+
Wie bei guten Badminton-Spielern der Ball fliegt, so lässig sind in Romanen von John le Carré die Wortwechsel.

Neuer Whistleblower-Roman

John le Carré: „Federball“ – Der aufrechte Ed

  • schließen

John le Carré spielt elegant wie immer, diesmal ist es „Federball“: Am Dienstag erscheint sein neuer Roman.

David Cornwell, der Spion, der zum Schriftsteller John le Carré wurde, war in seinen Büchern schon immer ein wacher, bissiger Begleiter politischer Zeitläufte. Dass zwar sein jüngster, 27. Roman, der am heutigen Dienstag erscheint, mit typisch Carré’schem Understatement und dieser bestechenden, lässigen Eleganz geschrieben ist, dass er dennoch seine Figuren ungewöhnlich drastische Worte finden lässt, das zeigt, wie sehr ihn der Brexit und Donald Trump bewegen. In einem Interview mit der dpa erzählte der Brite just, er habe einen irischen, also EU-Pass beantragt, er könne das, denn eine seiner Großmütter sei Irin gewesen: „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich darüber nachgedacht, woanders zu leben.“

Sein Ich-Erzähler, der mittelalte, für seinen speziellen Beruf darum eigentlich schon allzu alte Nat ist nach Dienstjahren im Ausland – unter anderem in Moskau, Prag, Bukarest, zuletzt Tallinn – als „Quellenführer“ vor kurzem nach England, nun ja, zurückgekehrt worden. Vorerst ist er damit beschäftigt, Prue und Steff, Frau und 19-jährige Tochter, nicht zu verärgern; man ist doch das dauerhafte Zusammenleben nicht mehr gewohnt. Vorerst ist Nat außerdem damit beschäftigt, im Athleticus Club in Battersea den Vereinsvorsitzenden zu geben und Badminton zu spielen. Später wird er sich wundern, dass er es so gar nicht seltsam fand, dass ihn eines Tages ein junger Mann namens Ed herausfordert, der doch gerade erst neu eingetreten ist. Ed gibt als Beschäftigung „Rechercheur“ an, Nat geht davon aus, dass er Zeitungsartikel zusammensucht oder etwas in dieser Richtung.

Bald spielen sie regelmäßig gegeneinander, bald sitzen sie auch nach jedem Spiel beim Bier und reden. Und bald einmal offenbart sich der ernste junge Mann Nat gegenüber – obwohl an der Vereinsbar das Schild hängt: „Der Brexit muss draußen bleiben“ – als politisch sehr eindeutig positioniert: Unter Trump steuere die USA auf „institutionalisierten Rassismus und Neofaschismus“ zu, der Brexit sei „das beschissenste Chaos“, sagt er und will wissen, ob Nat ihm zustimme. Nat formuliert es dezenter, aber ja, er stimmt Ed im Prinzip zu.

Le Carré: Doppeldeutigkeit als Schachspiel

John le Carré: Federball. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, Berlin 2019. 350 S., 24 Euro.

John le Carré ist ein weiteres Mal kein Action-Autor (und warum sollte er es mit 88 noch werden?), im Vordergrund steht bei ihm das taktische, oft doppeldeutige Gespräch, das bisweilen einem Schachspiel zwischen Könnern ähneln kann: Gibst du mir eine Information, gebe ich dir eine Information. Männer in Anzügen und die eine oder andere Frau im Hosenanzug sitzen an Konferenztischen (und natürlich ist alles ganz furchtbar geheim), rangeln dezent um Status, versuchen, nichts preiszugeben, was dem Kollegen helfen könnte, ohne dass es ihnen hilft. „Federball“ ist ein schöner Titel für die deutsche Übersetzung dieses jüngsten Romans, da auch hier wieder die Wortwechsel der Protagonisten die Leichtigkeit dieses Spiels haben; dabei erscheinen sie lebensnah und unbedingt plausibel.

