Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Joe Biden, damals Vize-Präsident. mit seinen Söhnen Hunter (l.) und Beau.
+
Joe Biden, damals Vize-Präsident. mit seinen Söhnen Hunter (l.) und Beau.

„Versprich es mir“

Joe Biden als Autor: Über den Tod seines Sohnes und den amerikanischen Traum

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Joe Bidens Buch „Versprich es mir“ erzählt vom Tod seines Sohnes Beau und von einem anderen amerikanischen Traum, als den, den Trump und seine Anhänger träumen.

  • Joe Bidens Buch „Versprich es mir – Hoffnung am Rande des Abgrunds“ ist 2017 erschienen.
  • Darin schildert er die Arbeit als Vizepräsident unter Barack Obama sowie den Tod seines Sohnes.
  • US-Wahl 2020: Alle News im Überblick.

Gerade ist „Versprich es mir – Hoffnung am Rande des Abgrunds“ erschienen. Als Autor zeichnet Joseph Robinette II, bekannt als Joe Biden. Das Buch erschien 2017 in den USA, war dort ein Bestseller. Es ist hervorragend geschrieben – ich wünschte mir, Bidens Ghostwriter wäre meiner. Wie er die Schilderung seiner Arbeit als Vizepräsident der USA verbindet mit der des Sterbens seines 46-jährigen Sohnes, das ist unfassbar mitreißend geschrieben.

Joe Biden: Die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Einfühlung in die Trauer

Vor vielen Jahren brachten die Republikaner, die als Geld raffende Spezies verschrien waren, den Begriff des compassionate Republican auf. Gewissermaßen als Berufsbezeichnung. Widerlich. Mir dämmert jetzt, dass das womöglich als Anti-Biden-Strategie gedacht war. Die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Einfühlung in die Trauer der anderen steht im Zentrum von Bidens Buch. Sie wird nicht als Naturbegabung dargestellt, sondern als Ergebnisse eigener Trauererfahrung.

Der 1942 geborene Joe Biden wurde mit 29 Jahren Senator von Delaware. Er hatte gerade die Wahl gewonnen, da starben seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall. Die beiden Söhne, die ebenfalls in dem Wagen saßen, überlebten. Er wurde am Krankenbett eines seiner Söhne zum Senator vereidigt.

Joe Biden: Über den Tod seines Sohnes

Ganz Amerika kennt diese Geschichte. Ganz Amerika kennt auch die Geschichte dieses Buches. Joe Bidens Sohn Joseph Robinette III, genannt Beau, ein Mann, der seinem Vater als Gouverneur von Delaware nachfolgen wollte, starb 2015 einen langen grausamen Tod an einem Hirntumor. Der Vater war Vizepräsident und wollte kandidieren für die Nachfolge Barack Obamas. Während er seinem Sohn beim Sterben zusah. Das hört sich hart an. Das ist es wohl auch. Das Buch möchte deutlich machen, dass es nicht Herzlosigkeit ist, die es Biden ermöglichte zu funktionieren, sondern eher das Gegenteil. Das Schicksal wird angenommen. Demütig, aber nicht entmutigt. Man arbeitet, tut etwas, nimmt den Kampf noch einmal auf.

Das Buch

Joe Biden: Versprich es mir. Über Hoffnung am Rande des Abgrunds. Dt. von H. Dedekind/F. Pflüger. Beck 2020. 250 S., 22 Euro.

Donald Trump kann nur als Sieger vor sich bestehen. In allen Schlachten ungeschlagen – das ist die einzige für ihn denkbare Daseinsform. Ist er pleite, dann erklärt er: „Schuldest du der Bank eine Million, hast du ein Problem, schuldest du ihr einhundert Millionen hat sie ein Problem.“ Das ist seine Devise, seine Politik. So lebt er. So läuft er von Sieg zu Sieg in immer größere Katastrophen, zieht immer mehr Menschen mit sich in den Untergang. Es sind Menschen, die beim Siegen dabei sein wollen. Und nur dabei. Viele von ihnen haben zu viele Niederlagen erlebt. Sie wollen endlich Sieger sein. Anderen geht es wie Trump. Sie wollen nichts wissen von Niederlagen. Sie haben sie nie erfahren, ganz gleich, wie viele ihnen bereitet wurden. Sie überleben nur, wenn sie die Sieger sind – wenigstens in ihren eigenen Augen. Das ist die einzige Wirklichkeit, in der sie leben können. Das ist, sagen wir gerne, der amerikanische Traum von einem Mann: Superman.

„Versprich es mir“ von Joe Biden: Der andere Truam vom amerikanischen Helden

Joe Biden aber ist Rocky. Der liegt am Boden, steht wieder auf, arbeitet hart und am Ende besiegt er seine Widersacher. Das kann er nur, weil er auch sich selbst besiegt. Er lässt sich nicht niederdrücken vom Gefühl, ein Versager zu sein. Rocky begreift, dass das Versagen dazu gehört. Er hat die Erfahrung, dass es ihn stark macht. Rocky teilt die Welt nicht ein in Siegertypen und Versager. Er weiß, dass es darauf ankommt, in beidem gut zu sein. Man darf sich nicht überwältigen lassen vom Gefühl der Unbesiegbarkeit und nicht versacken in Selbstmitleid. Man darf sich nicht aufgeben. Rocky ist der andere Traum vom amerikanischen Helden.

Superman und Rocky sind Gestalten der Mythologie der USA. Donald Trump und Joe Biden dagegen sind reale amerikanische Männer. Man muss sich in Acht nehmen, die Mythologisierung nicht zu weit zu treiben. Aber wir alle wissen: Politiker werden nicht wegen ihrer großartigen Wahlprogramme gewählt. Auch nicht wegen ihrer Fähigkeiten oder gar ihres Aussehens – ja warum denn, fragen Sie? Barack Obama behauptet, Politiker werden wegen der Geschichten gewählt, die sie erzählen oder darstellen. So gesehen ist es interessant, dass der ewige Sieger, der den Unverletzlichen gibt, jetzt verloren hat gegen einen Schmerzensmann.

Joe Biden: „Die Kraft geben, mit dieser Sache fertig zu werden“

In einem mit „Trost“ überschriebenen Kapitel seines Buches, der Geschichte also, die er von sich erzählt, zeigt sich Joe Biden als einer, der weiß, wie man Trost spendet. Denn, heißt es da, er habe selbst erfahren, wie sehr man auf Trost angewiesen sein könne. Er druckt Auszüge aus solchen Trostreden ab. Er weiß, dass es Zeit braucht, Trost zu spenden und Trost zu erfahren, und die Zeit nicht alles heilt. Aber er wiederholt gerne eine Erfahrung, die er selbst gemacht hat: Am Anfang, so erklärt er, kommen einem die Tränen, wenn man daran denkt, wie es war, mit dem, mit der Verstorbenen zu leben. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem man erst einmal lächelt, bevor man wieder anfängt zu weinen.

Als Joe Biden in einem Krankenhaus von dem tödlichen Charakter der Krankheit seines Sohnes erfährt, greift er nach seinem Rosenkranz und bittet Gott darum, ihm „die Kraft zu geben, mit dieser Sache fertig zu werden“. Mir Ungläubigem kommt es aberwitzig vor, den allmächtigen Gott, wenn man schon an ihn glaubt, nicht um die Rettung des Sohnes zu bitten. Aber für den gläubigen Katholiken ist der Tod des Sohnes Gottes Entscheidung, also zu akzeptieren. Kein Wunder ist zu fordern, sondern Hilfe für die Überlebenden.

Joe Biden: „Die Regeln des Glücks: Tu etwas, liebe jemanden, hoffe auf etwas.“

Joe Biden hat seinem Buch ein Kant-Zitat vorangestellt: „Die Regeln des Glücks: Tu etwas, liebe jemanden, hoffe auf etwas.“ Wer jetzt ergriffen ist, ist es zu Recht. Wer aber unter „Zitatforschung“ nachschlägt (auf der Netzseite falschzitate.blogspot.com), der liest: „Diese beliebten Regeln des Glücks stammen von dem amerikanischen Geistlichen George Washington Burnap und werden Immanuel Kant seit ungefähr 40 Jahren auf Englisch und seit kaum zehn Jahren auf Deutsch untergeschoben.“ Burnap veröffentlichte, so entnehme ich „Zitatforschung“, seine Regel 1848 in seinem in Pittsburgh erschienenen Buch „The Sphere and Duties of Woman: A Course of Lectures“. Auch old news können fake news sein. Aber vielleicht sind die Regeln gar keine fake news, vielleicht stimmt nur die Zuschreibung nicht. (Von Arno Widmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare