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Der Mensch schuf Kanadagänsen ideale Lebensräume.
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Der Mensch schuf Kanadagänsen ideale Lebensräume.

Literatur

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“: Erde, die Erde liebt

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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John Green blickt in seinen Geschichten über das Anthropozän von außen und innen auf Mensch und Planet.

Es ist nicht einfach, Kanadagänse zu lieben, findet der US-amerikanische Autor John Green. Ihr Gesang klinge wie ein Ballon, der Luft verliert. Sie neigen dazu, Menschen anzugreifen. Und wer schon einmal am Frankfurter Mainufer war, dürfte außerdem zustimmen, dass sie ihren Lebensraum nicht gerade sauber halten. Green gibt ihnen in seinem Buch „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ denn auch nur zwei von fünf Sternen auf der Bewertungsskala.

Kanadagänse waren zunächst in Nordamerika heimisch. Nachdem sie dort Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Jagd recht selten geworden waren, erholten sich die Bestände bald, auch weil der Mensch ihnen mit seinen Parks und Wasserflächen ideale Lebensräume schuf. In Europa wurden die Gänse mit Aufkommen der Landschaftsparks sogar gezielt als Ziervögel angesiedelt. Heute gilt die Kanadagans als die weltweit am häufigsten vorkommende Gans. Für Green zeigt sie, dass wir Menschen darüber entscheiden, welche Art überleben darf und welche nicht. Gleichzeitig fühlen wir uns als Einzelne machtlos: „Ich kann nicht einmal meine Kinder dazu bringen, morgens zu frühstücken.“

John Green bewertet auf einer Skale von eins bis fünf Fußballhymnen und Sonnenuntergänge

Green, der bisher vor allem als Jugendbuchautor („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“) und Youtuber bekannt war, schreibt in seiner Essaysammlung aber nicht nur über Kanadagänse, sondern über alles, was für ihn das Anthropozän charakterisiert. Das Zeitalter nämlich, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf der Erde wurde. Der Mensch ist die Spezies, der es zwar gelingt, den Planeten aufzuheizen, aber nicht, diese Zerstörung wieder zu stoppen. Dieser Widerspruch zieht sich durch das ganze Buch.

Angelehnt an Google-Bewertungen beurteilt Green nun auf einer Skala von eins bis fünf die Fußballhymne „You’ll never walk alone“, Sonnenuntergänge, den Sender CNN, seine Heimatstadt Indianapolis oder auch die (vermutlich) größte Farbkugel der Welt. Nebenbei bewertet er auch die Schriftart des Buches selbst – auch sie ist schließlich Teil des Menschenzeitalters.

John Green: Im Anthropozän gibt es nur Beteiligte

Weil es, wie er schreibt, im Anthropozän nur Beteiligte gibt, schreibt Green aus der Ich-Perspektive, das Buch ist voll von Anekdoten aus seinem Leben. Denn, so die Begründung, alle Bewertungen sind schlussendlich nur subjektive Berichte davon, wie wir eine Sache oder einen Ort erlebt haben. Wenn er überlegt, was Außerirdische wohl zum in Nordamerika absurd weit verbreiteten Zierrasen sagen würde, versucht er den Blick von außen. Im Essay über Platanen geht es hingegen kaum um die Bäume selbst, vielmehr schreibt er, wie sich eine Depression für ihn anfühlt und wie er damit umgeht.

Das Buch:

John Green: Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? A. d. Engl. v. H. Dedekind, F. Pflüger, W. Ströle, V.G. Topalova. Hanser 2021. 320 S., 22 Euro.

Während John Green Facetten des Anthropozäns und Bedeutung in fast allem findet, weigert er sich, Schmerzen und Tod als Symbol zu verwenden. Im Essay über virale Meningitis etwa geht es darum, wie Schmerzen uns an die Grenzen der Empathie bringen können. „Was Schmerzen bewirken“, zitiert Green die Literaturwissenschaftlerin Elaine Scarry, „bewirken sie zum Teil dadurch, dass man andere nicht an ihnen teilnehmen lassen kann, weil sie sich der Sprache widersetzen.“

Green beherrscht die Kunst, die Erkenntnisse anderer mit seinen eigenen Recherchen und Erlebnissen zu verbinden, ohne die Texte mit Belesenheit zu überfrachten. Er schafft daraus neue Bedeutung für sich selbst und teilt sie mit uns.

John Greens Essays ist die Corona-Pandemie anzumerken

Während ein Großteil der Geschichten auf dem Podcast „The Anthropocene Reviewed“ (so auch der englischsprachige Titel seines Buches) beruht, und damit schon vor dem Jahr 2020 entstand, ist den Essays die Corona-Pandemie anzumerken. Das Kapitel über die Pest etwa entstand wohl aus dem Bedürfnis heraus, in der Geschichte nach ähnlichen Erfahrungen zu suchen. Auf die Pest folgen Graupelschauer und Hotdogs – man muss sich auf Reihenfolge und Auswahl der Themen einlassen. Wer sich gar nicht für John Green als Mensch interessiert, für den könnte manche Episode, wie etwa die über den Hot-Dog-Laden im isländischen Reykjavik zudem etwas nichtssagend sein.

Weil die Texte außerdem aus Sicht eines US-Amerikaners geschrieben sind, sind manche, etwa der über die amerikanische Einzelhandelskette Piggly Wiggly für ein europäisches Publikum auf den ersten Blick weniger interessant. Doch John Green gelingt es, auch die europäische Leserin von der Relevanz des Themas zu überzeugen. Piggly Wiggly etwa eröffnete den ersten Laden mit Einkaufswägen – der Wagen schaffte es dann ebenfalls bis nach Europa.

John Green: „Was für ein Segen, Erde zu sein, die Erde liebt“

Die Bewertungen von eins bis fünf selbst sind für die einzelnen Themen hingegen fast überflüssig. Allerdings dienen sie Green als Mittel der Steigerung, wenn er nach mehr als hundert Seiten zum ersten Mal fünf Sterne vergibt und das mit dem Plädoyer verbindet, mehr Verletzlichkeit zu zeigen. Außerdem ist die Nutzung einer Bewertungsskala – erst im Internet-Zeitalter zum Standard geworden – für Green selbst ein Symbol für das Anthropozän.

Doch ob einer oder fünf Sterne: Eine abschließende Bewertung des Anthropozäns oder gar eine vollständige Definition liefert das Buch nicht. John Green findet das Große im Kleinen und zeigt uns, dass es sich lohnt, sich bewusst zu werden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Er reduziert uns immer wieder auf Klumpen Erde, die nach Bakterien riechen und gegen das chemische Gleichgewicht kämpfen, um uns dann wieder zu Wesen zusammenzusetzen, die zu Hoffnung und Kooperation fähig sind. Oder, wie John Green es formuliert: „Was für ein Segen, Erde zu sein, die Erde liebt.“

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