Makel, ein Lister zu sein.

Und ganz nebenbei hat er wohl eines der wichtigsten Bücher über das ideologisch besetzte Kampfgebiet Klimaschutz geschrieben.

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