„Agent Running in the Field“ lautet der so nicht übersetzbare Originaltitel, Agent im Außendienst; es klingt mit „running“ an, dass der Agent durchaus auf Abwegen sein könnte. Aber welcher Spion wo und warum?

Die Spannung steigt, trotzdem passiert fast nichts in diesem Roman. Ex-Quellenführer Nat erwartet, dass der „Dienst“ keine Verwendung mehr für ihn hat – und täuscht sich. Nat spielt Federball und trinkt mit Ed. Nat skyped mit seiner Tochter, die plötzlich einen indischen Freund, einen Biologen, hat. Er gibt den Eltern des jungen Mannes gegenüber den vollendeten künftigen Schwiegervater. Dann ist er wieder mit Ed verabredet, der bringt seine leicht behinderte Schwester mit zum Doppel, Gattin Prue hat keine Zeit, so dass Nat hastig die ihm unterstellte Florence fragen muss. Da haben die Dinge aber schon begonnen, sich zu beschleunigen, hat Florence ihren Job abrupt hingeschmissen, ohne dass Nat auch nur ahnt, was der Grund dafür sein könnte.

Le Carré: Feiner Stil statt Predigten

Einmal mehr in einem Le-Carré-Roman geht es um moralische Fragen, sie sind von erheblicher Art und dem Autor ein Anliegen. Doch das klingt im Hintergrund, denn er ist keiner, der seine Figuren zu Vehikeln machen oder den Zeigefinger heben würde gegenüber der Leserin, dem Leser. Da ist er ganz fabelhafter Autor und Gentleman.

Er predigt nicht, dreht keine Locken, er bildet ab – und sein feiner Stil ist geschmeidig wie ein guter Whisky. Der Effekt bedeutet diesem Schriftsteller nichts, könnte man meinen, noch viel weniger das reine Schwarz oder Weiß. Seine Figuren, ob Geheimdienstler oder Zivilisten, sind nie überlebensgroß, dafür natürlich fehlbar. Man glaubt, sie – anders als James Bond – allemal schon bei dieser oder jener öffentlichen Gelegenheit kennengelernt und ein paar Worte mit ihnen gewechselt zu haben. Sie können wie im richtigen Leben skrupellos sein, durchaus, je nach Situation opportunistisch, aber eben auch idealistisch.

Lesen Sie auch:  Wie verändert die digitale Revolution die Bücherwelt? - ein Interview

Nat hat jahrelang seine Arbeit „für sein Land“ gemacht und glaubte daran, jetzt ist er ein wenig zynisch geworden. Da lernt er Ed kennen, der ihm zwar humorlos, dafür aber grundaufrichtig und schon fast ein wenig zu idealistisch, vielleicht naiv erscheint. Eds ganzer Name lautet übrigens Edward Shannon, das ist im diskreten Universum des John le Carré schon fast ein Wink mit dem Whistleblower-Zaunpfahl. Und dann trifft Ed auch noch auf Florence, einerseits ein Profi und Nats große Nachwuchs-Hoffnung; andererseits auch sie mit dem Bestreben, das Richtige zu tun und nicht unbedingt nur das, was ihr aufgetragen ist.

Le Carré: Man glaubt ihm jedes Wort

Gerade fiel das Wort Whistleblower, damit ist aber noch keineswegs alles verraten. Denn so schnell hier erzählt werden könnte, was es auf diesen 350 Seiten an Handlung gibt, so listig platziert der einstige Geheimdienst-Mitarbeiter Le Carré bloße Andeutungen und kleine Enthüllungen und vollzieht damit so manche überraschende Wendung.

Peter Handke: Der Nobelpreis ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte

Durchaus beunruhigend kann eine solche auch sein, da man bei diesem Autor den begründeten Verdacht haben kann, er wisse mehr als man selbst. Gerade weil er das Spektakuläre nicht braucht, einfach mal Federball spielt, glaubt man ihm jedes Wort.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion