Blauer Himmel, weiße Wölkchen, Hüte und Ascot – ein England wie im Traum für Brexiteers.
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Roman

Jonathan Coe: „Middle England“ - Auf der unfrohen Insel

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Jonathan Coes unterhaltsamer Roman „Middle England“.

Middle England“ hat der gern, aber doch eher sanft ironische Brite Jonathan Coe einen Roman genannt, in dem er das Zerbröseln der politischen Mitte und der Kunst des Kompromisses beschreibt – und zu was dies führte: zum Brexit. Menschen, die sich abgehängt fühlten, wollten glauben, dass Großbritannien zu alter Größe finden kann, indem es seine eigenen Entscheidungen trifft. Sie wollten glauben, dass man in die Zukunft auch zurückgehen kann. Zurück zu einem pastoralen, traditionsbewussten, den Älteren vertrauten England, in dem auch die alte gesellschaftliche Ordnung wieder gilt. Frauen, auch studierte Frauen, verzichten auf eine Karriere, wenn sie Kinder bekommen. Ihre Männer steigen inzwischen auf im Job – und auf keinen Fall wird ihnen eine schwarze Frau mit einem ausländischen Namen bei der Beförderung vorgezogen.

Es ist hier die Rede von einem bestimmten Paar – Sophie, Kunsthistorikerin, und Ian, Fahrsicherheitstrainer –, das Coe Knall auf Fall verliebt sein lässt. Sie pfeifen auf ihren sehr unterschiedlichen Hintergrund und heiraten (eigentlich muss vor allem Sophie pfeifen) – und schon bald ist nicht mehr nur Ians rassistische Mutter Helena schuld daran, dass es zwischen den beiden zu Streit und Entfremdung kommt.

Was glaubt sie, fragt Ian eines Tages im April 2016 Sophie, wie wird das Referendum ausgehen? „Remain“ wahrscheinlich, tippt Sophie. Falsch, sagt Ian – und ob sie wisse, warum? Eine rhetorische Frage, es folgt die Antwort: „,Wegen Leuten wie dir‘, sagte er mit leisem Triumph.“ Leute wie Sophie, das sind in Ians Augen die „politisch Korrekten“, das sind Menschen mit „moralischem Überlegenheitsgetue“, die seiner Meinung nach dafür sorgen, dass andere „zu Opfern im eigenen Land geworden“ sind. Er zählt sich zu diesen „Opfern“, denn erhält nicht die schwarze Naheed den Posten, auf den er sich beworben hat? Unmöglich, dass sie besser ist.

Das Buch

Jonathan Coe: Middle England. Roman. Aus dem Englischen von Cathrine Hornung, Dieter Fuchs. Folio, Wien 2020. 480 S., 25 Euro.

Als „Brexit-Roman“ wird „Middle England“ hierzulande beworben, in Großbritannien erschien er bereits 2018 und wurde vor allem begrüßt als Fortsetzung von Jonathan Coes Freundescliquen-Romanen „Rotter’s Club“ (dt. „Erste Riten“, 2002) und „The Closed Circle“ (dt. „Klassentreffen“, 2006). Im Zentrum steht nun erneut Autor Benjamin Trotter, eine Figur, mit der sich Coe ein bisschen auch über sich selbst lustig macht: Tausende von Seiten hat Trotter über die Jahre geschrieben, ein Opus magnum soll es werden, bis er dem Rat seines alten Schulfreundes Charlie folgt (der inzwischen als Clown auf Kindergeburtstagen arbeitet), eine Liebesgeschichte aus seinem Textkonvolut schneidet, einen Verlag findet – und prompt für den Man Booker nominiert wird.

Charlie mit dem Gespür für Geschichten ist freilich der einzige, der nicht zur Mittelschicht gehört, der Lebensmittel heimlich bei einer Tafel holt und in seinem Auto übernachten muss. Andere, Ians miesepetrige Mutter etwa, nehmen sich nur als benachteiligt und England als „überfremdet“ wahr. Coe deutet an, wie politische PR-Leute im Hintergrund diese Unzufriedenheitsgefühle ausnutzen. Oder wie sie David Camerons Volksbefragungspläne als genial bejubeln, denn das kann doch nicht schiefgehen. Oder?

Jonathan Coe: Middle England.

Nun, es ist mächtig schiefgegangen. Jonathan Coe bemüht sich weniger um Erklärungen für den Ausgang des Referendums, als dass er die Stimmung zu beschreiben versucht in einem 2012, wegen der Olympischen Sommerspiele in London, noch einmal euphorischen, dann aber zunehmend beleidigten England. Trotters Schwester Lois (und Mutter Sophies), selbst einmal Opfer männlicher Gewalt, fühlt sich erneut traumatisiert durch die Ermordung der Labour-Abgeordneten und Remainerin Jo Cox. Journalist Doug Anderton, ein alter Freund Trotters, schreibt und schreibt gegen den Brexit und muss feststellen, dass sein Einfluss gering ist. Seine Tochter Coriander findet ihre Eltern ätzend, macht mit bei den „Studenten für Corbyn“ und wird ebenfalls ernüchtert.

„Middle England“ wirft politische Schlaglichter, aber als politischen Roman möchte man ihn nicht bezeichnen, eher als allemal unterhaltsame, so traditionell wie geschmeidig geschriebene Familien- und Freundesgeschichte. Coe lässt seine Figuren ein Unbehagen artikulieren, eine Verwirrung angesichts von Entwicklungen, die allen aus den Händen zu gleiten scheinen, selbst jenen, die sie wie Premier Cameron angestoßen haben. Sogar jemand wie die liberale Sophie versteht die Welt nicht mehr, als sie beschuldigt wird, eine Trans-Studentin durch eine Bemerkung in einer Lehrveranstaltung diskriminiert zu haben – beschuldigt noch nicht einmal von dieser Studentin selbst, sondern aus zweiter Hand von der sich für jede Ungerechtigkeit zuständig fühlenden Coriander. Die Uni beurlaubt Sophie erstmal. Und Ian scheint Recht zu bekommen.

Jonathan Coe gönnt seinen Hauptfiguren ein von Vogelzwitschern begleitetes Happy End – Benjamin Trotter und seine Schwester Lois sind freilich am Ende nach Frankreich gezogen, wo sie ein Gästehaus mit Schreibkurs eröffnen, ein Haus, in dem es ein frohes Familientreffen gibt. Coe macht nicht nur mit dieser Abwanderung deutlich, wo er in Sachen Brexit steht: Abgesehen von Fahrsicherheitstrainer Ian, und der ist ein wenig einfach gestrickt (und hat noch nicht einmal von Huxleys „Schöne neue Welt“ gehört), sind alle sympathischen Figuren Remainer. Und denen dämmert in der Sonne Frankreichs, dass es das alte England, das England ihrer Kindheit, sowieso immer nur in ihrer Vorstellung gegeben hat.

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