Jörg Fauser, Dubrovnik, 1986.

Literatur

Unser Mann in den Spelunken: Die Wiederentdeckung des Autors Jörg Fauser

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Literatur, echtes Leben: In ein paar Tagen wäre der Schriftsteller und empfindsame Weltwahrnehmer Jörg Fauser 75 geworden.

Er starb wie eine seiner Figuren. Am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, wurde der Schriftsteller Jörg Fauser als Fußgänger auf der A 94 bei München von einem Lkw erfasst. Die Umstände, heißt es bei Wikipedia, blieben ungeklärt.

Aber sie ließen Raum für Spekulationen, wie sie der Schriftstellerkollege Michael Köhlmeier anlässlich einer Rede bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013 in Klagenfurt befeuert hat. Demnach sei Fauser womöglich aus einem fahrenden Auto gestoßen worden. Der Tod des Dichters als mörderischer Komplott? Der Mann, der in seiner Romanfigur Harry Gelb einen gefährdeten Agenten erschaffen hatte, wäre demnach in einen Hinterhalt geraten, weil er, Fauser, über die Verbindungen des Drogenmilieus in die Politik recherchierte. Hatte er auf verhängnisvolle Weise zu viel herausgefunden?

Wer derart über Jörg Fauser spricht, sitzt bereits in der Falle, und doch wiederholt es sich seit einiger Zeit zu den runden Geburtstagen des früh Verstorbenen. Angesichts der Faszination über sein gefährliches Leben laufen die meist lobpreisenden Einlassungen nicht selten darauf hinaus, sein Schreiben als Nebenprodukt seiner Rastlosigkeit zu betrachten, die ihn immer wieder in die sozialen Randzonen getrieben hat. Unser Mann in den Spelunken. In Fausers Texte greift man dabei hinein wie in eine literarische Wundertüte, in der sein direkter, auf Gelegenheiten lauernder schriftstellerischer Zugriff kaum von der ihm nachgesagten Lebensweise zu trennen war, die sich an Wild- und Rohheit tagtäglich zu überbieten schien.

Den Stoff dafür lieferte er bereitwillig selbst, wenn er etwa Auskunft darüber gab, dass Ex-Junkies wie er ungleich viel mehr Alkohol vertragen können als gewöhnliche Trinker. Und während die Nachmittage anderer Schriftsteller belanglos oder zumindest gleichmäßig verliefen, ließ Fauser, so das vielfach variierte Klischee, sich hineinfallen in die Abgründe, um mit ruppigen Geschichten wieder daraus hervorzukommen. Wer auf die Gier und Verausgabungslust des Autors zu sprechen kommt, schaut dabei in kühler Abgeklärtheit zu, als habe er das authentische Versprechen, das Fauser erst recht nach seinem Tod in Aussicht zu stellen schien, in den eigenen Erfahrungshaushalt einverleibt.

So jedenfalls lesen sich die Hommagen zu den Jahrestagen, zu denen die Sängerin und Schriftstellerin Christiane Rösinger bereits 2004 im Berliner „Tagesspiegel“ einen begründeten Verdacht anmeldete. „Jörg Fauser wurde so zum Kultautor der Männer, die Jörg Fauser lasen, weil er männliche Instinkte pries, weil er seine Leser seine Bad-Boy-Radikalität miterleben ließ, sie am Mut zum Risiko, den sie bei sich selbst vermissten, teilhaben ließ. Jörg Fauser schrieb ganz einfach Männerromane.“ 

Seine Essays, in denen er über die Ausflüge in die längst untergegangene Welt der Underdogs berichtete, präsentierte Fauser oft in einer Art lyrischem Stakkato. Zum Beispiel in dem Stück „Hamlet oder Der Frankfort State of Mind“ in dem Band „Blues für Blondinen. Essays zur populären Kultur“ aus dem Jahre 1984, in dem er den Frankfurter Szenetreff „Traube“ beschreibt. „Da hockten sie also alle zusammen und lurchten und häuteten sich, Alkis und Junkies, Drücker und Gedrückte, Wetzer und Gewetzte, Portokassenjünglinge auf dem Gewalttrip und Stenogirls als ‚Belles des Nuits‘, verkannte Folk-Sänger, verlauste Stink-Finger ... .“ Die Aufzählung geht noch eine ganze Weile so weiter, und es scheint, als könne und wolle Fauser sich nicht entscheiden zwischen Wortwitz und dokumentarischer Vollständigkeit.

Jörg Fauser, ein empfindsamer Dichter

Fauser, ein Schriftsteller also für die wilden Kerle und solche, die es werden wollen? So fragte es sich auch die damalige FR-Literaturkritikerin Ina Hartwig anlässlich des 65. Fauser-Geburtstages vor zehn Jahren (zu dem der Berliner Alexander Verlag einen schönen Band mit Reportagen und Kolumnen herausgebracht hatte).

Und während die Männer, die Christiane Rösinger im Blick hatte, darin mühelos finden konnten, wonach sie gesucht hatten, stieß Hartwig hinter dem vielfach kolportierten Bild auf einen empfindsamen Dichter. „Schon zu Lebzeiten galt der Lyriker, Romanautor und Journalist als hochoffizieller Geheimtipp“, schrieb Hartwig in der FR – „und als heiliger Trinker, genau wie sein großes Idol Joseph Roth, für den Fauser eine berührende, in diesen Band aufgenommene Hommage verfasst hat. Was der Leserin jedoch vor allem auffällt: Hier schreibt kein harter Kerl, sondern ein zarter Mann.“ 

So schön, gewitzt, klug etc. seine Texte über Hans Frick, Günter Eich oder Charles Bukowski auch sein mögen, so Hartwig, überwältigend seien die Texte über Frauen. Über Cathérine Deneuve zum Beispiel, über die Fauser schreibt: „Wenn Kipling die Bürde des weißen Mannes besang, dann verkörpert die Deneuve die Bürde der weißen Frau, genauer, der weißen Königin. Denn ob sie nun eine Hure spielt oder eine Heilige, eine Besessene oder eine Gedemütigte, eine Kriminelle oder ein Opfer, immer spielt sie auch eine Königin, eine Königin der Lust, der Demut und der Kälte, eine Königin des Westens.“ 

Ina Hartwig regte in ihrer Kritik dazu an, Fauser als radikalen Emphatiker zu lesen. „Er fühlte zutiefst, was war und was verloren ist – das trieb ihn an. Sein Herz war irgendwann angeknackst und blieb dennoch groß. Ihn lesend wünscht man sich, die heute so gern zur Schwärmerei und Schadenfreude neigende Literaturkritik dürfte noch einmal von vorn anfangen.“ 

Jörg Fauser, 1944 in Bad Schwalbach geboren, hätte am 16. Juli seinen 75. Geburtstag gehabt. Bei Diogenes ist soeben eine Neuausgabe des Romans „Rohstoff“ erschienen, versehen mit Nachworten von Michael Köhlmeier und Matthias Penzel.

Hartwig spielt damit auf die schwere Kränkung an, die Jörg Fauser beim Vorlesewettbewerb in Klagenfurt erlitten hatte, von der Köhlmeier in seiner Rede ausführlich berichtet, obwohl er seine Bemerkungen aus rhetorischen Gründen in einen gerafften Konjunktiv taucht. „Ich hätte Ihnen erzählt, wie er vor dem Klagenfurter Literaturgerichtshof aufgetreten – und von den Richtern verrissen worden war wie kein anderer vor ihm und kein anderer nach ihm; und dass der Verriss in Wahrheit gar nicht seinen Text, sondern seine Person gemeint hatte. An dieser Stelle, meine Damen und Herren, hätte ich eine Pause gelassen, hätte Luft geholt und mit ihr meinen alten Zorn. Ich hätte mich daran erinnert, wie Jörg Fauser im Publikumsstudio des Funkhauses in Klagenfurt der Literaturkritik in ihrer hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt begegnet war. Ich hätte wieder und wieder behauptet, Fauser wäre verrissen worden, egal, was er gelesen hätte, denn die Richter hätten ihm nicht verzeihen können, wie er war. Aus seinen Blicken, aus seinen Gesten – wie er zum Podium ging, jeden Schritt wie ein Statement setzend, während die Richter ungeduldig wurden, wie er auf der Anklagebank Platz nahm, wie er unter halb geschlossenen Lidern vor sich ins Leere blickte – aus all dem, so hätte ich mich erinnert und hätte Ihnen davon erzählt, war zu lesen: Ich brauche euch nicht. An mir gibt es für euch nichts zu entdecken. Ihr könnt euch nicht zu meinen Mentoren aufwerfen. Ich fürchte mich vor euch nicht, ich respektiere euch nicht, ich gebe euch ins nichts nach.“

Ungeschützt traf Jörg Fauser das Debakel von Klagenfurt

Die Ablehnung des Betriebs scheint Fauser schwer getroffen zu haben. War er denn tatsächlich ungeschützt nach Klagenfurt gereist in der Annahme eines einzigartigen Triumphes? Man muss sich nur wenige Fernsehausschnitte aus den Klagenfurt-Lesungen jener Jahre anschauen, um zu erkennen, wie sehr Fauser sich habituell von der Jury und den anderen Autoren unterschied. Mehr noch als das Schmuddelkind seiner Branche war er der Vertreter eines Kulturmilieus, das erst ganz langsam eine Idee von sich selbst als Alternativ- und Gegenkultur entwickelte.

