Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das Fotobuch

Jörg Paul Jankas "Arbeiterzeichnungen"

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Vor der Eisenzeit war die Kreidezeit, aber irgendwann kam sie wieder. Da kochten also die Hochöfen des Ruhrgebiets im industriellen Herzen Europas hundert

Vor der Eisenzeit war die Kreidezeit, aber irgendwann kam sie wieder. Da kochten also die Hochöfen des Ruhrgebiets im industriellen Herzen Europas hundert Jahre lang für die industrielle Revolution, aber ohne die Kreide kam niemand aus. Der Künstler Jörg Paul Janka entdeckte viele hundert abgelichtete Inschriften und Bezeichnungen auf den archivierten Industriefotos des Essener Ruhrland-Museums. Auf den ersten Blick geheimnisvoll, stets aber streng codiert und für die einstigen Empfänger ihrer Mitteilungen eindeutig dechiffrierbar. Janka nennt sie in einer Art von lakonischem Euphemismus "Arbeiterzeichnungen" und versammelt sie nun in einem Fotobuch, das niemanden enttäuscht, der sich im Laden der Aufforderung des schönen Titels widersetzt: Liegen lassen.

Natürlich ist auch das der Wortlaut eines solchen Fundstücks, angebracht auf einem Objekt, das auf dem entsprechenden Foto eher an eine Miro-Skulptur erinnert als an ein Produkt der Stahlindustrie. Ihren Sockel hat eine unbekannte Hand zusätzlich weiß schraffiert, und der Karoanzug steht ihr vorzüglich, wie eben Schwergewichte gern die leichten Muster wählen.

Zeichnerische Mittel wie die Schraffur auf einem dreidimensionalen Objekt zu sehen, ist eine ästhetische Irritation, die sich in mancher kunsthistorischen Assoziation auflösen lässt. Es gibt veritable Werke der arte povera in diesem Buch zu sehen, manchen Beuys, und vielleicht auch einen Robert Wilson. Unser Bild zeigt übrigens einen unechten Eduardo Chillida. Und wer je vor Richard Serras unbeliebtem Koloss vor dem Bochumer Hauptbahnhof gestanden hat, der weiß, dass die Menschen im Revier noch immer wissen, wie man sich zeichnerisch einer stählernen Masse bemächtigen kann. "Arbeiterzeichnungen", das erinnert natürlich auch an die vergessenen Utopien einer Kunst "von unten" oder an Max Imdahls Kunstgeschichtsdebatten in Fabriken. Dem verstorbenen Bochumer Kunstphilosophen und Freund beseelter Abstraktion hätte dieses Buch gewiss gefallen. Das Erstaunliche und Unsentimental-Anrührende daran ist seine Suche nach menschlichen Relikten in einer Arbeitswelt, die auf den fragmentarischen Schwarzweiß-Vergrößerungen alles andere als uniform erscheint. Eher wie ein Beuys'scher Wald aus Schiefertafeln. Jörg Paul Janka, der auch als Mitherausgeber der Zeitschrift für visuelle Fundstücke Ohio bekannt ist, meint es übrigens ernst mit der Kunst fürs Volk. Sonst wäre sein in der kostbar-kleinen Auflage von 500 Stück erschienenes Buch nicht für nur 28 Euro zu haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare