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Philosophie

Johann Georg Hamann: Produktive Unruhe

  • VonEberhard Geisler
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Zur Genialität in der Lage: Die Edition zweier Hauptschriften legt nahe, den Philosophen, Außenseiter, Vordenker und „Windbeutel“ Johann Georg Hamann zu lesen oder wiederzulesen.

Über den Geschichtsphilosophen Giambattisa Vico notiert Goethe 1787 in Neapel: „Es ist gar schön, wenn ein Volk solch einen Ältervater besitzt; den Deutschen wird einst Hamann ein ähnlicher Kodex werden.“ Es ist höchst bemerkenswert, dass Goethe dem Werk des Schriftstellers aus Königsberg eine derart bedeutende Zukunft vorausgesagt hat, verhielt er sich doch religiösen Fragen gegenüber, ohne deren Gewicht Johann Georg Hamann (1730-1788) weder Philosophie noch Literatur hatte treiben wollen, selbst eher wie eine Art seelische Teflonpfanne, an der solche Fragen abprallen sollten.

Dass Goethe, wie denn auch anders, mit seiner gewagten Prophezeiung trotzdem ein außergewöhnliches Gespür bewies, zeigt sich an dem Umstand, dass Philosophen sowohl als auch Dichter und Dichterinnen unserer unmittelbaren Gegenwart Hamann längst ihre Reverenz erwiesen haben: etwa Paul Wühr, Anne Duden, Barbara Köhler und Ulf Stolterfoht. Der 2017 in Frankfurt gestorbene Werner Hamacher hat sich von Hamanns Wagnis faszinieren lassen, sich an eine Grenze zu begeben, an der die Möglichkeit der Lesbarkeit der Schrift und der Entschlüsselung ihres Sinns selbst auf dem Spiel stand.

Mithilfe der neuen Ausgabe zweier Schriften lässt sich bestens nachvollziehen, inwiefern Hamann als Dekonstruktivist avant la lettre verstanden werden kann. Der Autor vollzog gleichsam eine kopernikanische Wende innerhalb der Hermeneutik, indem er die Eindeutigkeit von Sinn in Frage stellte und Sinn von den wechselnden Kontexten abhängig machte, innerhalb derer die sprachlichen Zeichen verwendet werden. Er schreibt: „Die Wörter haben ihren Wert wie die Zahlen von der Stelle, wo sie stehen, und ihre Begriffe sind in ihren Bestimmungen und Verhältnissen, gleich den Münzen, nach Ort und Zeit wandelbar ... Überdem leidet jeder Satz, wenn er auch aus einem Mund und Herzen quillt, unendlich viel Nebenbegriffe, welche ihm die geben, so ihn annehmen.“ Erst heute wird allmählich klar, welche tiefen denkerischen Dimensionen Hamann erreicht hatte, während viele seiner Zeitgenossen noch kein Verständnis für ihn hatten und ihn bloß für „witzsüchtig“ oder für einen „Windbeutel“ hielten.

Beide hier abgedruckte Schriften weisen im Original einen zunächst verwirrenden Wechsel der Schrifttypen auf, und im ersten Aufzug der „Wolken“ wird die gewohnte Ordnung sogar insofern auf den Kopf gestellt, als der eigentliche Haupttext, bei dem es sich um das Zitat eines anonym publizierten Verrisses seiner „Denkwürdigkeiten“ handelt, in kleineren Buchstaben als die ebenso umfangreichen, von Hamann selbst stammenden Fußnoten erscheint.

Diese typographisch erfolgte Inversion erweist der Idee der Sekundarität allen Sinns die Ehre, die heute wohl zu den philosophischen Selbstverständlichkeiten zählt. Hamann hat nicht bloß eine Entgegnung verfasst, sondern in der Spaltung des Textes die Rede zu einem dialogischen Geschehen, und den eigenen Text immer schon zu einem Kommentar eines anderen werden lassen.

Das Buch

Johann Georg Hamann: Sokratische Denkwürdigkeiten. Wolken. Historisch-kritische Ausgabe. Meiner, Hamburg 2021. 335 S., 48 Euro.

Im Mittelpunkt steht für Hamann die Gestalt des Sokrates, für die er viel Sympathie empfindet, und in deren unbedingter Wahrheitssuche und Unabhängigkeit von akademischen Gepflogenheiten er sich selbst wiedererkennt. Mehr noch: am Beispiel von Sokrates entnimmt Hamann aus der Antike wie durch einen Zaubertrick einen völlig neuen, avantgardistisch anmutenden Werkbegriff. Dieser setzt sich nicht eine schriftliche Fixierung von Wahrheit wie eines Wertes zum Ziel, er bedarf nicht des Umlaufs und soll nicht als unverrückbar gelten. Stattdessen sucht er die gesellschaftliche Praxis. „Sokrates wurde aber kein Autor, und hierin handelte er übereinstimmig mit sich selbst. Seine Philosophie schickte sich für jeden Ort und zu jedem Fall. Der Markt, das Feld, ein Gastmahl, das Gefängnis waren seine Schulen; und das erste das beste Quodlibet des menschlichen Lebens und gesellschaftlichen Umganges diente ihm, den Samen der Wahrheit auszustreuen.“

Die Schrift „Wolken“ ist ein sehr dichter Text voller mythologischer und sonstiger Anspielungen. Herausgeber Leonard Keidel und Herausgeberin Janina Reibold – letztere hatte bereits eine vorzügliche Neuedition von Hamanns enigmatischem, aber hochbedeutendem „Fliegendem Brief“ (2018) besorgt – charakterisieren gut das Verfahren des Autors sowie die Schreiblust, die er dabei empfunden haben dürfte, indem sie den Text bezeichnen als „ein Spiel mit den Zeichen, in dem die Begriffe des angreifenden Rationalisten (eines gewissen Christian Ziegra), der mit den Karten seines Konkurrenten gespielt hat, erneut gemischt werden.“

Dank dieser Neuerscheinung sollte weiter die Erkenntnis reifen, dass es Hamann in seinem historischen Augenblick möglich gewesen war, ein Werk zu schaffen, das zwar der Dekonstruktion vorausgreift, sie aber nicht in jene bleiche Sinnleere münden lässt, die für neuere Vertreter dieser Denkrichtung oftmals der einzige Bescheid ist, zu dem sie sich noch bereitfinden mögen.

Tatsächlich ist nicht zu übersehen, dass Hamanns so moderne Idee der Sekundarität allen Sinns ihren Ursprung in einer emsigen Bibellektüre genommen hatte, die er in den „Londoner Schriften“, seinem ersten Buch, dokumentierte. Bei ihm war die Schrift in eine Art produktiver Unruhe geraten, in der vieles, was der kirchlichen Orthodoxie fraglos erschienen war, erschüttert werden musste, damit, was diese gemeint haben mochte, deutlicher entfaltet werden konnte.

Dieser Nexus macht uns Hamann heute vielleicht fremd, aber die Genialität, zu der er in der Lage gewesen war, sollte als dringende Einladung aufgefasst werden, uns wieder seinem exzentrischen, erratisch in der deutschen Geistesgeschichte aufragenden Werk zuzuwenden.

Die Lektüre der „Denkwürdigkeiten“ und „Wolken“ ist nicht gerade einfach, aber sie wird durch die informativen Kommentare von Keidel und Reibold in die richtigen Bahnen gelenkt und erleichtert. Dazu kommt, dass die Ausgabe auch äußerlich sehr schön gemacht ist und damit Hamanns Forderung entspricht, dass Geist sinnlich erfahrbar sein soll. Da sollte man sich selbst die Anschaffung wert sein.

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