Aber es war keine Aufbruchsidee, vielmehr entsprang sie aus einer Gefühlslage des Zorns und einer tief verwurzelten Staatsfeindschaft. Zugleich aber war es Fauser zuwider, als Teil einer Kohorte Gleichgesinnter angesehen zu werden. Klagenfurt bestätigte Fauser also letztlich in seiner Außenseiterrolle, und Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki verfügten noch nicht über eine später geradezu selbstverständlich ausagierte Liberalität, die scharfe Gegensätze im tiefen Netz kultureller Gelassenheit verstaut. Aber wie exzessiv Fauser auch leben mochte, so sehr geht aus beinahe jedem seiner Texte die Anstrengung einer stilistischen Kernerarbeit hervor. Irgendwann muss er dem intensiven Leben wohl doch die Zeit zum Schreiben abgetrotzt haben.

Das geht auch aus vielen Bemerkungen über das Schreiben hervor. In seinem Nachwort zum nun beim Diogenes-Verlag wieder neu aufgelegten Roman „Rohstoff“ zitiert Michael Köhlmeier ihn mit einem emphatischen Bekenntnis, als handele es sich um eine Art Vermächtnis: „Wir sind dazu da, um zu schreiben. Zu nichts anderem.“ Und an einer Stelle seines letzten, Fragment gebliebenen Romans „Tournee“ heißt es: „Schreiben war gut. Besser als die Gemeinschaft mit Menschen war, über sie zu schreiben und dann nicht an ihnen haften zu bleiben, sondern weiterzuhüpfen wie die Kugel im Roulettekessel, sieben, ätsch, dreiundzwanzig, ätsch, siebzehn, money.“

Schreiben als Medium der Distanzierung und Vermeidung von Bindung, aber auch als Weg, den Zustand des eigenen Ausgeliefertseins zu beobachten. Die Gemeinschaft der Verlierer und Außenseiter suchte Fauser nicht als Heimstatt. Vielmehr erkannte er in ihr die Möglichkeit, in der existenziellen Einsamkeit die Sinne zu schärfen.

Wer Fauser zum Schutzheiligen des echten Lebens verkläre, hatte Andreas Rosenfelder, inzwischen Feuilletonchef der „Welt“, 2009 in der FAZ geschrieben, nur weil er oft in Bahnhofskneipen herumsaß, der übersehe, wie sehr dieser Mann literarischen Gespenstern nachjagte. Die Spur der literarischen Ehrbezeugungen gegenüber Helden der Literaturgeschichte wie Ernest Hemingway, Jack Kerouac und anderen sei lang. Aber es entstehe auch der Eindruck, so Rosenfelder, „dass er ihnen fast verzweifelt hinterherschrieb und hinterherlebte. Wenn Bukowski die Pferderennbahn im kalifornischen Inglewood besuchte, ging Fauser halt auf die Trabrennbahn Berlin-Mariendorf – und so wie Hunter S. Thompson 1972 den Präsidentschaftskandidaten George McGovern durch die Mehrzweckhallen von Milwaukee begleitete, folgt Fauser 1985 dem jungen Gerhard Schröder vor der Landtagswahl in den „Gasthof Wente in Melle bei Osnabrück“.

Jörg Fauser war ein empfindsamer Weltwahrnehmer

An der Bemerkung Rosenfelders lässt sich zeigen, wie leichtfertig der Literaturkritiker eine richtige Beobachtung für eine plakative Behauptung zu opfern bereit ist. Jörg Fauser hatte eine ausgeprägte Ahnung davon, dass die amerikanische Urbanität und Weite in vielem der hiesigen Provinzialität gleicht. Und er wusste nur zu gut, dass das soziale Elend, das Kerouac in „On the Road“ durchschritt, nicht schon dadurch veredelt war, weil es sich an welthaltig klingenden Orten abspielte.

Fausers Reportage über die Trabrennbahn Mariendorf, auf den Rosenfelder anspielt, handelt denn auch allenfalls am Rande von der Lust des waghalsigen Zockers, seine Existenz mit Pferdewetten herauszufordern. Er besuchte die Rennbahn im Berliner Südwesten – und übrigens auch die Galopprennbahn Hoppegarten (DDR) – ja nicht nur, um mit kühlen Entscheidungen auf dem Wettzettel an der Hitze des Renngeschehens teilzuhaben.

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Wer genau hinschaut, findet in Fauser einen empfindsamen Weltwahrnehmer, der dazu bereit ist, einen unschuldigen, nicht vom Begehren bestimmten Blick auf junge Pferdepflegerinnen zu richten, die in der Morgenarbeit mit den Rennpferden mit sich im Reinen ist. Wie von selbst geht Mariendorf für Fauser dabei über in eine amerikanische Vorstellungswelt. Früh am Morgen scheint der Dichter für Verklärung empfänglich. „Drüben kommen sie in einer Reihe aus dem Nebel am Tribünenbogen wie in einem dieser Filme über El Cid die lange Gerade herunter, acht neun Hengste, schnaubend und tänzelnd, ein schwarzes, braunes, graues Flimmern, die Luft zittert zwischen ihren Flanken, das ist ja Wahnsinn, denkst Du, dieser Mythos kommt direkt auf Dich zu, und Du stehst da und reibst Dir Deinen Brummschädel, bis Du die Wagen siehst, die Trainer mit ihren Zigarrenstummeln im Maul und die Stallmädchen mit wehenden Haaren.“

Obwohl die Rennbahn gemeinhin als urbane Sammelstelle für Kleinkriminelle, Hasardeure und versprengte Sinnsucher angesehen wird, scheint Fauser sich hier geradezu nach einer soliden Spießigkeit zu sehnen. „Mariendorf liegt ja mitten in Berlin, und heute Abend wirst Du wieder drüben im Tribünenhaus sitzen an Deinem Tisch oder bei den Rentnern, die nach 30 Jahren immer noch zweifeln, ob Risiko lohnt, und bei den Metzgermeistern mit den dicken Geldbündeln und den Witwen, an deren Tischen die Geister ihrer toten Männer spielen, bei all den armen Schweinen, die sich in diesen Stunden endlich erleben. Du kennst sie gut. Du gehörst dazu.“

Aber natürlich wusste er, dass er wohl nie so ganz dazu gehören würde. Die Rennbahn ist offen für Sonderlinge aller Art, aber letztlich bleibt auch dort jeder für sich. „Was soll man jetzt spielen?“, fragt sich der Pferdewetter Fauser dann: „Das sind ja lauter zweijährige, sieglose Pferde, da ist alles möglich. Kwiet? Jauß? Sternberg?“ Jörg Fauser wird sich schließlich wohl für alle drei entschieden haben, wenn auch nicht im selben Rennen. Während seiner Zeit als Autor des Berliner Stadtmagazins „Tip“ kam er ganz regelmäßig zu den Rennen, und die Trabertrainer Peter Kwiet, Gottlieb Jauß und Burkhard Sternberg waren vorübergehend seine Helden. Als Meister ihres seltsamen Faches beherrschten sie damals die Berliner Trabrennsportszene, die Fauser so liebte, weil ihre Normalität eine ganz andere zu sein schien. Sollte es hier etwa zu finden sein, das gewöhnliche Leben?

Einer der drei – Gottlieb Jauß – starb beinahe wie Jörg Fauser. Er verunglückte 1999 auf dem Rückweg aus einer Disco im Brandenburgischen mit dem Auto tödlich. Und Burkhard Sternberg und Peter Kwiet? Sie schauen noch immer an jedem Renntag den Pferden hinterher, die sie aus Altersgründen nicht mehr selbst steuern. Und dass sie durch Fauser – ja doch – in die Literaturgeschichte eingegangen sind, ahnen sie nicht einmal. Pferderennen ist auch Leiden, hatte Fauser im seinem Essay am Rande seines aufregenden Gesamtwerkes geschrieben, um den Eindruck zu zerstreuen, hier gehe es um eine gesellschaftliche Belanglosigkeit. Und niemand wusste es wohl besser als der Außenseiter Fauser, dass langfristig nicht sinnvoll ist, auf der Rennbahn auf Außenseiter zu setzen.

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